Japaner schauen anders

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/08 vom 08.10.2008

Ostasiaten haben zwar eine Lidfalte weniger, sehen physiologisch aber genau wie wir. Bei der Gesichterwahrnehmung allerdings unterscheiden sich Ost und West, behaupten zwei neue Studien. Weil der Blick kulturell geprägt ist?

Andere Augen. Jene, die es nicht besser wissen - oder politisch inkorrekt sein wollen -, sagen "Schlitzaugen". Denn der Begriff gilt längst als rassistisch. "Mandelaugen" ist auch nicht viel besser. Den Fachausdruck Epikanthus medialis kennen freilich nur die wenigsten. Gemeint ist jeweils die scheinbare Augenverengung der meisten ostasiatischen Menschen. Aus japanischer Perspektive sehen wiederum "westliche" Augen seltsam aus: Da in unseren Gesichtern auch die oberen Augenlider eine Falte besitzen, unterscheidet man in Japan zwischen ostasiatischen Augen mit einer und westlichen Augen mit "doppelter Lidfalte".

Westliche und östliche Augen schauen also anders aus. Aber sehen wir auch anders? Rein physiologisch betrachtet gibt es keinen Unterschied: Das Gesichtsfeld ist unabhängig von den Lidern dasselbe. Dennoch gibt es neue Studien, die behaupten, dass Japaner und US-Amerikaner anders schauen - zumindest, wenn sie andere Menschen betrachten.

"Der gesellschaftliche Hintergrund wirkt sich darauf aus, wie wir Gesichter betrachten. Das ist je nach Kultur unterschiedlich", behauptet jedenfalls Robert Caldara von der Universität Glasgow.

Kulturell gelenkter Blick? Caldara und Kollegen konnten mittels sogenannter Eye-Tracking-Untersuchungen und bildgebender Verfahren zeigen, dass Angehörige westlicher Kulturen bei der Gesichterbetrachtung auf spezifische Partien wie die Augen oder den Mund fokussieren. Menschen aus Ostasien hingegen würden eher auf die Nase bzw. in die Mitte des Gesichts blicken, so Caldara, der seine Ergebnisse unter dem Titel "Culture Shapes How We Look at Faces" (PLoS One, Bd. 3, Nr. 8) vor wenigen Wochen veröffentlichte - und damit auf den Punkt brachte.

Auch eine Erklärung liefert der Studienautor mit: "Direkter Augenkontakt gilt in vielen ostasiatischen Kulturen als unhöflich." Eine weitere mögliche Begründung für den anderen Blick der Ostasiaten lieferte kürzlich Takahiko Masuda, Psychologe an der Universität von Alberta in Kanada. Er ließ für seine neue Studie (veröffentlicht im Journal of Personality and Social Psychology, Bd. 94, Nr. 3) über dreißig Testpersonen die Zeichnungen von fünf Kindern beurteilen.

Die Studienteilnehmer - zur Hälfte Japaner und zur anderen Hälfte Nordamerikaner - wurden gebeten, sich das Gesicht in der Mitte der Zeichnung besonders genau anzuschauen und es auf einer 10-Punkte-Skala nach Fröhlichkeit, Traurigkeit und Zorn zu bewerten. Auch bei dieser Versuchsanordnung zeigten sich erstaunliche Unterschiede. Wenn nämlich das Gesicht in der Mitte fröhlich dreinschaute, die Figuren im Hintergrund aber unglücklich waren, dann beurteilten die japanischen Studenten den Gefühlszustand der Person im Zentrum signifikant "schlechter" als ihre nordamerikanischen Kollegen.

Ein alter Hut? Orientieren sich die Japaner beim Sehen und Fühlen also mehr am Kollektiv? Kann oder darf einer allein nicht fröhlich sein? Sabine Frühstück, Professorin für Ostasienwissenschaft an der kalifornischen Universität Santa Barbara, ist skeptisch und verweist auf einen anderen Unterschied: Japaner seien generell zurückhaltender, Gefühle im Gesicht zu zeigen, als US-Amerikaner: "Das heißt, die Unterschiede haben wohl weniger mit dem alten Hut vom westlichen Individualismus versus dem japanischen Gruppendenken zu tun, sondern damit, dass man eben nicht in den gleichen Situationen die Gefühle gleich im Gesicht ausdrückt."

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