Gefühl für das Gute

Birgit Dalheimer und Oliver Hochadel | aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

Die Wissenschaften haben das Gute als Forschungsgegenstand entdeckt. Verschiedene Disziplinen versuchen Phänomene wie Altruismus, Mitgefühl und Kooperationsbereitschaft bei Mensch und Menschenaffe zu erklären. Ein hochmoralischer Überblick.

Psychologie. Um helfen zu können, muss man erst einmal verstehen, was der andere will, sprich: sich in das Gegenüber hineinversetzen können. Der Psychologe Felix Warneken vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig wollte durch ein Experiment herausfinden, ab welchem Alter sich Menschen altruistisch verhalten.

Eineinhalbjährige beobachteten den Versuchsleiter beim Wäscheaufhängen. Dieser ließ Wäscheklammern fallen, konnte sie aber nicht aufheben. Das Kleinkind hob die Klammer auf und reichte sie dem Versuchsleiter – unaufgefordert und ohne eine Belohnung zu erhalten.

Kleine Schimpansen taten übrigens dasselbe, wie die Versuche von Joan Silk von der University of California Los Angeles (UCLA) zeigten. War der Versuchsaufbau komplexer, waren nur die Kinder in der Lage zu helfen. Der Unterschied zwischen Mensch und Menschenaffe liegt für Warneken und Silk aber nicht in dem offensichtlich bei beiden vorhandenen Altruismus, sondern nur in der kognitiven Leistung: nämlich zu verstehen, wie man dem anderen überhaupt helfen kann.

Das Überraschende an dem Versuch, so Warneken gegenüber heureka!: „Eineinhalbjährige lernen gerade einmal zu sprechen. Sozialisationsprozesse oder moralisches Lernen finden in diesem Alter noch nicht statt.“ Das heißt: Die Kleinkinder konnten sich dies nicht abgeschaut haben, sie halfen spontan.

„Babys beginnen schon im ersten Lebensjahr, Dinge mit anderen zu teilen, ab dem ersten Lebensjahr machen sie ihre Umwelt auf, Spannendes‘ aufmerksam“, so Warneken. Menschen seien fast von Geburt an interessiert, enge soziale Banden zu knüpfen, Warneken spricht von „Hypercooperativeness“.

Primatologie. Woher kommt diese „natürliche“ Kooperationsbereitschaft des Menschen? Für Frans de Waal sind sie ein Ergebnis der Evolution. Der niederländische Primatologe, der seit 1981 in den USA forscht, untersucht seit Jahrzehnten das Sozialverhalten von Menschenaffen. In mehreren populärwissenschaftlichen Büchern (gerade auf Deutsch erschienen: „Primaten und Philosophen“) hat er dargelegt, dass Schimpansen einerseits durchtriebene Manipulatoren und geschickte Diplomaten sind. Aber eben nur, weil unsere haarigen Vettern in der Lage sind, sich in die Motivationen und Wünsche ihrer Artgenossen hineinzuversetzen. Genau aus diesem Grund sind sie andererseits auch zu Empathie, reziprokem Altruismus (hilfst du mir, helf ich dir) und vielleicht sogar zu bewusster Fairness fähig.

Mitaffen leiden zu sehen, dies haben Versuche gezeigt, ist für Schimpansen ein enormer Stressfaktor. Sie verzichten lieber auf Essen, wenn sie wissen, dass dies einem Artgenossen Schmerz bereiten würde. Genau wie Menschen auch.

De Waals intellektuelle Reibefläche ist die von ihm so genannte „Fassadentheorie“. Demnach ist der Mensch von Natur aus nicht gut, er tut bestenfalls so. Und zwar deshalb, weil er sich davon konkrete Vorteile erhofft oder nicht anecken will, im Grunde also ein opportunistischer Egoist, ummantelt von einer dünnen und eben bloß äußerlichen moralischen Fassade.

Diese Theorie ist für de Waal deswegen irreführend, weil sie die evolutionäre Entwicklung und Kontinuität leugnet, in der der Mensch steht. Der Primatologe bemüht also keine abstrakte Idee des Guten: Mitfühlen und einander Helfen fördern den Gruppenzusammenhalt, Moral wurde somit zu einem entscheidenden Selektionsvorteil.

Neurologie. Es klingt plausibel: Die Moral ist nicht vom Himmel gefallen, sie hat eine Naturgeschichte. Aber wo in uns hat sie ihren physiologischen Ort? Auch wenn solche Lokalisierungsversuche immer dem Vorwurf ausgesetzt sind, reduktionistisch zu sein: Mittels bildgebender Verfahren wie Computer- und Magnetresonanztomografie versuchen Neurowissenschaftler mit einem „Blick“ ins Hirn zu zeigen, dass moralische Entscheidungen kein Produkt rationaler Überlegung sind.

„Gefühl vor Verstand und fertiges Urteil vor sachlicher Begründung“ – so bringt der deutsche Wissenschaftsjournalist Frank Ochmann die jüngsten Forschungen in seinem Buch „Die gefühlte Moral“ auf den Punkt. Wir tun „Gutes“, weil wir die passenden Gefühle verspüren. Die Rationalisierung folgt erst nach der Tat: „Unser Verstand ist also vor allem eine Propaganda- oder Werbemaschine für das, was unsere Gefühle zusammenbrauen und was wir anderen als sinnvoll, ja logisch verkaufen müssen“, so Ochmann.

„Die gefühlte Moral“ ist deswegen aber noch lange nicht besser oder menschlicher als die überkommene Idee einer verstandesgeleiteten Moral. Sie ist im Gegenteil viel schwerer zu durchschauen. Eines ist dennoch sicher: Wird Respekt verweigert, Vertrauen entzogen, bricht das System der sozialen Belohnungen zusammen, dann gibt es auch keine „guten Gefühle“ mehr. Für Gemeinschaften, sei es nun eine ganze Gesellschaft oder auch nur ein Verein, bedeutet das Fehlen dieses emotionalen Kitts das Ende.

Wirtschaftswissenschaft. Wie kooperatives Verhalten funktioniert und woran es scheitert, interessiert längst auch die Ökonomen brennend. Dabei bedienen sie sich sowohl mathematischer Modelle als auch empirischer Versuche. So gaben der aus Österreich stammende Ernst Fehr und Michael Kosfeld, beide vom Institut für empirische Wirtschaftswissenschaften der Universität Zürich, ihren Probanden Spielgeld, das sie entweder für sich behalten oder in ein gemeinsames Projekt investieren konnten.

Wenn die Teilnehmer über mehrere Runden sahen, dass einige immer wieder nicht kooperierten, sondern als sogenannte Trittbrettfahrer ohne eigenen Einsatz profitierten, passten sie ihr Verhalten an – und die Zusammenarbeit kollabierte. Es sei denn, der Versuch wurde um die Möglichkeit erweitert, jene zu strafen, die nicht kooperationswillig waren. Mehr noch: Strafen steigerten die Bereitschaft zur Zusammenarbeit weit mehr als Belohnungen.

Eine wichtige Differenzierung erfuhren diese Einsichten jedoch unlängst durch Arbeiten unter der Leitung von Simon Gächter, einem österreichischen Ökonomen an der University of Nottingham. Die Forschergruppe führte eben diesen Versuch in 16 Ländern durch, darunter auch Nordkorea, Russland und Saudi-Arabien, und fand je nach Kultur große Unterschiede. Die westlichen Länder wurden in diesem globalen Sample zur Ausnahme, anderswo bestraften die Trittbrettfahrer die Kooperationswilligen. Gächter und Kollegen schlossen daraus, dass die Möglichkeit zur Bestrafung nur dann für alle förderlich ist, wenn diese durch starke gesellschaftliche Normen für soziale Kooperation ergänzt wird.

Molekularbiologie. Nicht nur die Gesellschaft – also das ganz Große –, auch das ganz Kleine steckt voller Gemeinsinn. So ist der Titel des neuen Buches von Joachim Bauer Provokation und Programm zugleich: „Das kooperative Gen“ positioniert sich frontal zu Richard Dawkins’ wirkmächtigem Best- und Longseller „Das egoistische Gen“ aus dem Jahre 1976.

Der deutsche Mediziner und Neurobiologe fasst neueste Forschungen in der Molekularbiologie zusammen. Seine Lesart dieser Ergebnisse streicht vor allem die kreative Kooperation der verschiedenen Bauteile der Zelle heraus. Eine zentrale Rolle kommt den sogenannten Transpositionselementen zu, die etwa durch Verdopplung und Verschiebung von Genen das Erbgut gleichsam proaktiv umbauen.

Im Falle veränderter Umweltbedingungen („Stressoren“) kann der Organismus dann sehr schnell und gezielt reagieren. Darwins „survival of the fittest“ wird so zum Überleben derer, die am besten kooperieren. Auf der Ebene des Genoms hieße das: getrennt mutieren, vereint evolvieren.3

Die Neuinterpretation Darwins wird eines der Themen des nächsten heureka! sein, das am 17. Dezember erscheint.

Literatur

Frank Ochmann: Die gefühlte Moral. Warum wir Gut und Böse unterscheiden können. Ullstein 2008. 316 S., € 20,50

Frans de Waal: Primaten und Philosophen. Wie die Evolution die Moral hervorbrachte. Hanser 2008. 220 S., € 22,10

Joachim Bauer: Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus. Hoffmann und Campe 2008. 223 S., € 20,60

Lee Alan Dugatkin: Wie kommt die Güte in die Welt? Wissenschaftler erforschen unseren Sinn für den anderen. Berlin University Press 2008. 184 S., € 35,90

Felix Warneken und Michael Tomasello: Altruistic Helping in Human Infants and Young Chimpanzees, Science 3 March 2006: Vol. 311. no. 5765, 1301–1303

Joan B. Silk: Who Are More Helpful, Humans or Chimpanzees?, Science 3 March 2006: 1248–1249

Benedikt Herrmann, Christian Thöni, Simon Gächter: Antisocial Punishment Across Societies, Science 7 March 2008: Vol. 319. no. 5868, 1362–1367

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige