Keine Insel der Seligen

aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

In den vergangenen Monaten erschütterten spektakuläre Betrugsfälle die österreichische Forschung. Christiane Druml, Gerhard Fröhlich und Christoph Kratky diskutieren über die Ursachen für wissenschaftliches Fehlverhalten und wie es in Zukunft vermieden werden kann. Moderation: Klaus Taschwer

heureka!: Die Wissenschaftszeitschrift „Nature“ kritisierte vor einigen Wochen anlässlich des Skandals um eine Zelltherapiestudie an der Medizinischen Universität Innsbruck scharf, wie in Österreich mit wissenschaftlichem Fehlverhalten umgegangen wird. Zu Recht?

Kratky: Die kritisierte Arbeit wurde mittlerweile von der Zeitschrift Lancet zurückgezogen. Dieser offenkundige Fall von Fehlverhalten hat natürlich ein Schlaglicht auf die österreichische Wissenschaftsszene geworfen. Und weil Nature weltweit von Wissenschaftlern gelesen wird, hat das Österreich internationale Aufmerksamkeit verschafft.

Druml: Wir vom Universitätsrat der Medizinischen Universität Innsbruck waren über den Nature-Kommentar verärgert, weil er in zumindest zwei Punkten nicht richtig war. Erstens wurde der Anschein geweckt, dass die gleichzeitige Absetzung des Rektors etwas mit diesem Fall zu tun gehabt haben könnte und man etwas vertuschen wollte. Das stimmt aber nicht. Ebenfalls nicht richtig war die Feststellung, dass es in Österreich keine Stelle gebe, die solche mangelhaften Studien überprüft. Die verdächtige Arbeit wurde von der AGES, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, untersucht, die zu einem eindeutigen Ergebnis kam.

Im AGES-Endbericht wurde die Schuld allein dem Hauptautor Hannes Strasser gegeben. Sein Vorgesetzter, der auf allen Publikationen als Co-Autor aufschien, blieb unbehelligt, weil er angeblich von nichts gewusst hat. Wie kann das sein?

Kratky: International ist es selbstverständlich Konsens, dass nur Personen als Co-Autoren aufscheinen dürfen, die auch zu einer Arbeit beigetragen haben. Es ist ein klarer Fall von wissenschaftlichem Fehlverhalten, wenn sich Leute ab einer gewissen Hierarchiestufe automatisch auf die Publikationen reklamieren. Der Nature-Kommentar war aber schon auch insofern berechtigt, als er klarstellte, dass es in Österreich an einer Agentur fehle, die sich speziell mit der Überprüfung von wissenschaftlichem Fehlverhalten befasst. Die AGES ist ja nur für die Einhaltung von Gesetzen zuständig. So unerfreulich der ganze Fall ist, so hat er doch dazu beigetragen, dass die vom FWF initiierte Agentur für wissenschaftliche Integrität nun auf breiter Basis umgesetzt wird.

Fröhlich: Die Gründung einer solchen Agentur ist ein Eingeständnis, dass Betrugsfälle halt auch in Österreich immer wieder passieren – was man bisher doch eher zu leugnen versucht hat. So entstand der Eindruck, dass wir in Sachen wissenschaftlichen Fehlverhaltens die Insel der Seligen wären und uns daher scheinbar zu Recht über die Skandale in anderen Ländern mokieren könnten.

Wie soll denn die Aufgabenaufteilung zwischen der Agentur und den an den Universitäten dafür eingerichteten Stellen aussehen?

Kratky: Wir haben die Unis bereits vor Jahren gebeten, Ombudsstellen für Fehlverhalten einzurichten, aber die funktionieren nur teilweise. Wie man am Innsbrucker Fall sieht, sind bei schwerwiegenden Fällen die universitätsinternen Stellen zumeist überfordert. Jedes wissenschaftliche Fehlverhalten ist fachspezifisch, und das schafft folgendes Problem: Entweder man nimmt aus der Universität enge Fachkollegen – die sind meist entweder Freund oder Feind. Oder Sie nehmen jemanden von einer ganz anderen Disziplin, der sich aber nicht so gut auskennt. Die Glaubwürdigkeit eines Verfahrens hängt aber davon ab, dass die Untersuchenden unabhängig sind.

Druml: Ein solches „Scientific Integrity Board“ darf auch an den Unis selbst nicht intern besetzt sein. An der Innsbrucker Medizinuniversität wurde das mit einem Experten aus der Schweiz und zwei Fachleuten aus anderen österreichischen Unis beschickt. Ich halte es aber auch für ungünstig, wenn Fehlverhalten dem Rektor gemeldet werden muss. Denn das stellt für viele aufgrund der Hierarchie ein Hindernis dar.

Die rezenten Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten in Österreich sind – zumindest die spektakulärsten davon – in der Medizin und da im Zusammenhang mit Firmen passiert, an denen die Forscher beteiligt waren. Ist gerade dieser Bereich in Österreich schlecht geregelt?

Kratky: Ja. In den letzten Jahrzehnten haben sich in Österreich Dinge eingeschlichen, die sich so nicht gehören. Die Frage von Firmenbeteiligungen und Studien mit kommerziellem Hintergrund ist eine sehr sensible Materie. Ich bin froh, dass es nicht in den Aufgabenbereich eines Wissenschaftsfonds fällt, das zu regeln.

Druml: Es gibt an den medizinischen Universitäten Ethikkommissionen, und im Prinzip sind die Regeln schon vorhanden: Man kann nicht behandelnder Arzt des Patienten sein und zugleich auch noch kommerzielle und wissenschaftliche Interessen verfolgen. Bei uns an der Medizin-Uni Wien etwa muss klargelegt werden, ob ein Interessenkonflikt aufgrund von Firmenbeteiligungen vorliegt. Und wir schauen uns in letzter Zeit vermehrt auch Firmenbuchauszüge an, weil es mehr Spin-offs gibt.

Fröhlich: Das ist schön und gut. Die empirischen Studien über Betrugsfälle zeigen aber, dass bei vielen Anträgen geflunkert wird und Interessenkonflikte verschwiegen werden. Ich habe mir eine Vielzahl von Betrugsfällen im Ausland genau angesehen. In Deutschland etwa gab es etliche Verurteilungen im Zusammenhang mit Korruption bei Drittmittelbezug. In Österreich hingegen hatten wir noch keinen einzigen Fall. Das liegt nicht daran, dass das nicht passieren würde, sondern eindeutig an der unbefriedigenden Rechtssituation in Österreich, die man einmal mit kompetenten Juristen unter die Lupe nehmen müsste.

Aber es gab doch auch in Österreich Plagiatsfälle, die vor Gericht landeten?

Fröhlich: Tatsächlich ist es so, dass es fast keine rechtlichen Grundlagen gibt, Plagiate hierzulande zu verfolgen. Laut Erkenntnissen des Verwaltungsgerichtshofs ist kein Hochschullehrer verpflichtet, eine Arbeit auf Plagiate hin zu überprüfen. Direkte Textübernahmen müssen zudem nicht mit Gänsefüßchen markiert werden, es reichen Fußnoten – bei denen aber der Zitatanfang, ob vor einem Satz oder vor drei Seiten, unklar bleibt. Und der Erschleichungsparagraf bei Diplomarbeiten und Dissertationen greift ja nur, wenn sich die Gutachter getäuscht fühlen. Insofern hilft auch die beste Agentur für wissenschaftliche Integrität nichts, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich so viel schlechter sind als in anderen Ländern.

Was ist da das dringlichste Problem?

Fröhlich: Wissenschaftliches Fehlverhalten ist – auch in Deutschland – ohne eindeutige vermögensrechtliche Konsequenzen kein strafrechtlicher Tatbestand. Vor allem wenn kommerzielle Interessen im Spiel sind, betreten sehr oft Rechtsanwälte mit absurd hohen Klagedrohungen die Bühne und zwingen die Aufdecker und um Klärung bemühten Einrichtungen in die Knie, etwa teilweise die DFG beim sogenannten Krebsforscherskandal. Und oft werden nur niedrigrangige Mitarbeiter geopfert, die Projektleiter bleiben ungeschoren.

Kratky: Das ist der juristische Aspekt, und in dem Punkt gebe ich Ihnen Recht. Allerdings ist es aber auch so, dass Wissenschaftler durch Betrügereien enorm viel Reputation in der Scientific Community verlieren. Wenn etwa eine Studie bei Lancet zurückgezogen wird – wie beim Innsbrucker Fall –, dann ist das für viele das Ende einer wissenschaftlichen Karriere.

In den letzten Jahren scheint es vermehrt Betrugsfälle zu geben – nicht nur in Österreich. Ist es der wachsende Publikationsdruck, der Forscher zu Betrügern werden lässt?

Fröhlich: Es gibt sicher verschiedene Typen von Betrügern. Bei manchen Personen kann das zu einer Sucht werden. Der Fall der deutschen Krebsforscher Herrmann und Brach etwa deutet darauf hin (s. S. 10). Die haben schon so dreist gefälscht, dass man das gar nicht mehr anders erklären kann. Auch beim Fall des deutschen Physikers Schön verwundert die Plumpheit der Vorgangsweise.

Kratky: Ich hab das Gefühl, dass da aber auch kulturelle Spezifika mitspielen. In Asien zum Beispiel hat das Abschreiben in der Ausbildung eine hohe Wertigkeit. Das sollte man nicht vergessen.

Apropos Ausbildung: Wird das Thema wissenschaftliche Integrität im Studium ausreichend berücksichtigt?

Kratky: Ich denke, es wird noch nicht ausreichend vermittelt, obwohl es besser geworden ist. Bei den Doktoratskollegs zum Beispiel gibt es einen dafür vorgesehenen Teil. Wir haben aber auch ein grundsätzliches Problem, das im Grunde schon in der Schule beginnt. Wenn man in den USA in der Mittelschule abschreibt oder jemanden abschreiben lässt, ist man sofort draußen. Das ist dort absolut verpönt. Bei uns darf man sich nur nicht erwischen lassen.

Druml: Ich denke auch, dass man da schon bei den Lehrern ansetzen sollte. Die müssen ja schließlich auch studieren und Seminar- und Diplomarbeiten verfassen. Wenn die das besser lernen würden, dann könnte man das auch besser den Schülern vermitteln.

Fröhlich: Unser Institut hat gerade erst den Auftrag bekommen, 1500 Wirtschaftswissenschaftler pro Jahr durch so ein Curriculum zu schleusen. Die Uni Linz ist im Wesentlichen eine Wirtschaftsuniversität, und den Studenten ist es oft nicht ganz leicht zu vermitteln, dass in den Wissenschaften andere Spielregeln gelten als in der Wirtschaft, wo die Chefs großer Unternehmen natürlich ihre Ghostwriter haben. Im Doktoratsstudium an der Sowi-Fakultät haben wir solche Kurse seit Jahren etabliert und sie funktionieren auch halbwegs. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass es bei Ethikkursen den sogenannten Beichtspiegeleffekt geben kann: Wie eine US-amerikanische Untersuchung zeigt, können Studierende gerade dadurch erst auf den Geschmack kommen, zu betrügen oder zu plagiieren. Wenn das bei uns bei Doktoranden passiert, ist es allerdings fast immer Unwissenheit. Wir haben an unserer Fakultät im Durchschnitt einen schwereren Plagiatsfall pro Semester. In der Regel brechen die Leute dann ihre Diplom- oder Doktoratsstudien ab.

Schaden mehr Regelungen der Forschung? Oder sind sie forschungspolitisch produktiv, weil sie zu mehr Sicherheit für die Forscher führen?

Kratky: Klare Regelungen sind immer gut. Und da haben wir in Österreich ein notorisches Defizit. Der Umgang mit humanen embryonalen Stammzellen zum Beispiel ist eine echte Grauzone – und entsprechend gibt es so gut wie niemanden, der in dem Bereich forscht. Das ist abschreckend, wenn man nicht weiß, ob man das eigentlich darf oder nicht.

Fröhlich: Ich würde das nicht in jedem Fall unterschreiben. Manche Soziologen vertreten so strenge Grundsätze, dass nicht einmal verdeckte Beobachtungen oder Vorspiegelung falscher Identitäten zu Recherchezwecken gestattet wären. Manchmal muss ich zumindest in den Sozialwissenschaften Experimente machen, bei denen ich die Betroffenen ein bisschen täusche, um zu interessanten Ergebnissen zu kommen.

Druml: Als Juristin sehe ich das natürlich anders. Ich bevorzuge klare Regelungen. Zumal, wenn so viel Geld investiert wird wie bei großen Studien in der Medizin. Da braucht man klare rechtliche und ethische Rahmenbedingungen. Die Schweiz kann uns da in jeder Hinsicht ein Vorbild sein. Die haben gute Gesetze – egal, ob das nun die Stammzellen oder die Biotechnologie betrifft. Und vor allem: Es gab darüber vorher einen langen und öffentlichen Diskurs. So etwas fehlt leider in Österreich bislang.

Die Diskussionsrunde

Christiane Druml

ist Juristin, Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, Geschäftsführerin der Ethikkommission der Medizinischen Universität Wien(und Mitglied des Universitätsrats der Medizinischen Universität Innsbruck.

Christoph Kratky

ist Professor für Physikalische Chemie an der Universität Graz und Präsident des Fonds zu Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF).

Gerhard Fröhlich

ist Professor für Kulturtheorie und Wissenschaftsforschung an der Universität Linz und forscht unter anderem über Plagiate und andere Betrugsformen in der Wissenschaft.

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