Indiana Jones in echt

aus HEUREKA 2/08 vom 18.06.2008

Archäologie gilt als Traumberuf. Doch wie sieht die Arbeitsrealität der Jäger nach den verborgenen Schätzen aus? Fünf Profi-Buddler geben Auskunft über die Lust und den Frust beim Graben.

Ich begann schon in meiner Gymnasialzeit mit dem Aufsammeln von Tonscherben. Einem Lehrer habe ich es auch zu verdanken, dass sich diese Leidenschaft in die richtigen Bahnen bewegte. Im Sommer 1975 nahm ich zum ersten Mal an den Ausgrabungen in Thunau bei Gars/Kamp und auf dem Oberleiserberg im Weinviertel teil, zwei Grabungsstellen, die für 15 Jahre bestimmend in meinem "archäologischen" Leben waren. Der Wechsel in die Prähistorische Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien brachte es mit sich, dass seit 1993 meine Grabungstätigkeiten auf das Gräberfeld in Hallstatt ausgerichtet sind.

Bei der Arbeit versucht man, sich gedanklich in die damalige Zeit zurückzuversetzen, doch gleichzeitig gilt die Konzentration dem Graben, denn jede Ausgrabung bedeutet zugleich auch eine gewollte und kontrollierte Zerstörung der Vergangenheit. Vieles in unserer Forschung ist heute vom Einsatz der finanziellen Mittel abhängig, die zusehends schwieriger aufzustellen sind, weil einerseits die eigenen Forschungsbudgets immer kleiner werden, andererseits auch die Unterstützung von privater Seite abnimmt.

Für die Forschung in Hallstatt besteht noch keine Gefahr, da wir mit den Salinen Austria einen potenten Partner als Förderer besitzen. Durch die Grabungen auf dem Hallstätter Salzberg und durch Veranstaltungen wie "Archäologie am Berg" kommen wir in engen Kontakt mit vielen Besuchern.

Vielen von ihnen erscheit die Archäologie als Traumberuf. Sicherlich haben Filme wie "Indiana Jones" fälschlicherweise ein abenteuerliches, teilweise auch romantisches Bild von unserem Fach entworfen. Die Wirklichkeit sieht sicherlich etwas nüchterner aus, ist aber trotz allem faszinierend.

Anton Kern (50), Studium Ur- und Frühgeschichte sowie Geschichte in Wien. Seit 1991 Mitarbeiter der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien, seit 2001 Direktor dieser Abteilung. Spezialgebiet: hallstattzeitliche Bestattungssitten..

So lange ich mich erinnern kann wollte ich Archäologin werden, denn Ausgrabungen haben mich immer fasziniert. Ferialjobs, Studien-Praktika und selbst die Urlaube orientierten sich immer daran, in der Archäologie zu arbeiten und mein Wissen zu erweitern.

Während meiner Ausbildung sammelte ich am Magdalensberg, am Hemmaberg, in Teurnia und Carnuntum wichtige Erfahrungen. Nach dem Studienabschluss verlagerte sich die Arbeit in die Türkei und nach Ägypten. Folgen meiner Berufswahl sind monatelange Abwesenheiten und ein Leben in oft unkomfortablen Grabungscamps. Da ist die Abenteuerromantik mangels Wasser, Strom oder wegen extremer Hitze sehr schnell beeinträchtigt. Aber meine Begeisterung hat dies nie getrübt. Im Gegenteil, ich versuche die Faszination des Archäologenlebens auch an meine dreijährige Tochter weiterzugeben.

Beruflicher Erfolg definiert sich weniger über Einzelfunde, vielmehr sind es komplexe kulturhistorische Erkenntnisse. Für Laien unscheinbare Funde können für die Fachwelt von immenser Bedeutung sein, während "Traumfunde" oft mehr Aufmerksamkeit als Erkenntnisse liefern. Zweifellos freut man sich über jeden außergewöhnlichen Fund und genießt den Augenblick der Entdeckung. So ein Moment war für mich 1991, als ich die vierte frühchristliche Kirche am Hemmaberg in Kärnten mit ihrem reichen Mosaikschmuck fand.

Zu meiner Bezahlung habe ich ein durchaus ambivalentes Verhältnis. Für einen sehr hohen Arbeitsaufwand und Einsatz fühle ich mich nicht ausreichend belohnt. Zum anderen habe ich es täglich mit hervorragenden Kollegen zu tun, die meist in prekären Arbeitsverhältnissen leben und nicht wissen, wie sie das nächste Jahr finanzieren sollen. Insofern ist es ein Privileg, einen Traum verwirklicht zu haben und diesen auch leben zu können.

Es hat mich immer interessiert, wie die prähistorischen Menschen auf unterschiedliches Klima, zum Beispiel die Eiszeiten, reagiert haben. Oder wer die Neandertaler waren und warum sie ausgestorben sind. Um das herauszufinden, untersuche ich die Werkzeuge, Kunstobjekte und Abfälle der letzten Neandertaler und ersten modernen Menschen. Diese Forschungen haben mich zu Grabungen in Österreich, aber beispielsweise auch in Frankreich, Deutschland und Marokko geführt. Ich leite seit 2006 die Grabungen in Willendorf in der Wachau, wo wir Werkzeuge und Abfälle der ersten modernen Menschen in Mitteleuropa finden.

Die alltägliche Arbeit auf der Grabung hat nichts mit der Indiana-Jones-Action zu tun, wenn auch schon mal eine Schlange in der Grabung oder ein Skorpion unter dem Zelt sein kann. Manchmal kann die Arbeit eintönig sein und könnte man fast ungeduldig werden: Warum ist es denn hier nur so heiß? Man träumt natürlich von einem spektakulären Fund wie der Venus von Willendorf, aber es ist auch sehr wichtig zu wissen, wie alt jeder einzelne Fund ist. Dafür brauchen wir organisches Material, wie beispielsweise Holzkohle oder Knochen, für die C14-Datierung.

Sabine Ladstätter (39), Studium der Klassischen Archäologie in Graz und Wien. Spezialgebiet: Wirtschaftsarchäologie. Grabungen derzeit in Syene/Ägypten und Ephesos/Türkei, wo sie stellvertretende Grabungsleiterin ist..

Graben als Traumberuf? Für mich auf alle Fälle, weil ich Neues über das Leben der Menschen in der Eiszeit, das Aussterben der Neandertaler und das erfolgreiche Überleben des modernen Menschen lerne.

Dass Archäologie vielen als Traumberuf gilt, kann ich gut nachvollziehen. Ich musste dafür ins Ausland gehen und sehe meine Familie und Freunde nur mehr selten. Das ist ein hoher Preis, um als Paläoanthropologe zu arbeiten. Wissenschaft ist ein internationales, schlecht planbares Unterfangen. Dieser Lebensstil liegt nicht jedem. Ich hatte viel Glück und bin nach wie vor von meiner Arbeit erfüllt.

Philip Nigst (31) Studium der Archäologie, Spezialgebiet: Altsteinzeit. Arbeitet am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Grabungen in Österreich, Marokko, Frankreich, Deutschland, Sizilien und Ägypten.e

Nach meinem Anthropologiestudium in Wien wollte ich mich auf Hominidenevolution in Europa spezialisieren. Für meine Dissertation ging ich deshalb nach Madrid, und während dieser Arbeit über die Evolution der Neandertaler arbeitete ich auch in Atapuerca.

Besonders aufregend war für mich, in Sima del Elefante (nahe Atapuerca) leuchtend weiße Steinsplitter zu entdecken, wie sie als Abfall bei der Herstellung von Steinwerkzeugen enstehen.

Beim Graben man muss sich auf das Sediment konzentrieren, um nicht "zu tief" in die Zeit vorzustoßen. Ungeduldig wird man nicht, weil man ja nicht nach speziellen Dingen sucht, sondern das Sediment abarbeitet. Ich musste mich aber auch schon von Steilwänden abseilen oder mich einen Kilometer lang durch extrem schmale Höhlenschächte zwängen, um danach bei zwölf Grad Celsius Neandertalerknochen zu identifizieren.

Markus Bastir (39) Anthropologie- und Paläoanthropologiestudium in Wien und Madrid, Spezialgebiet: Evolution von Neandertalern und modernen Menschen. Ausgrabungen unter anderen in Sima del Elefante, Atapuerca und El Sidrón.

Die Entscheidung, mich der Archäologie zu widmen, fiel bereits sehr früh in meinem Leben. Bereits als Kind war ich fasziniert davon, auf Feldern Überreste aus vergangenen Zeiten aufzuspüren. Als ich dann mein Studium begann, löste es in mir eine noch größere Begeisterung aus, auf einer Grabung die Objekte im Kontext zu entdecken. Dadurch können nämlich viel mehr Aussagen über vorangegangene Epochen getroffen werden.

Ich habe bereits an mehreren Grabungen in verschiedenen Ländern teilgenommen. Da ich Österreich sehr verbunden bin und den Wunsch hege, im eigenen Land einen sensationellen Fund zutage zu fördern, war ich hauptsächlich hierzulande tätig.

Wenn ich an Schwierigkeiten denke, die bei Grabungen zu bewältigen waren, dann spielte das Wetter dabei eine wichtige Rolle. Letzten August zum Beispiel hatten wir in Willendorf mit sintflutartigen Regenfällen zu kämpfen. Denn trotz einer Konstruktion, die unsere Grabungsfläche schützen sollte, wurde einiges überflutet, was wir dann bei strömendem Regen und mit höchstem Einsatz ausschöpften und besser absicherten.

Ich kann nachvollziehen, dass für viele Menschen Archäologie ein Traumberuf wäre, weil sie sich wahrscheinlich der Illusion hingeben, dass irgendwo ein Loch zu graben reicht, um tolle Funde zu machen. Aber die Realität sieht anders aus.

Viola Schmid (21) studiert Archäologie an der Universität Wien, Spezialgebiet: Altsteinzeit. Bisher Grabungen an mehreren Fundstätten in Österreich Frankreich, Italien, Deutschland und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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