Das Auge des Tintenfischs

aus HEUREKA 3/08 vom 08.10.2008

Der Akademiestreit. "Der Vulkan ist ausgebrochen, alles steht in Flammen; wir haben keine Verhandlungen hinter verschlossenen Türen mehr!" Mit diesen Worten kommentierte Johann Wolfgang von Goethe die Ereignisse im Paris des Jahres 1830. Und er meinte damit keineswegs die Julirevolution, nein, Goethe meinte einen Disput, der in den Räumen der ehrwürdigen Akademie der Wissenschaften entbrannt war.

Im Epizentrum dieser bis nach Weimar spürbaren wissenschaftlichen Eruption standen zwei Autoritäten der französischen Biologie, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Auf der einen Seite Georges Cuvier, der Begründer der Paläontologie, ein hervorragender Anatom und Vertreter der Katastrophentheorie, der zufolge das Leben im Lauf der Naturgeschichte immer wieder ausgestorben sei, um danach regelmäßig mithilfe Gottes in neuem Formenreichtum zurückzukehren.

Auf der anderen Seite Étienne Geoffroy Saint-Hilaire, Zoologe ersten Ranges, der - beeinflusst von der romantischen Naturphilosophie - glaubte, der Körperbau der Tiere lasse sich auf einen einzigen Grundbauplan zurückführen. Cuvier indessen vermeinte in der Natur vier von Gott isolierte "embranchements" zu erkennen - die Hauptgruppen der Wirbel-, Weich-, Strahlen- und Gliedertiere, zwischen denen es seiner Ansicht nach weder Ähnlichkeiten noch Verwandtschaft gab.

Tintenfischretina. Anlass für den berühmten Akademiestreit war ein Aufsatz zweier junger, unbekannter Naturkundler, die behaupteten, man könne die Anordnung der Organe eines Tintenfisches in diejenige von Wirbeltieren überführen. Geoffroy Saint-Hilaire, der das Tierreich durch die Brille der "Einheit der Komposition" betrachtete, war davon begeistert, Cuvier indes betrachtete die These schlichtweg als Unsinn und widerlegte sie recht schnell mit ein paar anatomischen Argumenten.

Aus heutiger Sicht muss man in dieser Sachfrage wohl Cuvier Recht geben, wenngleich es tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit zwischen Tintenfischen und Wirbeltieren gibt, wie der Biologe und Wissenschaftshistoriker Olaf Breidbach von der Universität Jena betont: "Wenn ich im Anatomiepraktikum die Augen durchnahm, führte ich manchmal die Studenten an der Nase herum. Statt einer menschlichen Netzhaut legte ich ihnen eine Tintenfischretina unters Mikroskop. Die beiden sehen nämlich ganz ähnlich aus, bis auf die Tatsache, dass ihre Fotorezeptoren unterschiedlich orientiert sind."

Man könnte auch sagen: Im menschlichen Auge ist der Film quasi verkehrt eingelegt, unsere Stäbchen und Zapfen schauen nicht zum Licht, sondern weg davon. Breidbach: "Das hat mit der Keimesentwicklung zu tun. Beim Tintenfisch bildet sich das Auge aus einer Einstülpung, bei uns hingegen aus einer Ausstülpung."

Ein Protodarwinist? Cuvier und Geoffroy Saint-Hilaire hielten sich jedenfalls nicht sehr lange mit etwaigen organischen Parallelen zwischen Weich- und Wirbeltieren auf, sondern verlagerten die Debatte rasch auf eine grundsätzliche Ebene. Sie stritten um nichts weniger als die Ordnung der Natur.

Geoffroy Saint-Hilaire wird in diesem Zusammenhang gerne die Rolle des Reformers und Protodarwinisten zugewiesen, nicht zuletzt wegen seines emphatischen Eintretens für eine generelle Verwandtschaft aller Tiere: "Jeder im Saale würde erkennen", rief er während einer der acht öffentlichen Auseinandersetzungen an der Pariser Akademie aus, "dass sich alle Tiere im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihres Bauplans evoluiert haben, wenn hier nicht eine Person säße, die ihre Autorität dazu missbrauchte, diese Wahrheit zu verschleiern!"

Aber so einfach ist die Sache nicht, stellt Breidbach klar: "Geoffroy vertrat im Grunde die uralte Idee der Metamorphose, derzufolge nur das entstehen kann, was bereits in der Natur angelegt ist. Das ist letztlich ein statisches Weltbild, das mit der Evolution im heutigen Sinne nichts zu tun hat. Innovativ war Geoffroy in anderer Hinsicht: Seine Natur kam ohne Gott aus." Doch für natürliche Erklärungen war es im Jahr 1830 offenbar noch ein bisschen zu früh. Georges Cuvier verließ die Arena der Akademie als klarer Punktesieger. R. C.

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