„Ethik ist voller Graustufen“

aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

Von der Schwangerenberatung über den Tierversuch bis zur Plagiatsplage. Fragen der Ethik stellen sich je nach Fach auf ganz unterschiedliche Weise. Fünf Forscher über die tägliche Herausforderung, in der Wissenschaft das Richtige zu tun.

Die Frau nicht alleine lassen

Eine junge Frau hatte ein Baby mit Downsyndrom geboren, und ich musste ihr nach der Geburt die Nachricht überbringen. Jahre später – mittlerweile war ihre Beziehung in die Brüche gegangen, und sie hatte einen neuen Partner – erwartete sie ein zweites Kind. Sie hat lange überlegt, ob sie eine Fruchtwasserpunktion machen soll. Diese zeigte dann, dass das Ungeborene auch Downsyndrom hatte. Nach schwerem Ringen hat sie sich dann entschieden, das Kind nicht zu bekommen. Solche schwierigen Situationen sind die Herausforderungen, mich intensiv mit Medizinethik auseinanderzusetzen – wobei dies im Bereich der Frauenheilkunde ohnehin jeder tut oder zumindest tun sollte.

Moral ist für mich die Summe der Wertvorstellungen der Gesellschaft, in der wir leben und die wir unhinterfragt übernehmen. Ethik ist die konkrete Herausforderung in einer konkreten Situation mit Blick auf die Folgen. Moral ist schwarz-weiß, Ethik voller Grautöne. Ich halte es für problematisch, sich immer sicher zu sein. Viele Fälle sind zwar ähnlich gelagert, aber man muss jede Entscheidung neu überdenken und gemeinsam mit der betroffenen Frau bzw. dem Paar treffen.

Mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen ist noch schwieriger als mit Wissen. Wir lassen daher eine schwangere Frau nach einem Test, der eine Risikoabschätzung vornimmt, nicht alleine. Natürlich besteht die Gefahr, dass der Arzt, weil er besser informiert ist, die Patientin in eine bestimmte Richtung lenkt. Deswegen ist eine ethische Schulung wichtig, und zwar für beide Seiten. Darum bleibe ich auch als Medizinethikerin Spitalsärztin, um immer wieder mit diesen Situationen umgehen zu müssen.

Barbara Maier (51) ist Gynäkologin in Salzburg, Medizinethikerin und Mitglied der österreichischen Bioethikkommission.

Schutzmantelmadonna

Wissenschaftlich integres Verhalten ist für mich von höchster Bedeutung. Wahrhaftigkeit, Offenheit, Fairness und Selbstkritik sind unverzichtbar. Leider werden wir in der medizinischen Forschung auf verschiedensten Ebenen immer wieder mit wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiert. Es beginnt bei der Konzeption von Studien (etwa die einseitige Selektion von Untersuchungspersonen, schlechte Planung, Umgehung von Ethikkommissionen), geht weiter bei der Durchführung von Experimenten (zu kleine Zahl an Proben oder Serien, keine Bestätigung der Ergebnisse, „Schönung“ oder Erfindung von Ergebnissen) bis hin zur wissenschaftlichen Reflexion der Ergebnisse (zu positive oder einseitige Darstellung, Wecken falscher Hoffnungen). Auch das Verschweigen von Interessenkonflikten kommt vor und wird häufig nicht als unlauter empfunden.

Bei Forschungsanträgen stößt man auf inkorrektes Verhalten wie z.B. das Phänomen der „Schutzmantelmadonna“ – die Nennung einer reputierten Person als Antragsteller. In den letzten Jahren war ich mit dem Hineinkopieren von Beiträgen anderer in Diplomarbeiten (Copy and Paste), Dissertationen oder Forschungsanträgen ohne entsprechende Zitierung konfrontiert. Bei Publikationen oder Vorträgen sehe ich nach wie vor das Problem der ungerechtfertigten Autorenschaften („Ehrenautorschaft“).

Meiner Erfahrung nach lässt sich wissenschaftliches Fehlverhalten leider auch durch Reglements nicht ausschließen. Es nachzuweisen ist immer schwierig – es steht Aussage gegen Aussage. Trotzdem darf es nicht toleriert werden und muss im Verdachtsfall in spezifischen Verfahren durch ein „Scientific Integrity Board“ geprüft werden.

Christine Mannhalter (60) ist medizinische Diagnostikerin und stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Bioethikkommission.

Der Herzschlag der Graugans

Wissenschaft muss wie die Kunst fast alles dürfen. Sie stößt an ihre Grenzen, wenn es um Würde und Integrität von Menschen und Mitgeschöpfen geht. Ethik- oder Tierversuchskommissionen gegenüber bin ich dennoch äußerst skeptisch. Österreich wie Europa generell ist zum Teil in einer recht unprofessionellen Weise überreguliert. Das ist kontraproduktiv und treibt empirische Wissenschaftler in die innere oder äußere Emigration.

Die einzige Instanz zur Beurteilung der Inhalte der Wissenschaft sind und bleiben die Peers, also die Kollegenschaft selber. Klar, Tierversuche müssen genehmigungspflichtig sein. Allerdings sind rasche, rationale Entscheidungen gefragt. In Österreich gibt es eine paritätisch (!) auch mit Vertretern der Tierschutz-NGOs besetzte Kommission, die mitunter Jahre (!) für Entscheidungen benötigt. Solch typisch österreichische Lösungen dienen weder dem Tierschutz noch der Wissenschaft.

In unserer Forschung vermeiden wir gewöhnlich invasive Ansätze. In einem Fall wollten wir jedoch Herzschlagratentransmitter in Graugänse implantieren. Das Ziel war, zu einer umfassenden Einschätzung der Energetik des Soziallebens der Tiere zu gelangen. Es dauerte über drei Jahre, inklusive politisch geführter Auseinandersetzungen mit der erwähnten Kommission und mit dem Verein gegen Tierfabriken, bis wir die Genehmigung erhielten.

Natürlich war dieser Versuch mit einer gewissen Belastung und einem Risiko für die Gänse verbunden. Aber warum soll ausgerechnet den Grundlagenwissenschaften nicht zugestanden werden, was Landwirtschaft und Industrie selbstverständlich in Anspruch nehmen?

Kurt Kotrschal (55) ist Verhaltensbiologe und leitet die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle für Ethologie in Grünau.

Ein Raum für Reflexion

Wissenschaftliches Fehlverhalten ist nicht immer spektakulär, geschweige denn medientauglich. Es fällt etwa kaum auf, unliebsame Konkurrenz (besonders Frauen) durch die gezielte Ablehnung von Anträgen und eingereichten Publikationen auf Distanz zu halten. Dagegen helfen meines Erachtens nur weitestgehend anonymisierte Einreichungen und Begutachtungen sowie ausgebildete Gutachter. Beides fehlt fast völlig, nicht nur in Österreich.

Was Forschung darf, wurde hierzulande vor allem anhand der Gentechnologie in der Landwirtschaft diskutiert. Technikfolgenabschätzung kann zwar klären, welche Gefahren etwa gentechnisch veränderte Lebensmittel mit sich bringen. Ich bin aber überzeugt, dass dadurch sowie durch Expertenbeiräte und Mitbestimmungsmodelle wie Konsensuskonferenzen die Bedenken vieler Menschen nicht ausgeräumt werden können. So kommen wir sehr schnell zur Grundsatzfrage, welche Wissenschaften betrieben werden und wer sie kontrollieren soll. Ergänzend zu den genannten Instrumenten braucht es daher in den Medien und in Form von Veranstaltungen offen geführte Debatten darüber, welche Wissenschaft wir benötigen – auch an den Universitäten. Nicht um zu einem Konsens oder gar einer endgültigen Lösung zu gelangen, sondern um Entwicklungen reflexiv zu begleiten.

Es braucht einen Raum zum Nachdenken über das Verhältnis der Fächer zueinander und darüber, was es bedeutet, zu forschen, und welche Verantwortung damit verbunden ist. Diesen Raum könnte die Wissenschaftsforschung schaffen, die in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern unterrepräsentiert ist. Ich bin dafür, diese zum Pflichtfach im Studium und in der universitären Weiterbildung zu machen.

Michael Strähle (44) ist Kulturwissenschaftler und arbeitet im Wissenschaftsladen Wien.

Fehlverhaltensresistent

In meinem Diplom- und Doktoratsstudium kamen die Themen wissenschaftliche Integrität, Fehlverhalten, Plagiarismus und Datenfabrikation – soweit ich mich heute noch erinnern kann – nicht vor. Würde ich heute an der Architektur eines neuen Studienplans mitwirken, würde ich diesen Aspekten einen zentralen Stellenwert einräumen. Man sieht daran, was sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert hat.

In meiner Datenbank sind 67 Fälle von Textplagiarismus, der Großteil aus der Wissenschaft, einige Fälle stammen aus dem Journalismus. In einer empirischen Studie habe ich 125 Diplomarbeiten der Universität Salzburg analysiert und festgestellt, dass 30 plagiatsverdächtig waren. Von diesen 30 konnte ich bei sieben alleine mittels Google relevante Netzplagiatsstellen nachweisen (und nicht bloß unsaubere Zitation). Daraus schließe ich, dass das Problem mittlerweile und immer noch sehr groß ist.

Bei der in Österreich geplanten Agentur für wissenschaftliche Integrität halte ich es für problematisch, dass sie den Ankündigungen zufolge wieder nach dem traditionellen Peer-Review-Modell arbeiten wird. Hierzulande haben sich weder externe Gutachter noch Weisenräte zur Aufklärung von wissenschaftlichem Fehlverhalten bewährt. In zwei prominenten Fällen in Klagenfurt und in Leoben passierte sogar das Gegenteil: Glasklare Plagiate wurden von Gutachtern verharmlost oder ganz in Abrede gestellt. Die Seilschaften und Netzwerke waren also „fehlverhaltensresistent“. Wir bräuchten alternative Modelle: Open-Review-Prozesse im Netz oder die Konsultation von weltweiten Experten für das jeweils infrage kommende Fehlverhalten.

Stefan Weber (38) ist Medienwissenschaftler und wurde in den vergangenen Jahren als Aufdecker von Plagiatsfällen bekannt.

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