"Das ist sehr störend!"

aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Bence Viola ist einer der drei Grabungsleiter in Willendorf. Ein Gespräch mit dem Forscher über die Frühgeschichte des Orts, die neuen Funde - und deren schwierige Interpretation. Interview: Birgit Dalheimer

heureka!: Sie machen an derselben Stelle weiter, an der schon vor über 100 Jahren gegraben wurde. Was ist so interessant an Willendorf?

Bence Viola: Der Fundort ist einzigartig in Europa, auch weil er so eine lange Zeitspanne abdeckt. Die ältesten Spuren von Hominiden, die wir dort finden, sind bis zu 60.000 Jahre alt. Als der moderne Mensch vom Nahen Osten kommend Europa besiedelt hat, ist er wahrscheinlich durch das Donautal gekommen. Willendorf war also mitten auf seiner Wanderroute. Danach gibt es nahezu durchgehend Funde bis vor etwa 24.000 Jahren, anhand deren wir nicht nur die menschliche Kultur rekonstruieren können, sondern auch Klima, Vegetation und andere Umweltbedingungen.

Wer hat denn in diesem Zeitraum in dieser Gegend gelebt? Waren das auch Neandertaler?

Das ist wahrscheinlich, aber schwer zu beweisen. Eine der untersten Schichten, die wir genauer untersuchen, ist etwa 48.000 Jahr alt. Das fällt eigentlich in die Zeit der Neandertaler. Allerdings haben wir bis jetzt keine Menschenreste gefunden. Und allein anhand der Steinwerkzeuge, die wir gefunden haben, ist schwer zu sagen, wer das hergestellt hat. Weiter oben ist es eindeutiger, da gibt es auch ein paar Homo-sapiens-Überreste - die sind aber "nur" rund 25.000 Jahre alt.

Was weiß man darüber, was diese Menschen in Willendorf getan haben?

Das, was wir aus der Zeit von vor rund 38.000 Jahren und älter finden, stammt vermutlich von durchziehenden Menschengruppen, die dort Werkzeuge hergestellt oder verloren haben, sich aber nicht länger aufhielten. Bei der obersten Grabungsschicht dagegen, aus der die Venus stammt, also aus der Zeit vor gut 25.000 Jahren, nehmen wir wegen der Dichte der Funde an, dass es ein Lagerplatz war, den man auch für längere Zeit nutzte.

Auf welchen Zeitraum konzentrieren Sie Ihre Grabungen?

Das Interessanteste für uns ist das, was aus der Zeit von vor rund 40.000 Jahren übrig ist. Das ist genau der Zeitraum, wo in Europa der Wechsel vom Neandertaler zum modernen Menschen begonnen hat.

Die unterste, 60.000 Jahre alte bekannte Kulturschicht in Willendorf interessiert Sie nicht?

Doch, aber diese Schicht liegt viereinhalb Meter unter der heutigen Oberfläche, dorthin zu kommen wäre ein Riesenaufwand. Das Grabungsareal liegt direkt neben der Bahntrasse. Würden wir in der Tiefe weitermachen, hätten wir wahrscheinlich auch mit Stabilitätsproblemen am ganzen Hang zu kämpfen. Außerdem: Bei den alten Grabungen wurden schon 120 Quadratmeter in dieser Tiefe ausgegraben. Und damals hat man gerade einmal drei Steinwerkzeuge gefunden - eine ziemlich geringe Ausbeute. Mit der Genauigkeit, mit der heute gegraben wird, würden wir für so eine Fläche Jahre brauchen - das wollten wir uns nicht antun.

Was haben Sie bis jetzt gefunden?

Einer der wichtigsten neuen Funde vom vergangenen Sommer ist ein Steinwerkzeug, dessen Abschlagkanten genau auf ein Fundstück aus den alten Grabungen VON 1908/09 passen. Das ist deshalb so interessant, weil es immer wieder Zweifel über die Datierungen der Funde aus den früheren Grabungen gab. Unser Steinwerkzeug haben wir mit modernsten Methoden datiert. Es ist rund 44.000 Jahre alt - genauso alt muss auch der Fund aus der früheren Grabung sein.

Von wem stammen diese Werkzeuge?

Die Steinwerkzeuge wurden damals hergestellt, indem Steine mit anderen Steinen abgeschlagen wurden. Und zwar mit je nach Kultur unterschiedlichen Methoden. Was wir da gefunden haben, gehört zum sogenannten Aurignacien, der ersten Kultur des modernen Menschen in Europa.

Dieses Werkzeug wäre deutlich älter als die bisher ältesten Homo-sapiens-Funde in Mitteleuropa ...

Richtig, die ältesten Homo-sapiens-Knochenfunde in Europa stammen aus Rumänien und sind etwa 36.000 Jahre alt. Für kulturelle Überreste, die man eindeutig Homo sapiens zuordnet, gibt es in Europa allerdings ein paar ältere Fundstellen, und eine davon ist Willendorf. Die Kultur des Aurignacien lässt sich aus nichts herleiten, was die Neandertaler gemacht haben, sehr wohl aber aus einigen Kulturen im Nahen Osten, wo es zu der Zeit sicher auch schon moderne Menschen gab.

Das stützt also wieder die These der Besiedlung Europas durch Homo sapiens aus dem Nahen Osten?

Ja, genau. Allerdings ist das Aurignacien im Nahen Osten um einiges jünger als in Mitteleuropa, als das, was wir hier in Willendorf finden. Das ist sehr störend! 3

Zur Person

Bence Viola ist Paläoanthropologe an der Universität Wien und einer der drei Grabungsleiter in Willendorf. Viola grub bereits in Usbekistan, Äthiopien und forschte in sibirischen Museen. Der 30-Jährige gilt als heimische Nachwuchshoffnung in seinem Forschungsgebiet.=

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