Best of besonders böse

Ulrike Fell | aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

Forscher haben nicht immer das Wohl der Menschheit im Sinn. In der „Hall of Shame“ der Wissenschaft drängeln sich Mörder, Rassisten und Betrüger. 13 Kurzporträts von ideologisch verblendeten, krankhaft ehrgeizigen oder einfach nur bösen Menschen.

Grausamer Wunsch. „Ob zwei oder drei Berufsverbrecher für diese Experimente zur Verfügung gestellt werden können? Die Versuche, bei denen selbstverständlich die Versuchspersonen sterben können, würden unter meiner Mitarbeit vor sich gehen. Sie lassen sich nicht, wie bisher versucht, an Affen durchführen, da der Affe vollständig andere Versuchsverhältnisse bietet.“ Mit diesen Worten wandte sich der KZ-Arzt Sigmund Rascher (1909–1945) an den Reichsführer-SS Heinrich Himmler. Er bekam seinen grausamen Wunsch generös erfüllt.

Das Beispiel der Medizin zeigt wie kein anderes, wie ein verbrecherisches Regime wissenschaftlichem Fehlverhalten Tür und Tor öffnet. In die Hunderte geht die Zahl der an Menschenversuchen beteiligten Ärzte im Dritten Reich – zur Verantwortung gezogen wurden nur die wenigsten. Schaurige Prominenz erlangte Josef Mengele (1911–1979), der in Auschwitz die Ermordung von rund 40.000 Menschen anordnete und sich mit seinen grausamen Menschenversuchen habilitieren wollte.

Raschers Name ist dagegen weniger bekannt. Der Günstling Himmlers setzte im KZ Dachau Häftlinge stundenlang eisiger Kälte oder in Unterdruckkammern plötzlichem Druckabfall aus. Mit diesen tödlichen Experimenten wollte sich auch Rascher, der später bei den Nazi-Granden selbst in Ungnade fiel, habilitieren. Doch Karrierismus war wohl nicht seine einzige Motivation.

Seine Versuchsanordnungen zeugten von einem extremen Grad an Sadismus, die Rascher zu einem der widerwärtigsten Köpfe in der „Hall of Shame“ machen.

Vordenker des Rassismus. Wissenschaftler nutzten nicht nur die „Freiräume“ des NS-Regimes, sie waren auch geistige Wegbereiter des Rassenwahns. Der Anthropologe Eugen Fischer (1874–1967) rühmte sich zu Recht, dass seine eugenischen Theorien älter als die NSDAP waren. Gemeinsam mit seinen Kollegen Fritz Lenz und Erwin Baur hatte Fischer den „Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“ verfasst. Eben jenes Werk, das Hitler 1924 in seiner Haftzelle zur Hand hatte, als er „Mein Kampf“ zusammentextete.

Als Direktor des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik stieg Fischer zum führenden Rassenhygieniker des Dritten Reiches auf. Gemeinsam mit seinen Fachkollegen lieferte Fischer die pseudowissenschaftliche Legitimation für Zwangssterilisationen, Zwangsabtreibungen bis hin zu den „Euthanasie“-Morden. Zur Verantwortung gezogen wurde er nie.

Wendige Historiker. Zu Handlangern des NS-Regimes machten sich keineswegs nur Naturwissenschaftler und Mediziner. Als „Vordenker der Vernichtung“ wurde jüngst auch der deutsche Historiker Werner Conze (1910–1986) enttarnt. Die Verstrickungen der Historikerzunft in den Nationalsozialismus bedeckte lange ein Mantel des Schweigens. Erst in den 1990er-Jahren zeigten „Nestbeschmutzer“ des Fachs, dass sich Conze als junger Historiker an den völkischen Raumordnungsplänen der Nazis beteiligt und die „Entjudung“ polnischer Städte empfohlen hatte. Conze & Co lieferten dem NS-Regime ungestraft das theoretische Rüstzeug für ihre mörderische „Umvolkungspolitik“.

In Österreich findet Conze sein Pendant in Otto Brunner (1898–1982), dem Leiter der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft, die sich die „Germanisierung des deutschen Lebensraumes“ sowie die „Fahndung nach deutschem Blut“ auf die Fahnen geschrieben hatte. Nach Kriegsende wurde der Historiker zwar wegen seines nationalsozialistischen Engagements zunächst in den einstweiligen Ruhestand versetzt, erhielt später aber eine Berufung nach Hamburg. Brunner gilt als Vertreter der NS-„Volksgeschichte“ und bemühte sich nach 1945, ebenso wie Conze, sein ursprünglich nationalsozialistisches Geschichtswerk in das Gewand moderner Sozialgeschichtsschreibung „umzukleiden“.

Gift und Gas. Für die Perversionen eines institutionalisierten Rassismus steht auch der südafrikanische Mediziner Wouter Basson (geb. 1950). Im Dienste des Apartheid-Regimes soll „Doctor Death“ ab Anfang der 1980er-Jahre biologische und chemische Waffen für einen Vernichtungsfeldzug gegen schwarze Bürgerrechtler entwickelt haben. Ein politisch geknebelter Gerichtsprozess – die Anklage lautete u.a. auf Mord in 229 Fällen – führte 2002 erst einmal zum Freispruch. Derweil geht das juristische Tauziehen weiter. Bis heute bleibt ungewiss, ob Basson jemals für seine Taten büßen wird.

Sein faustischer Pakt mit dem Militär beschert dem deutschen Chemiker Fritz Haber (1868–1934) einen Platz in der Schandhalle. Bis ins Mark Patriot und Ehrgeizling, stellte Haber sein chemisches Know-how bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Dienst des Kaisers. Die „Premiere“ des Giftgaseinsatzes in Ypern 1915 ging auf sein Konto. Scheinbar unbeeindruckt vom Protestakt seiner Frau Clara Immerwahr, die sich mit seiner Dienstwaffe das Leben nahm, machte Haber weiter.

An seinem Berliner Institut entwickelte er die entsetzlichsten Giftgase und provozierte damit ein Wettrüsten um immer tödlichere Massenvernichtungswaffen. Unter Habers Regie entstand auch Zyklon B. Welch barbarische Verwendung diese ursprünglich zur Schädlingsbekämpfungsmittel konzipierte Substanz einst in den Gaskammern finden würde, überstieg indes auch die Vorstellungskraft Habers, der selbst jüdischer Abstammung war.

Ingenieur Skrupellos und Dr. Seltsam. Dass der Zweite Weltkrieg zur Entwicklung einer ganz neuen, noch destruktiveren Generation von Massenvernichtungswaffen geführt hatte, ging auf das Konto von skrupellosen Wissenschaftlern wie Wernher von Braun (1912–1977) und Edward Teller (1908–2003). Von Braun diente sich jedem an, wenn er nur seine Raketen gen Himmel schießen konnte. Der Zweck – von Brauns eigentliches Interesse galt der bemannten Raumfahrt – heiligte bei ihm dabei jedes Mittel und jeden „Umweg“. Für Hitler baute er die V2-Rakete und nahm dabei den Tod tausender KZ-Häftlinge in Kauf. Auch nach 1945 verfolgte von Braun skrupellos weiter sein Ziel: den Bau einer militärisch nutzbaren Großrakete. Für seine Wahlheimat USA gewann von Braun den Wettlauf zum Mond, in der Hall of Shame gebührt ihm ein Ehrenplatz.

Nicht weniger hemmungslos arbeitete der gebürtige Ungar Edward Teller in den USA an der mächtigsten Massenvernichtungswaffe aller Zeiten. Teller, Vorbild des Dr. Seltsam in Stanley Kubricks gleichnamigem Film, predigte eine Politik der nuklearen Hochrüstung als einzigen Weg zur Erhaltung des Weltfriedens. Auch nach dem Inferno von Hiroshima und Nagasaki trieb Teller das Projekt einer noch schrecklicheren Waffe voran: der Wasserstoffbombe. Shame on you, Mister Teller!

Winterweizen für Stalin. Was wäre eine „Hall of Shame“ der Wissenschaft ohne den Betrüger? Auch hier gilt: Der rechtsfreie Raum eines totalitären Regimes ist der ideale Nährboden für wissenschaftliches Fehlverhalten. So brillierte Trofim Lysenko (1898–1976), ein äußerst mittelmäßig begabter Biologe und Agronom, der sich zu Stalins Protegé mauserte, vor allem durch wissenschaftliche Scharlatanerie. Von krankhaftem Ehrgeiz getrieben, nutzte er schamlos die ideologische Verquastheit der stalinistischen Diktatur für seinen Aufstieg an die Spitze der Sowjetwissenschaft. Nicht nur machte er seine lamarckistischen Glaubenssätze, nach der sich erworbene Eigenschaften weitervererbten, zur verbindlichen Wissenschaftsdoktrin und warf so die russische Biologie und Pflanzenzucht um Jahre zurück. Er veranlasste, riesige Anbauflächen mit klimatisch ungeeignetem Weizen zu bepflanzen. Missernten und Hungersnöte waren die Folge. Kritiker, die sich seinem Wahn nicht fügen wollten, ließ Lysenko kaltblütig „beseitigen“ – bis er selbst in Ungnade fiel.

Betrügen heute. Wissenschaftliche Betrugsfälle gibt es natürlich auch in demokratischen Staaten. Für weltweites Aufsehen sorgte 2005 der Südkoreaner Hwang Woo Suk (geb. 1953). Zuvor von vielen als Klonforschungsstar bejubelt, erwiesen sich seine vermeintlich bahnbrechende Studie und seine geklonten menschlichen Stammzellenlinien als Ergebnis von Datentrickserei.

Im Laufe der Untersuchungen kamen bizarre Details ans Tageslicht: So soll Hwang Mitarbeiterinnen zur Spende weiblicher Eizellen genötigt haben oder Mammutgewebe, das für andere Klonexperimente bestimmt war, bei der russischen Mafia geordert haben.

Seine Fachkompetenz will sich Hwang, der im Zuge der Affäre alle seine Ämter verlor und vor Gericht landete, trotz aller kriminellen Energie nicht absprechen lassen. Jüngst hat er seine Methode in Australien zum Patent angemeldet.

Wie ein Sex-and-crime-Groschenroman liest sich die Geschichte des größten Fälschungsskandals der deutschen Nachkriegsgeschichte. Hauptakteure: die ebenso zielstrebige wie eitle Marion Brach, die als eine der jüngsten Professorinnen der Republik bereits eine kometenhafte Karriere gemacht hatte, und der renommierte Krebsforscher Friedhelm Herrmann (geb. 1949), Brachs einstiger Chef und dann Liebhaber. Das gefährlich-kreative Tandem bahnte sich zwischen 1994 und 1996 mit systematischen Fälschungen, gestohlenen Daten und manipulierten Abbildungen seinen Weg nach ganz oben.

Die Romanze verkam bald zum Beziehungsdrama, die vermeintliche Erfolgsgeschichte mutierte dank eines mutigen „whistleblowers“ zum wissenschaftlichen Super-GAU. Eine um Aufklärung bemühte „task force“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft fand im Jahr 2000 Datenmanipulationen in fast 100 wissenschaftlichen Artikeln. Brach und Herrmann verloren ihre Professuren, strafrechtliche Konsequenzen gab es für die beiden Forscher aber letztlich nicht. Ein zivilrechtliches Verfahren endete mit einem Vergleich. Herrmann praktiziert heute als Arzt in München.

Ulrike Fell ist Wissenschaftshistorikerin und freie Journalistin und lebt bei Barcelona.

Mehr prominente Böse aus der wissenschaftlichen Hall of Shame finden Sie in der Langfassung dieses Textes unter www.heurekablog.at

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