Aufklärung Zweipunktnull

aus HEUREKA 4/08 vom 05.11.2008

Die Hirnforschung hält brisante Herausforderungen für die Ethik und die Rechtssprechung bereit. Davon ist der deutsche Philosoph Thomas Metzinger fest überzeugt. Ein Gespräch über die möglichen Folgen dieser naturalistischen Wende in unserem Menschenbild. Interview: Birgit Dalheimer

heureka!: Sie sind einer der wenigen deutschsprachigen Philosophen, die sich ernsthaft mit den Neurowissenschaften beschäftigen. Warum sind die für Sie so wichtig?

Thomas Metzinger: Zum Beispiel, weil man mit ihrer Hilfe den Raum möglicher Lösungen für klassische philosophische Probleme verkleinert. Was wir im Moment erleben, ist so etwas wie eine neue Phase der Aufklärung. Etwas, was ich die naturalistische Wende im Menschenbild nenne oder „Aufklärung 2.0“. Damit meine ich, dass die Neurowissenschaften bzw. die Hirnforschung wertvolle Beiträge zum alten philosophischen Projekt der menschlichen Selbsterkenntnis leisten – also wie und was der Mensch tatsächlich ist. Dabei geht es weniger um große Entwürfe als vielmehr um empirische Daten und Fakten. Und von diesen Beiträgen sind etliche auch für die philosophische Ethik relevant.

Woran denken Sie dabei im Besonderen?

Ich halte insbesondere die Erkenntnisse über die körperlichen Grundlagen moralischen Empfindens und Handelns für höchst bedenkenswert. Die Hirnforschung ist zum Ersten dabei, genauer herauszufinden, dass moralisches Denken und moralische Gefühle natürliche Phänomene sind, deren Vorläufer im Laufe der Evolution bei gemeinsamen Vorfahren des Menschen und anderen Primaten entstanden sind. Zum Zweiten zeigt die Hirnforschung, dass die Menschen in den meisten Situationen – zur Enttäuschung mancher Philosophen, mich selbst eingeschlossen – nicht primär aufgrund rationaler Argumentation, sondern meistens aufgrund ihrer Gefühle entscheiden. Und drittens konnten Hirnforscher zeigen, wie sehr sich diese moralischen Gefühle in einer Person im Laufe des Lebens ändern bzw. auch von Person zu Person verschieden sind. Dasselbe gilt auch für die Fähigkeit zur Einsicht, zur Impulskontrolle oder zur Übernahme anderer Perspektiven.

Und das alles hat eine Grundlage im Gehirn?

Ja, das zeigt sich zum Beispiel an Unterschieden im sogenannten präfrontalen Kortex, also in einem vorderen Teil der Großhirnrinde. Manche Leute sind aufgrund dieser Gegebenheiten moralisch extrem sensibel, andere wiederum sind aufgrund rein physischer Bedingtheiten in ihrem Gehirn fast unfähig, sich in die Gefühle oder den Schmerz anderer Menschen hineinzudenken. Manche Schläfenlappenepileptiker dagegen zeichnen sich durch Hyperreligiosität und eine tiefe Hinwendung zu ethischen oder auch spirituellen Fragen aus. Und es gibt Menschen, die ihre Moralität völlig verloren haben – weil dieser Teil ihres Gehirns durch einen Unfall oder andere Gründe geschädigt wurde.

Was hat das für Auswirkungen auf die Beurteilung unserer Handlungen?

Grundsätzlich sollten wir festhalten, dass die Neurowissenschaften nichts dazu zu sagen haben, was eine Handlung im ethischen Sinn gut oder schlecht macht. Die Hirnforschung ist – im Gegensatz zur normativen Ethik – rein deskriptiv. Entsprechend wäre es ein klassischer naturalistischer Fehlschluss, aus dem „Sein“ ein „Sollen“ zu folgern. Eine Verbindung von „Sein“ und „Sollen“ gibt es allenthalben indirekt über das „Sollen-Können-Problem“: Es macht keinen Sinn, von Menschen moralisch etwas zu fordern, was sie einfach nicht können – globales Mitgefühl oder echte „Fernstenliebe“ zum Beispiel. Insofern spielen neurowissenschaftliche Erkenntnisse schon auch für normative Diskussionen eine Rolle.

Können die Erkenntnisse der Hirnforschung sonst irgendwelche Hinweise darauf geben, wie wir handeln sollen?

Nein, die Hirnforschung sagt uns absolut nichts darüber, was eine gute Handlung ist. Vielmehr stellt sich die philosophische Frage, ob es so etwas wie moralisches Wissen in einem strengen Sinne überhaupt gibt. Sind Werte überhaupt Teil der objektiven Welt? Sind ethische Aussagen wie „Du sollst nicht töten“ überhaupt wahr oder falsch? Das sind die eigentlichen Probleme.

Wie soll man denn mit dieser Ungewissheit umgehen?

Das weiß ich auch nicht. Nicht zu handeln ist auch keine Option. Wenn das tatsächlich so ist, dann müssen wir eine Ethik ohne Erkenntnisanspruch aushandeln, und dann sollten wir uns möglichst schnell darauf einigen, was wir denn als wertvolle Handlungsweisen oder zum Beispiel auch als wertvolle Bewusstseinszustände ansehen wollen.

Was bedeutet das für die Gesetzgebung?

Da wird es schwierig und zugleich brisant. Denn die große Frage ist natürlich, wie viel von unserem moralischen Vermögen – ähnlich wie unsere Körpergröße – physisch vorgegeben ist und wie viel in unsere eigene Verantwortung fällt. Also was ich selbst bewusst an meinen eigenen moralischen Eigenschaften, an meiner Einfühlungsfähigkeit, an meiner Sensibilität für ethische Fragen überhaupt ändern kann. Habe ich die Pflicht zur moralischen Selbstverbesserung oder nicht? Entsprechend ist ein breites Spektrum an Konsequenzen für die Gesetzgebung und die Rechtssprechung denkbar.

Ist es denn wirklich nötig, dass sich etwas ändert?

Ja. Denn man kann nicht einfach so tun, als wäre unser Wissen über Moral und ihre körperlichen Bedingungen dasselbe wie vor 50 Jahren. Wir wissen heute einfach mehr über physiologische Grundlagen kriminellen Verhaltens – und wir werden in Zukunft noch mehr wissen. Es ist eben so, dass Psychopathen, Menschen mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen oder notorische Lügner mit schlechter psychiatrischer Prognose auch bestimmte Ähnlichkeiten in bestimmten Hirnstrukturen haben. Das Problem ist meines Erachtens, wie man vom existierenden Rechtssystem einen gleitenden Übergang schafft in ein System, das mehr und mehr empirisch informiert ist und dem neuen Wissen Rechnung trägt.

Können Sie skizzieren, in welche Richtung das gehen könnte?

Ich habe auch keine fertigen Lösungen. Wir werden sicher weiter Begriffe wie Zurechenbarkeit, Schuld, Verantwortung und Ähnliches verwenden. Die Bedeutung dieser Begriffe wird sich aber schrittweise verändern. Und wir werden in Zukunft wohl nicht mehr sagen, dass jemand in jedem Fall anders hätte handeln können. Aber bis dahin, dass wir nicht mehr bestraft werden, sondern „repariert“, ist es sicher noch ein sehr weiter Weg.

Wie schätzen Sie die Reaktion der breiten Bevölkerung auf diese neuen Erkenntnisse und Aussichten ein?

Wir müssen uns im Klaren sein, dass das, worüber wir hier diskutieren, etwas ist, was ganz wenige Menschen in den reichen Wohlstandsfestungen ein kleines Bisschen beschäftigt. Wie die Menschheit als Ganzes dieses neurowissenschaftliche Wissen in ihre Lebenspraxis integrieren sollte, ist überhaupt nicht absehbar – zumal vielleicht 80 Prozent der Menschen auf diesem Planeten mit irrationalen Hintergrundideologien leben und vernünftigen Argumenten überhaupt nicht zugänglich sind. Wir, die wir das Privileg haben, über diese Dinge nachdenken zu können, müssen eventuell auch lernen, mit gewissen Kränkungen umzugehen.

Wie zum Beispiel?

Viele Menschen spüren bereits, dass sie durch diese Erkenntnisse keine Personen im klassischen Sinn mehr sind, und entwickeln das Gefühl, dass ihnen gewissermaßen die Würde genommen wird. Ich glaube, dass das nicht richtig ist. Es kommt da auf den Einzelnen aber womöglich etwas zu, was er nicht komplett in sein inneres Selbstbild einbetten kann, ohne seine psychische Gesundheit zu gefährden. Für die meisten Leute dürfte zum Beispiel diese Idee eines radikalen Determinismus – wenn sie denn richtig ist – nicht lebbar sein, denn die Evolution hat uns sicher nicht dafür optimiert, neurowissenschaftliche Erkenntnisse in unser Selbstmodell zu integrieren. In gewisser Weise könnte diese „Aufklärung 2.0“ ihre eigenen Kinder fressen, indem wir auf Erkenntnisse über uns selbst stoßen, die wir schlecht verdauen können.

Was sagen Sie den Leuten, die dieses neue Menschenbild, das sich durch die Erkenntnisse der Hirnforschung abzeichnet, nicht allzu attraktiv finden?

Ich finde es ja selbst auch nicht besonders attraktiv. Die Hirnforschung hält aber auch Positives bereit: Man kann es auch so sehen, dass wir die ersten lebenden Wesen des Planeten sind, die zumindest teilweise rational denken und argumentieren können. Eine Stärke unseres Gehirns besteht darin, uns durch die Vernunft so weit von uns selbst distanzieren zu können, dass wir nicht mehr vollständig Sklaven unserer Biologie sind. Möglicherweise denken wir einfach nicht radikal genug weiter: Wenn wir keine Personen im klassischen Sinne sind, dann könnten wir uns vielleicht als offene Prozesse begreifen oder als enorm komplexe Systeme, die sich selbst immer wieder überraschen können. Es gibt keine Lösung zu verkünden, unsere Zukunft ist offen.

Mitarbeit: Klaus Taschwer

Eine Langversion des Interviews gibt es auf www.heurekablog.at

ZurPerson

Thomas Metzinger (50) ist Philosoph und Professor für theoretische Philosophie an der Universität Mainz. Zurzeit ist er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.=

www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger

* Am 7.11. spricht er in Wien beim Symposion „Sensory Perception – Mind and Matter“ über „Body-Perception, Out-of-Body, and the true Nature of the Conscious“

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