Artgerechte Haltung

Kurt De Swaaf und Birgit Dalheimer | aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

Neueste Erkenntnisse über Menschenaffen legen nahe, dass die strikte Trennung zwischen Mensch und Tier sich auflöst. Doch welche ethischen und juristischen Konsequenzen wären daraus zu ziehen? Braucht es Menschenrechte für Menschenaffen?

Besuch bei Mathias und Rosa. Rhythmisches Klopfen am Ende des Ganges, nach den Papageien und kleinen Affen im Bereich für exotische Wildtiere im Wiener Tierschutzverein. Das ist Mathias Pan, der Schimpansenmann, der mit seiner Freundin Rosa das Ritual für neue Gäste zu zelebrieren beginnt. Er springt auf die Galerie oben an der hinteren Wand seines Geheges, wo das Klopfen mit dem Fingerknöchel bald in rhythmisches Fußstampfen übergeht. Und dann wird’s wirklich laut.

Unter beeindruckendem Geheul springt das 70 Kilogramm schwere Tier Richtung Besuchertrakt – der vom Schimpansengehege durch eine Panzerglaswand getrennt ist. An deren oberem Sims hantelt sich Mathias hin und her und trommelt dabei nach Leibeskräften mit den Füssen gegen die Scheibe. Ein paar Sekunden lang, dann setzt er sich auf den Boden zu Rosa, als wäre nichts gewesen. In den Nachhall der Schläge gegen die Scheibe mischt sich langsam wieder das Schreien der Papageien.

Vor 26 Jahren kamen Mathias und Rosa – Hiasl und Rosi – als zwei von insgesamt 13 Schimpansenkleinkindern nach Österreich. Sie sollten einem Pharmakonzern als Versuchstiere dienen. Der Import war jedoch illegal, die kleinen Schimpansen wurden gleich bei der Einreise beschlagnahmt, Mathias und Rosa landeten beim Wiener Tierschutzverein, wo sie seither wohnen und betreut werden. Die Übersiedlung des Vereins an die Südgrenze Wiens vor rund zehn Jahren brachte den beiden ein neues, artgerechtes Gehege und damit ein Leben in vergleichsweise geräumiger Gefangenschaft.

Hiasl und Rosa geht es damit wesentlich besser als vielen ihrer Artgenossen weltweit, die in Versuchslaboren der Wissenschaft und der Medizin ihr Leben fristen müssen. Zumindest in Österreich und den meisten anderen westlichen Ländern sind Tierversuche an Menschenaffen mittlerweile verboten. Doch anderswo, zum Beispiel in China, werden sie wie andere Tiere auch grundsätzlich als Objekte behandelt, über die der Mensch verfügen darf.

Ein moralisch unhaltbarer Zustand, sagen Tierschützer und fordern seit Jahrzehnten ein radikales Umdenken. Vor allem hochentwickelte Säuger seien nicht länger als willenlose Sklaven im Dienste des Homo sapiens zu betrachten. Stattdessen müssten sie über eigenständige Existenzrechte verfügen – auch wenn sie diese natürlich niemals einklagen könnten.

Grundrechte für Menschenaffen. Seit Jahren bemühen sich Vertreter des Great Ape Project, für alle Menschenaffen weltweit den Menschenrechten ähnliche Grundrechte durchzusetzen. Also für Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Dieses internationale Projekt wurde 1993 vom australischen Philosophen Peter Singer (s S. 14) und der italienischen Tierrechtlerin Paola Cavalieri ins Leben gerufen und fand schnell Unterstützung vieler anerkannter Primatologen. Zu den geforderten Rechten gehören vor allem das Recht auf Leben, das Recht auf körperliche Unversehrtheit und der Schutz der Freiheit.

Zwei Initiativen brachten dem Menschen(affen)rechtsaktivismus in den letzten Monaten viel internationale Aufmerksamkeit: In Österreich versuchen Aktivisten des Vereins gegen Tierfabriken (VGT) die Anerkennung des Personenstatus für Mathias „Hiasl“ Pan zu erwirken. Und in Spanien hat das Parlament eine Resolution zur Einräumung von Grundrechten für Menschenaffen verabschiedet. Beide Initiativen könnten große Auswirkungen auf europäischer Ebene haben.

Die spanische Regierung müsste sich der gängigen Praxis nach zukünftig für die Einführung von Menschenaffenrechten in der gesamten EU starkmachen. Die VGT-Tierrechtler scheiterten bislang mit ihrem Anliegen vor sämtlichen österreichischen Instanzen und brachten den „Fall Hiasl“ vor den EU-Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dort mahlen die Mühlen bekanntlich zwar langsam, aber ihre Wirkung ist oft gewaltig.

Das Anerkennen eines Personenstatus für den Schimpansen Pan wäre „ein Präzedenzfall“, sagt der umstrittene VGT-Obmann Martin Balluch, der mit Mathias ferngesehen und gemalt hat. Großer Gesetzesänderungen bedürfe es dafür nicht. „Ein Personenstatus für Menschenaffen wäre bereits im stehenden Recht möglich, weil der Personenbegriff nicht eindeutig festgelegt ist. Es steht nirgendwo, dass ein Schimpanse keine Person sein kann.“

Verschiebung der Grenzen. Die VGT-Initiative hat einerseits einen ganz pragmatischen Hintergrund: Als juristisch anerkannte Person dürfte Hiasl Pan einerseits Spenden zu seinem Wohl entgegennehmen, die sonst in der Konkursmasse des Ende 2006 pleitegegangenen Wiener Tierschutzvereins verschwinden würden. Andererseits soll der Vorstoß auf rechtlichem Wege dem Aushebeln gesellschaftlicher Blockaden dienen. „Es geht uns um die Verschiebung der bisherigen Grenze“, sagt Martin Balluch. Der Tierschutzaktivist verbrachte wegen Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation drei Monate in Untersuchungshaft – was ihn selbst zu einem international beachteten Menschenrechtsfall werden ließ.

Mit der Grenzverschiebung ist in Hiasls Fall die bislang übliche rigide Trennung zwischen Mensch und Tier gemeint. Balluch, der sowohl in Physik als auch in Philosophie promovierte (in Letzterem mit einer Arbeit über wissenschaftliche Argumente für Tierrechte), betrachtet dies als vollkommen überholtes Denken. Die klassische Grenzziehung beruht seiner Meinung nach auf biblischen Prinzipien, und das sei in einem säkularen Staat nicht angebracht. Wenn aber Menschenaffen Personenrechte bekommen sollten, wo soll dann die Trennlinie verlaufen? Das werde die Zeit weisen. „Ich möchte die Grenze nur mit einem Bleistift ziehen – im Bewusstsein, dass sie nicht endgültig sein kann“, so Balluch, der nach seiner Haft von den Grünen im Nationalratswahlkampf an unwählbarer Stelle nominiert worden war.

Vom Objekt zum Subjekt. Wo aber zieht man vorläufig den Strich, und nach welchen Kriterien? Je weiter die Forschung in das „geistige“ Leben von Tieren vordringt, desto komplexer wird die Sachlage. „Hier eröffnet sich eine ganz neue Welt“, betont Steven M. Wise gegenüber heureka!. Der renommierte US-amerikanische Jurist und Buchautor gilt als Experte für Grundsatzfragen zum Thema Tierrechte.

„Person-Sein“, so der Fachmann, sei zwar ein weitgehend abstrakter Begriff. Doch der Träger eines solchen Status wandelt sich aus Sicht des Gesetzes von einem Objekt zu einem Subjekt. „Man stattet ihn mit einer juristischen Rüstung aus, die ihn vor fremdem Zugriff schützt.“ In diesem Falle: vor Menschen. In der Praxis wären Menschenaffen demnach wie vierjährige Kinder oder unmündige Erwachsene zu behandeln. „Wir sind nicht die einzigen Wesen mit Würde“, sagt Wise. Sie gehe aus Bewusstsein und Autonomie hervor – der Fähigkeit zum selbstständigen Entscheiden.

Da gibt es offensichtlich Ähnlichkeiten zwischen dem Homo sapiens und anderen hochentwickelten Tierarten. Sämtlichen Spezies, die zu solchen kognitiven Leistungen fähig sind, seien gewisse Grundrechte einzuräumen. „Es wäre verbrecherisch, sie so zu behandeln, als wären sie bloß Sachen.“ So würde man auch die rationellen Grundsätze der Menschenrechte untergraben.

Kultur der Schimpansen. Die wissenschaftliche Beweislast gegen die strikte Trennung zwischen Mensch und Tier hat inzwischen beeindruckende Ausmaße angenommen. Schimpansen – zoologisch Pan troglodytes genannt – sind unter Laborbedingungen in der Lage, relativ schwierige technische Vorgänge durch das Beobachten von Artgenossen, welche diese Fähigkeiten bereits erlangt haben, zu erlernen. In freier Wildbahn werden regional unterschiedliche Verhaltensweisen durch Lehren und Lernen von einer Generation auf die nächste übertragen.

Es handelt sich dabei nicht nur um den Umgang mit primitiven Werkzeugen, sondern auch um abstrakte Signale, die in unterschiedlichen Gebieten unterschiedliche Bedeutung haben. Wenn zum Beispiel in einer Region des westafrikanischen Staats Guinea ein junger Schimpansenmann deutlich hörbar ein Baumblatt zwischen seinen Zähnen zerreißt, verstehen seine Kameraden dies als Aufforderung zum Spielen. In einem Reservat im ostafrikanischen Tansania dient dieselbe Handlung dazu, das Interesse eines sexuell aktiven Weibchens zu wecken.

Der Primatenforscher Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig bezeichnet solche symbolischen Signale als Ausdruck einer gewissen „kulturellen Vielfalt“. Inzwischen sind der Wissenschaft mindestens 39 verschiedene, regional variierende Verhaltensmuster von Schimpansen bekannt. Diese kulturellen Fähigkeiten, schreibt Boesch, stellten eine „Basis der Ähnlichkeit“ zwischen den Affen und den Menschen dar.

Soziales Affengedächtnis. Neueste Forschungsergebnisse aus Christophe Boeschs Arbeitsgruppe zeigen, dass P. troglodytes höchstwahrscheinlich auch über ein soziales Gedächtnis verfügt. Im Rahmen einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie werteten die Wissenschaftler die Protokolle von insgesamt 3000 Stunden Beobachtung eines wildlebenden westafrikanischen Schimpansenrudels aus.

Die Experten nahmen dabei die Praxis der gegenseitigen Fellpflege bei den Tieren genau unter die Lupe. Dieses Entlausen, Entkletten und Kraulen spielt bei vielen Primaten eine wichtige Rolle. Nicht nur lassen sich so lästige Parasiten in Schach halten; durch das Stimulieren der Produktion des körpereigenen Glückshormons Endorphin und die Senkung der Herzschlagfrequenz hilft es zudem, Stress abzubauen.

Mittels modernster statistischer Analysemethoden wiesen Boesch und Kollegen nun eine verblüffend faire Verteilung der gegenseitigen Zuwendung im Bereich Fellpflege nach. Und zwar auf lange Sicht. Kurzfristig, so stellten die Forscher fest, kann es zwischen zwei Schimpansen durchaus zu einer scheinbar ungerechten Verteilung des Pflegeaufwands kommen. Oft kümmert sich ein Tier um das Fell eines Artgenossen, ohne dafür am selben Tag oder an den darauffolgenden in den Genuss einer erwiderten Pflegesession zu kommen. Über einen Zeitraum von Wochen jedoch gleicht sich dies erstaunlich genau wieder aus.

Sinn für Gerechtigkeit. Offenbar vergessen die Begünstigten nicht, wem sie noch einen Gefallen schulden und wie lange dieser dauern sollte. Interessanterweise zeigten sich gleichzeitig große Intensitätsunterschiede zwischen Pflegepartnerpaaren. Will sagen: Nicht jeder verkehrt gleich oft mit jedem, aber das Gerechtigkeitsprinzip bleibt trotzdem gewahrt.

Wie solch ein komplexes soziales Regelwerk aufrechterhalten wird, ist noch weitgehend unklar. Laut den Leipziger Experten könnte dies entweder auf der Basis von unterschiedlich starken emotionalen Bindungen erfolgen, oder aber die Schimpansen sind in der Lage, durch kognitive Leistungen wie rationales Zählen und Planen auf eine gerechte Verteilung ihrer Zuwendung zu achten. In beiden Fällen sind den Affen wieder Kompetenzen zuzusprechen, die lange als ausschließliche Privilegien des Homo sapiens galten.

Aber auch angeblich weniger entwickelte Primatenarten zeigen überaus menschlich anmutendes Verhalten. Bei Makaken betreiben Mediatoren Konfliktmanagement, um so die soziale Rollenverteilung und den Zusammenhalt in ihren Gruppen zu stabilisieren. Kapuzineräffchen scheinen sich selbst im Spiegel erkennen zu können – eine Fähigkeit, die bei Menschenaffen bereits mehrfach nachgewiesen wurde. Gefühle können ebenfalls nicht mehr als rein menschliche Domäne gelten.

Verbundenheit mit der Kreatur. In einer aktuellen Analyse betont der berühmte Verhaltensforscher Frans de Waal die wahrscheinliche Bedeutung der Empathie, das Mitfühlen mit anderen, als Basis für Altruismus und soziale Kooperation. Die Grundzüge der Empathie, so de Waal, könnten evolutionstechnisch so alt sein wie Säugetiere und Vögel.

Mitleid wäre somit nicht nur eine menschliche Emotion, sondern ein biologischer Selektionsvorteil. Seinem Wert täte dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Homo sapiens hätte einen Grund mehr, sich anderen Kreaturen gegenüber verbundener zu fühlen. Ist es also an der Zeit, das Verhältnis zwischen unserer Spezies und anderen Tierarten neu zu gestalten? Wohl ja. „Das binäre Denken Mensch/Tier verwischt sich zunehmend“, sagt der am Leipziger Max-Planck-Institut tätige Zoologe Hjalmar Kühl. „Das Ganze ist ein Kontinuum, so lautet die wichtigste Erkenntnis.“

Gebot der Stunde. Grundrechte auch für Menschenaffen zu akzeptieren wäre damit eigentlich ein Gebot der Stunde, meinen viele Primatologen. Gerade auch jene, die verhaltensbiologische Experimente mit Menschenaffen in menschlicher „Obhut“ machen. Dabei dürften dem Grundrecht auf Freiheit entsprechend dann weder Schimpansen noch Bonobos, Gorillas oder Orang-Utans in Zoos oder anderen Gehegen leben. Zumindest auf lange Sicht. Denn die jetzt schon in Gefangenschaft lebenden Tiere wieder in die freie Wildbahn zu entlassen, bedeutete in den meisten Fällen deren sicheres Todesurteil. Falls sie mit menschlichen Keimen infiziert sind, könnten sie außerdem zur Bedrohung für ihre wildlebenden Verwandten werden.

Die einzigen Rechtfertigungen, die Wissenschaftler für eine weitere, natürlich möglichst artgerechte „Haltung“ jetzt noch anführen, sind einerseits das Arbeiten mit den Menschenaffen für verhaltensbiologische Erkenntnisse und andererseits der Lerneffekt für menschliche Besucher: Sie sollen ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, von unseren „nächsten Verwandten im Tierreich“ zu sprechen.

Blicke durchs Panzerglas. Zumindest im Wiener Tierschutzverein ist diese Idee aufgegangen. Nach einer Weile haben sich nicht nur Mathias und Rosa an die unbekannten Gäste gewöhnt, sitzen jetzt friedlich da und versuchen, durch Gestik und Mimik zu kommunizieren.

Auch die Besucher können sich dabei immer weniger des Eindrucks erwehren, irgendwie ihresgleichen ins Gesicht zu schauen – wenn auch durch ein Panzerglas.

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