Der Radikal-Ethiker

Robert Czepel | aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

Für die einen ist er „der einflussreichste Philosoph der Gegenwart“. Für seine Kritiker hingegen ist er schlichtweg ein Albtraum. Peter Singer – Tierrechtler, Euthanasiebefürworter und Professor in Princeton – polarisiert.

Spaghetti statt Steak. „Der Mann mit Plastikschuhen und eisernen Prinzipien.“ So wurde er einmal in einer Fernsehshow vorgestellt. Was die Sache recht gut trifft: Peter Singer isst kein Fleisch und verzichtet auch sonst auf tierische Produkte. Seine konsequente Haltung geht auf ein Schlüsselerlebnis im Herbst des Jahres 1970 zurück, als Singer mit seinem Studienkollegen Richard Kushen in der Mensa der Universität in Oxford zu Mittag aß.

Singer bestellte ein saftiges Rindersteak, Kushen hingegen erklärte, er lehne es ab, Tiere zu verspeisen – und forderte Singer auf, ihm nur ein gutes Argument zu nennen, warum das moralisch vertretbar sei. Singer wollte dieses Argument am nächsten Tag liefern, doch er fand keines. Das Rindersteak sollte das letzte in seinem Leben bleiben.

Diese Anekdote wurde oft erzählt, allein: Sie ist leider nur gut erfunden. Denn Peter Singer aß am besagten Tag kein Steak, sondern Spaghetti, wie er im Gespräch mit heureka! sagt. Und seine Bekehrung zum Vegetarismus fiel auch nicht ganz so spektakulär aus. „Zuerst habe ich nur auf industriell gefertigte Fleischprodukte verzichtet. Wann ich dann wirklich Vegetarier geworden bin, weiß ich nicht mehr. Das hat mit Sicherheit einige Monate gedauert. Argumente pro Fleischgenuss wollte Richard jedenfalls nicht von mir hören.“

Speziesismus. Argumente contra Fleischgenuss lieferte Singer dafür fünf Jahre später, 1975, in seinem Buch „Animal Liberation“ (dt. „Die Befreiung der Tiere“), einem Bestseller mit mehr als einer halben Million verkaufter Exemplare. In diesem Manifest der Tierrechtsbewegung bezeichnet Singer unseren unreflektierten und bisweilen grausamen Umgang mit Tieren als „Speziesismus“: Der Begriff zielt auf unsere (ungerechtfertigte) Tendenz ab, Mitglieder der Spezies Homo sapiens moralisch weitaus höher zu bewerten als Wesen, die zu anderen Arten gehören, obwohl auch sie Gefühle haben, Schmerzen erleiden, unter Umständen sogar Bewusstsein besitzen. Analog zum Fall des Rassismus und Sexismus müsse diese diskriminierende Grenzziehung endlich abgeschafft werden, argumentiert Singer – nur mit dem Unterschied, dass sie in diesem Fall nicht quer durch, sondern rund um unsere Art verläuft.

Buchhaltung des Glücks. Den theoretischen Hintergrund für diese Ansicht arbeitete Singer in seinem 1979 erschienenen Buch „Practical Ethics“ (dt. „Praktische Ethik“) aus. Darin beruft sich Singer u.a. auf den britischen Philosophen und Sozialreformer Jeremy Bentham, der schon vor 200 Jahren erklärt hatte: „Der Tag wird kommen, an dem auch den übrigen lebenden Geschöpfen die Rechte gewährt werden, die man ihnen nur durch Tyrannei enthalten konnte. Die Frage ist nicht: Können sie denken? Oder: Können sie sprechen? Sondern: Können sie leiden?“ Utilitarismus nennt man jene Position, die nach der simplen Formel verfährt: Gut ist, was Glück vermehrt. Schlecht ist, was Leid erzeugt.

Die Leidensfähigkeit von Tieren ist also der Grund, warum wir Singer zufolge kein Fleisch essen sollten. Die kurze Gaumenfreude, die wir beim Biss in ein Schnitzel empfinden, wiegt dem utilitaristischen Kalkül zufolge eben viel weniger als die Qual der Rinder, Schweine und Hühner, die in engen Ställen gehalten und dann geschlachtet werden.

Wiener Wurzeln. Wenn man dem sanften, grauhaarigen 62-Jährigen zuhört, den die Zeitschrift New Yorker als den „einflussreichsten Philosophen der Gegenwart“ bezeichnete, möchte man es kaum für möglich halten, dass seine öffentlichen Auftritte von heftigen, mitunter sogar hasserfüllten Protesten begleitet waren. „Die schlimmste Attacke ist mir im Jahr 1991 an der Universität Zürich widerfahren“, erzählt Singer. „Ich sollte dort einen Vortrag halten, da kam ein Mann aufs Podium, riss mir die Brille aus dem Gesicht und zerbrach sie. Ich konnte nichts mehr sehen. Die Veranstaltung wurde abgebrochen.“

Das war kein Einzelfall. Veranstaltungen wurden regelmäßig von Pfiffen und „Singer raus!“-Rufen begleitet, viele mussten bereits im Vorfeld abgesagt werden – etwa das Wittgenstein-Symposion 1991 in Kirchberg, nachdem publik geworden war, dass Singer auf der Rednerliste stand. Der Vorwurf seiner Kritiker: Singers Befürwortung aktiver Euthanasie sei nichts anderes als eine moderne Form der Nazi-Ideologie vom „lebensunwerten Leben“.

Was insofern besonders bemerkenswert ist, als Singer selbst von Wiener Juden abstammt. Drei seiner Großeltern wurden in KZs ermordet, nur eine Großmutter konnte nach Australien flüchten, wo Singer aufwuchs und einen Großteil seines akademischen Lebens verbrachte.

Keim der Kontroverse. Um zu verstehen, wie Singer vor allem im deutschsprachigen Raum zur Persona non grata wurde, muss man einen Blick auf seine utilitaristische Theorie werfen. Da Singer die künstliche Demarkationslinie um unsere Spezies ablehnt, ersetzt er den Begriff „Mensch“ durch das Konzept der „Person“, das an ein bestimmtes Kriterium gebunden ist.

Personen sind seiner Ansicht zufolge alle Wesen, die Selbstbewusstsein plus eine Vorstellung von ihrer Zukunft besitzen, also neben Menschen etwa auch Schimpansen und Orang-Utans. Daraus folgt, dass man Menschenaffen streng genommen auch erweiterte Rechte zugestehen müsste (was Singer gemeinsam mit der italienischen Philosophin Paola Cavalieri in der Tat eingefordert hat – siehe Beitrag auf den nächsten Seiten).

Man kann diese Definition allerdings auch andersrum lesen. Sind beispielsweise Neugeborene Personen? Singers Antwort: Nein, Säuglinge fallen nicht in diese Kategorie, sie sind weniger schützenswert als Erwachsene, ja sogar weniger schützenswert als erwachsene Primaten. Besondere Aufregung hat eine Textstelle in der „Praktischen Ethik“ hervorgerufen, in der Singer schreibt: „Sofern der Tod eines geschädigten Säuglings zur Geburt eines anderen Kindes mit besseren Aussichten auf ein glücklicheres Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird.“

Isoliert betrachtet ist diese Passage ohne Zweifel schockierend. Man darf aber nicht vergessen, dass Singer diese Form der Euthanasie nur deshalb für diskussionswürdig erachtet, weil damit Leiden verhindert werden soll. Er diskutiert diese radikale Konsequenz im Kontext massiver Behinderungen, aufgrund derer Säuglinge keine Aussicht auf ein Leben ohne Schmerzen haben. Das mag zwar noch immer unseren moralischen Intuitionen und unserem natürlichen Mitgefühl widersprechen. Dennoch dürfte etwas an Singers Vermutung dran sein, dass die überhitzten Kontroversen mit einer verkürzten oder gar fehlenden Lektüre seiner Bücher zusammenhängen.

Ruhe nach dem Sturm. Kritik gibt es allerdings auch von professioneller Seite. Herlinde Pauer-Studer vom Institut für Philosophie der Universität Wien etwa kennt Singers Texte von Berufs wegen ganz genau – und findet seine Euthanasie-Thesen inakzeptabel. „In Bezug auf Behinderte lehne ich Singers Position ab, und zwar entschiedenst.“ Und: „Ich würde mir mehr Sorgen machen, wenn es in Österreich und Deutschland keine Proteste gegeben hätte“, sagt die Philosophin im Gespräch mit heureka!. In den letzten Jahren hat sich sie Situation jedoch merklich entspannt. Singer hat einige Vorträge im deutschsprachigen Raum gehalten, Aufruhr im Hörsaal gab es keinen mehr.

Seit 1999 hat Singer eine Professur an der renommierten Princeton University inne. Diese Position, sagt er, sei im Gegensatz zu seiner Arbeit an der australischen Monash University eine Plattform der Popularisierung. So könne er seine Ansichten zu Themen wie Armut, Bioethik und liberaler Politik besser verbreiten – und letztlich etwas in der Gesellschaft zum Besseren bewegen. Zu diesen neuen Möglichkeiten gehören nicht nur Gastbeiträge in Tageszeitungen, wie etwa der New York Times, sondern auch Auftritte in TV-Sendungen.

Vor zwei Jahren wagte sich Singer zwecks Bewerbung seines Buches „The Way We Eat“ auch in die Comedy-Show „The Colbert Report“, in der der Moderator Stephen Colbert einen verblödeten Republikaner mimt. „Sie sagen: Wir sollen keine Tiere essen, richtig?“ – „Genau.“ – „Gut, aber wenn wir keine Tiere essen sollen, warum schmecken sie dann so köstlich?“ Da wusste selbst der wortgewandte Professor keine Antwort.

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