Wer war Charles D.?

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/08 vom 17.12.2008

Darwin war nicht nur der Begründer der Evolutionstheorie und damit der wichtigste Biologe der Geschichte, sondern auch eine komplexe Persönlichkeit. 23 dieser Facetten sind hier aufgelistet, von Agnostiker bis Zoobesucher.

Agnostiker „Ich jedenfalls muss mich damit zufriedengeben, Agnostiker zu bleiben“, schrieb D. 1876 in seiner Autobiografie. Den Begriff hatte sein Freund Thomas Huxley geprägt. Agnostiker halten die Frage, ob Gott existiert, für unbeantwortbar. Als traumatisches Schlüsselerlebnis, das D.s Abwendung vom Glauben besiegelte, gilt der Tod seines Lieblingskindes, der zehnjährigen Anne („Annie“) im April 1851. Bei den Darwins wurde dennoch die Bibel gelesen.

Briefschreiber Sein Draht zur Außenwelt war der Brief, ein unerlässliches Instrument seiner Forschung, um Informationen und Objekte zu sammeln. Über 7500 Briefe schrieb D. an über 2000 Empfänger. Der Ton war stets freundlich, oft witzig, aber auch insistierend, wenn es um seine zahlreichen, mitunter abstrus erscheinenden Fragen und Bitten ging. Ob kastrierte Hirsche größer seien als normale Böcke? Wer könne ihm aus einer chinesischen Enzyklopädie domestizierter Varietäten übersetzen? Aus ganz Großbritannien verlangt er seltene Fische und Samen, aus Australien und den USA Rankenfußkrebse (› Cirripedienforscher).

Cirripedienforscher Acht Jahre seines Lebens (ca. von 1846 bis 1854) verwandte D. auf die Erforschung der Rankenfußkrebse (Cirripedien) und veröffentlichte insgesamt vier dicke Bände über diese winzigen Wirbellosen. Die zahlreichen (Unter-)Arten schärften seinen Blick für kleinste Unterschiede (› Millionär) wie auch für die „Flüssigkeit“ der Artgrenzen.

Darwinist Ob D. Darwinist war, ist eine gern gestellte, aber schrecklich ahistorische Frage. Vom heutigen Kenntnisstand der Evolutionstheorie trennen D. weit mehr als 100 Jahre. Von den molekularen Mechanismen der Vererbung etwa konnte er schlicht nichts wissen, den Faktor der kulturellen Evolution hat er unterschätzt. Auch hielt D. die Vererbung erworbener Eigenschaften für möglich, war in diesem Punkte also Lamarckist.

Ehemann 1839 heiratete D. seine Cousine Emma Wedgwood und führte eine glückliche Ehe (› Vater). Als Mutter, Hausfrau und verständige Gefährtin hielt sie ihm den Rücken frei. Spannungen ergaben sich lediglich durch D.s Verabschiedung von der göttlichen Schöpfung (er bezeichnete sich selbst auch einmal als „Kaplan des Teufels“). Seine tieffromme Frau fürchtete deshalb um sein Seelenheil.

Friedensrichter 1857 wurde D. in diese ehrenamtliche Funktion beim örtlichen Gericht gewählt. Politisch war D. liberal eingestellt sowie ein entschiedener Gegner der Sklaverei.

Geologe Bis Mitte der 1840er-Jahre sah sich D. in erster Linie als G. Fossilien waren für ihn zunächst nur Marker für bestimmte Erdschichten, führten ihm aber immer mehr die große Zahl ausgestorbener Spezies vor Augen. Der Blick auf die Sedimente zeigte ihm den stetigen Wandel und den unvorstellbar langen Zeitraum, in dem sich dieser vollzog. Sein wichtigster Beitrag als G. war seine neue, noch heute gültige Theorie zur Entstehung von Korallenriffen.

Harmoniker Für die eigene Theorie in Versammlungen und in den Medien zu kämpfen war nicht seine Sache. Konfrontationen schlugen D. auf den Magen (› Patient). Den Part in der öffentlichen Arena übernahmen seine Mitstreiter: der Botaniker Joseph Hooker, der Geologe Charles Lyell und insbesondere der Anatom Thomas Huxley. Huxley, häufig als D.s „Bulldogge“ bezeichnet, focht die Auseinandersetzungen mit Richard Owen aus, dem einflussreichsten Kritiker der Evolutionstheorie.

Investor Materielle Sorgen spielten kaum eine Rolle in D.s Leben. Er hatte eine reiche Frau geheiratet, seine Bücher verkauften sich gut, und er investierte auch klug (und stets konservativ) – etwa in Eisenbahnaktien.

Jäger In jungen Jahren und auch noch als › Weltumsegler war D. ein „sehr guter Schütze“ (D. über D.) und schoss begeistert auf alles, was ihm vor die Flinte lief und vor allem flatterte.

Koentdecker Nachdem D. über 20 Jahre an seiner Evolutionstheorie gefeilt hatte, ohne seine Ideen zu veröffentlichen, erhielt er im Juni 1858 ein Manuskript von Alfred Russel Wallace (1823–1913). Darin vertrat der britische Selfmademan, der viele Jahre in Brasilien und Südostasien unterwegs war und vom Verkauf seiner Tiersammlungen lebte, bis in die Begrifflichkeiten hinein dieselbe Theorie wie D. Am 1. Juli 1858 wurden beider Texte bei einer Versammlung der Linnean Society in London verlesen. Ein Prioritätsstreit blieb aus, D. sprach immer von „unserer Theorie“. Dennoch sputete er sich nun und publizierte bereits im Jahr darauf sein Hauptwerk, „On the Origin of Species“. Da Wallace auch an eine Evolution des Geistes glaubte sowie Anhänger des Spiritismus war (› Undercover-Agent), litt seine Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler, und er geriet zeitweise in Vergessenheit.

Landei Von 1842 bis zu seinem Tode 1882 lebte D. zurückgezogen in dem winzigen Ort Downe außerhalb Londons. Sein Landsitz verwandelte sich mehr und mehr in eine Versuchsstation inklusive Gewächshaus (› Taubenzüchter).

Millionär von seltsamen und wunderlichen kleinen Tatsachen nannte sich D. selbst in einem Brief von 1864. Als › Weltumsegler brachte er allein 1529 in Spiritus eingelegte Tiere und Pflanzen sowie 3907 Trockenpräparate zurück. Dazu kamen 15 Feldnotizbücher, 770 Seiten Tagebuch und 368 Seiten zoologische Aufzeichnungen. D. suchte stets nach winzigen Unterschieden zwischen den untersuchten Organismen und erkannte so die Varietäten innerhalb einer Art – eine wesentliche Voraussetzung für deren Weiterentwicklung.

Naturforscher D. war Autodidakt, absolvierte kein einschlägiges Studium und hatte zeitlebens keine Stelle als Naturforscher inne. Strenggenommen war er also ein Amateurwissenschaftler. Diese Spezies des begüterten „gentleman scientist“ war im viktorianischen England stark verbreitet.

Orang-Utan-Versteher Im Frühjahr 1838 beobachtete D. im Londoner Zoo (› Zoobesucher) den jungen Orang-Utan Jenny. In seinem Notizbuch beschreibt er eindringlich die Intelligenz und die Gefühlsvielfalt dieser Affendame. Einige Seiten später behauptet er, dass der Mensch vom Tier abstamme. Ihn selbst störte das nicht im Geringsten. Seine spätere Arbeit über die „Gemütsausdrücke beim Menschen und bei den Tieren“ (1872) machte ihn zu einem Vorläufer der Verhaltensforschung.

Patient Würgen, Erbrechen, Übelkeit, Flatulenz, Verstopfung – die Liste der Leiden D.s ist lang. Er vermochte oft wochenlang nicht zu arbeiten und suchte zahlreiche Ärzte auf. Über die Ursachen ist viel gerätselt worden. Sein Unwohlsein war oft auch eine willkommene Entschuldigung, sich sozialer Verpflichtungen zu entledigen.

Romantiker Die Darwin-Spezialisten streiten seit Jahren darüber: Gehört D. der britischen Wissenschaftstradition des kühlen, peniblen, jeder Spekulation abholden Empirikers an? Oder steckt in ihm nicht auch ein deutscher Romantiker? Für Letzteres sprechen etwa D.s vor Begeisterung überbordende Schilderungen des tropischen Regenwaldes. Darin zeigt sich der große Einfluss von Alexander von Humboldt, der drei Jahrzehnte vor D. Südamerika erkundete und versuchte, das „große Ganze“ der Natur zu erfassen.

Sohn D.s Mutter Susannah verstarb, als er acht war, sein Vater Robert, ein wohlhabender Arzt, wurde sehr alt (1766–1848) und war eine dominante Figur. Er fürchtete, dass sein Sohn ein Müßiggänger würde, und hätte ihm beinahe die Teilnahme an der Reise mit der Beagle (› Weltumsegler) nicht gestattet. D. bewunderte seinen Vater dennoch sehr: Ein Zehntel seiner Autobiografie handelt nur von ihm.

Taubenzüchter Tauben sind die Schlüsseltiere in D.s Begründung der Evolutionstheorie. Im Sommer 1855 wurde D. zum Taubenzüchter und betrat damit Neuland. Domestizierte Tiere und ein simpler Taubenschlag galten in der damaligen Naturforschung nicht als forschungswürdig. D. aber suchte aller nur möglichen Taubenarten habhaft zu werden, ging mit professionellen Taubenzüchtern auf einen Drink, las Geflügelzeitschriften und besuchte Landwirtschaftsausstellungen. Der große Formenreichtum der Tauben (Farbe, Körperbau etc.) ermöglichte es ihm, die Variationen genauestens zu untersuchen. Im Gegensatz zu Wildtieren bestand Konsens darüber, dass alle Tauben von einer Art abstammten. Das Töten von Küken und ausgewachsenen Tauben, um sie skelettieren und vermessen zu können, bereitete D. freilich viele Qualen.

Undercover-Agent In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Spiritisten großen Zulauf. Sie gaben vor, mit Verstorbenen in Kontakt treten zu können – für D. nutzten sie nur das Leid von Trauernden schamlos aus. 1874 schickte er Thomas Huxley und dessen Sohn George als Spione zu einer Séance. Zwei Jahre später gingen die jungen Biologen Edwin Ray Lankester und Horatio Donkin noch weiter. Während einer „Konversation“ mit einem Toten entwanden sie dem Spiritisten Henry Slade eine Schiefertafel, auf der die Antwort zu einer noch nicht gestellten Frage stand. Es kam zum Prozess und zur Verurteilung Slades. D. dankte den wackeren Ghostbusters.

Vater „Für was wären sie sonst Möbel, wenn man sie nicht benutzen darf.“ So entschuldigte D., dass seine Kinder beim Spielen die Einrichtung ruinierten. Heute würde man ihn und seine Frau wohl als antiautoritäre Eltern bezeichnen. Selbstredend beobachtete er seine Kinder auch vom Standpunkt des › Naturforschers. Ein Notizbuch hieß „Naturgeschichte von Babys“. Von den zehn gemeinsamen Kindern erreichten sieben das Erwachsenenalter.

Weltumsegler Mit dem kränkelnden D. der späteren Jahre (› Patient) hatte der W., der von Dezember 1831 bis Oktober 1836 auf dem britischen Vermessungsschiff Beagle vor allem Südamerika bereiste, wenig gemein. Er galoppierte hoch zu Ross über die Pampa, erklomm Andengipfel, buddelte nach Fossilien und jagte nach Herzenslust. Die Weltreise war sicherlich das einschneidende Erlebnis in D.s Forscherleben. Die Evolutionstheorie hat er aber erst im Anschluss daran nach und nach ausformuliert.

Zoobesucher Den Regent’s Park Zoo in London besuchte D. häufig. Er beauftragte Wärter, Schimpansen und Orang-Utans für ihn zu beobachten (› Orang-Utan-Versteher), Maler, den Gesichtsausdruck von Schopfmakaken festzuhalten, und den Direktor, gruselige Versuche für ihn durchzuführen. 1856 etwa wurden tote Spatzen, deren Kropf D. mit Hafer gefüllt hatte, an Gaukler (eine Adlerart) und Schneeeulen verfüttert. Später nahm D. die Gewölle der Greifvögel mit nachhause, pflanzte sie ein, und zu seiner großen Freude keimte der Hafer. So glaubte D., einen weiteren Mechanismus für die Verbreitung von Pflanzensamen über weite Distanzen bewiesen zu haben.

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