Tausend Mal berührt

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/08 vom 08.10.2008

Die Fernsinne Auge und Ohr dominieren unsere Kultur, der Tastsinn gilt als der Verlierer der Moderne. Es lässt sich aber auch eine ganz andere Traditionslinie des Taktilen ziehen

Spinnen spüren. Friedrich Barth kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Der Wiener Zoologe hat sich mit der Erforschung des Tastsinns der Spinnen einen Namen gemacht. Aber den eigenen Tastsinn, nein, den setze er dafür nicht ein. Die niedlichen Tierchen lässt er nur über die Hand laufen, wenn Journalisten vorbeikommen, die Bilder brauchen (zuletzt die heureka!-Redaktion, s. S. 3). Dem Gefühl der Spinnen ist nur mit Hightech beizukommen: Mit dem Mikroskop werden die winzigen Spalten im Chitinskelett untersucht, mit dem Laser die Vibrationen bei der Spinnenbalz gemessen, mittels Computersimulationen wird die komplexe Reizverarbeitung rekonstruiert.

In den Anfängen der Naturforschung fungierte der menschliche Körper als Instrument. Noch im 18. Jahrhundert spürte man elektrische Ladungen zunächst mit dem Finger und zog belustigt Funken aus der Nase des elektrisierten Gegenübers. Einige Forscher gerierten sich als Helden, weil sie im Dienste der Wissenschaft bereit waren, Schmerzen bei heftigen Entladungen zu ertragen.

Bald aber nutzte man Strohhalme und Metallnadeln, die winzige Mengen von Elektrizität durch einen entsprechenden Ausschlag anzeigen und vor allem quantifizieren konnten. Die menschlichen Sinne wurden zunehmend als Beschränkung und als Fehlerquelle empfunden. Isaac Newton war schon zuvor klar gewesen, dass die Sinneseindrücke "in der Erforschung der Natur keinen Platz haben".

Dominanz der Distanz. Den Spitzenplatz punkto Unzuverlässigkeit erwarb sich der Tastsinn, in der Aufklärung hieß er bezeichnenderweise "Gefühl". Was die Finger spüren ist flüchtig, ungenau, zutiefst subjektiv. Im abendländischen Denken "gehören Schmecken, Riechen, und Berühren in die diffuse Welt der Küche, des Gartens, und der Erotik" und trügen eben nicht zur Durchdringung und Differenzierung unserer Umwelt bei, sagt Niklaus Largier, Germanist an der University of California, Berkeley: "Sehen und Hören wurden hingegen mit Licht und Wort assoziiert." Nicht nur in der Erforschung der Natur, sondern auch im Leben der Menschen scheint das Angreifen der Dinge massiv an Bedeutung und auch an Ansehen verloren zu haben. In der industriellen Revolution übernahm die Maschine die Arbeit, das Handwerk verschwand mehr und mehr. An die Stelle der haptischen Einbettung in die Welt trat die Distanzierung von den Dingen, wie der Soziologie Norbert Elias dies in seinem Werk "Der Prozess der Zivilisation" am Beispiel der Benützung von Besteck beschrieben hat.

Das Stethoskop ermöglichte es dem Arzt, die Herztöne abzuhören, ohne die Patientin unsittlich berühren zu müssen. Gegenstände zu betasten, ja zu betatschen, gilt als kindisch und ist das zweifelhafte Privileg von "Eingeborenen", die dadurch vermeintlich ihre zivilisatorische Unreife verraten.

Die Romantik des Verlustes. Zwischen uns als körperliche Wesen und die Welt sind einerseits Instrumente und Maschinen sowie andererseits gesellschaftliche Konventionen getreten. Unsere hochsensiblen Fingerspitzen legen nur noch Schalter um oder dirigieren den Cursor auf dem Touchpad des Notebooks. Kulturwissenschaftler nennen das eine "master narrative" und meinen damit eine "Geschichte", die sich in unseren Köpfen durchsetzt, weil sie überaus plausibel scheint. Die Meistererzählung des Tastsinns ist die Geschichte eines Verlusts. Bei allem Fortschrittsgetöse schwingt dabei auch immer ein Schuss Modernismuskritik mit, womit die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt beklagt wird.

Symptomatisch für diese Romantisierung ist etwa unsere Wertschätzung von Handarbeit, die sich gewiefte Marketingprofis zunutze machen, indem sie handgeschöpftes Büttenpapier, handgepressten Apfelsaft und handgemachte Mehlspeisen unters Volk bringen. Ob diese Manualia qualitativ tatsächlich maschinell hergestellte Produkte ausstechen oder nicht vielmehr ein gewisses Lifestylebedürfnis befriedigen, sei dahingestellt.

Eine andere Geschichte. "Für diese Erzählung vom Verlust spricht vieles", sagt Niklaus Largier, "aber es ist nur eine Version." Der Schweizer Germanist von der US-amerikanischen Westküste möchte eine andere Version herausarbeiten. Er verweist darauf, dass für die Philosophen des Mittelalters der Tastsinn etwas ganz anders ist als die anderen Sinne.

Man könne nämlich nicht berühren, ohne berührt zu werden. Der Tastsinn habe eine doppelte Funktion: Da ist zum einen die Hand, die Gegenstände ertastet, da ist zum anderen aber auch die räumliche Einbettung, die Sinnlichkeit als solche überhaupt erst ermöglicht. Für Thomas von Aquin wurde der Tastsinn daher zum Fundament, zum Sinn aller Sinne.

Largier möchte nun aber nicht die Hierarchisierung der Sinne umkehren und statt des Sehsinns den Tastsinn inthronisieren. Er will vielmehr aus diesem Oben-unten-Denken ausbrechen. Fündig wird er in der mittelalterlichen Mystik und in Frömmigkeitspraktiken. Kirchenmusik, Gebet, Rosenkranz - all das seien vielfältige Stimulierungen der Sinne: "Wenn ein mittelalterlicher Mönch von einem Choral berührt wird, ist das metaphorisch, aber auch ganz konkret gemeint. Die hervorgerufenen Stimmungen manifestieren sich auch auf der physiologischen Ebene."

In einer erotisch aufgeladenen Vision berichtet die Mystikerin Hadewijch von Antwerpen (13. Jahrhundert), wie sie der Gesang der Messe so bewegte, dass sie Jesus sah. Zunächst umarmten sie sich, dann "kosteten sie sich körperlich", wie es heißt. Hier fließen Gehör, (inneres) Sehen und Fühlen ineinander. Die Gläubigen be-greifen auch buchstäblich Bilder, berühren Reliquien und küssen bis heute Ikonen. Für den spätmittelalterlichen Theologen Hendrik Herp ist daher der Tastsinn das "eigentliche Medium zwischen Mensch und Gott". Diese religiösen Praktiken sollen emotional aufwühlen, am spektakulärsten geschieht dies durch die Geißelung. Das Blutigschlagen des eigenen Körpers wird öffentlich vorgeführt, um die Zuseher mitzureißen. Die frühe pornografische Literatur, etwa im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts, übernimmt dieses Modell der Erregung: Wer das Gezeigte anschaue, tue es dann auch selbst, so Largier.

Das Streicheln der Kamera. Schön und gut, aber ist in der Moderne das Taktile nicht doch verlorengegangen? Largier spricht lieber von Verschiebungen und verweist auf Walter Benjamins Interpretation des frühen Films. Dieser stehe vermeintlich für den ultimativen Triumph des Visuellen, "schaue" man aber genauer hin, zeigten sich auch taktile Qualitäten des Kinos. Dann nämlich, wenn die Kamera die Zentralperspektive aufgibt und den Dingen entlangspürt, über ein Gesicht oder einen Körper "streicht". Der Distanzsinn des Sehens ziele nun auf das Partikulare und rücke damit in die Nähe des Taktilen.

Auch die Virtual Reality unserer Tage werde ja häufig als die Verlängerung der Dominanz des Visuellen interpretiert, als eine unendliche Vervielfältigung der Bilder. Was man in Second Life oder in Computerspielen sehe, habe aber auch haptische Qualitäten. Diese Vereinnahmung der Sinne errege ja nicht nur visuell, sondern erfasse die ganze Sinnlichkeit, so Largier. Um es pointierter auszudrücken: Der Joystick wird zum Rosenkranz des Cyberspace.

Raffiniert und künstlich. Die Sinneserfahrung sei heute differenzierter und reichhaltiger, sagt Largier, Formen der gegenseitigen Verstärkung würden gezielt inszeniert. Gleich, ob in multimedialen Happenings, durch exquisite Sitzmöbel oder exotische kulinarische Genüsse: Die Sinnlichkeit werde immer raffinierter stimuliert - und in der Konsumkultur vereinheitlicht. Der letzte Schrei sind Kuschelpartys. Einander fremde Menschen schmusen unter Aufsicht und im Rudel auf Matratzenlagern: Sex ist tabu, Zärtlichkeit das Ziel. Berühren und berührt werden im 21. Jahrhundert.

Literatur

Günter Getzinger: Haptik. Rekonstruktion eines Verlusts. Wien 2005 (Profil Verlag). 146 S., € 22,70

Niklaus Largier: Die Kunst des Begehrens: Über Dekadenz, Sinnlichkeit und Askese. München 2007 (C.H. Beck). 187 S., € 20,50

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