Denken am Bild

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/08 vom 17.12.2008

Selbst brachte er keinen geraden Strich aufs Blatt. Und doch waren Skizzen, Holzstiche und Fotos zentral für Darwins Theorien, wie die Kunsthistorikerin Julia Voss in einer Studie zeigt.

Ein Bild sagt mehr. In erster Linie schrieb er und füllte damit Seite um Seite in seinen Notizbüchern. Darwin dachte aber auch in, durch und mit Bildern. Nichts verdeutlicht dies eindrücklicher als jene Manuskriptseite in seinem geheimen Arbeitstagebuch aus dem Jahr 1837, die mit den Worten „I think“ beginnt, um dann unmittelbar in eine Art Proto-Stammbaum überzugehen – womöglich einer der ersten visuellen Geistesblitze, die zur Evolutionstheorie führten.

„Unermüdlich hatte er seit 1837 immer weitere Diagramme gezeichnet, Blatt für Blatt mit dem wuchernden Gebüsch von Genealogien, Abzweigungen und Ursprüngen gefüllt“, schreibt die deutsche Kunst- und Wissenschaftshistorikerin Julia Voss in ihrer Studie „Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837 bis 1874“.

Dimension der Zeit. Voss zeigt darin, wie Darwin nicht nur auf die Kraft der Worte, sondern auch auf jene der Bilder setzte. So etwa auch bei der Anordnung von vier Finkenköpfen von Galápagos (s. Seite 9–10) in der zweiten Auflage seiner „Reise eines Naturforschers“ (1845). Das Bild des Vogelquartetts führt abgestuft von links oben nach rechts unten, vom dicksten zum feinsten Schnabel, vom größten zum kleinsten Kopf und suggeriert so eine Entwicklung. Es illustriert die einzige Stelle vor Darwins Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ (1859), in der er den Entwicklungsgedanken zumindest andeutet – und ist damit das erste gedruckte „Bild der Evolutionstheorie“.

Darwin greift dabei auch vorhandene Bildtraditionen auf, etwa Zeichenkonventionen aus der Geologie. Mit getüpfelten Linien „markierte er nun die versunkenen Überreste des Tierreichs, die unter der Erdkruste verborgen blieben“. Die geologischen Tiefenschichten verwandeln sich unter Darwins Grafitstift zur Geschichte der Natur. Taxonomische Karten, die seinerzeit den Zoologen an sich nur dazu dienten, die Spezies zu ordnen, deutet Darwin in Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnisse um. „Wozu kein Menschenleben reicht, um es in Echtzeit zu beobachten, das zeigt das Bild auf einen Blick: Die Akkumulation kleiner Wirkungen über Jahrmillionen“, so Voss.

Der lachende Affe. Darwins bilderreichstes Werk ist „The Expression of the Emotions in Man and Animals“ von 1872. Er klapperte eigenhändig Geschäfte in London nach geeigneten Illustrationen ab und baute sich quasi eine Bilddatenbank auf, in der er die Bandbreite der Gemütsausdrücke von Mensch und Tier dokumentiere. Dabei nutzte er neben Zeichnungen auch das neue Medium der Fotografie sehr intensiv, vor allem die expressiven Aufnahmen des französischen Physiologen G.-B. Duchenne de Boulogne.

Für Darwin waren Abbildungen keine bloßen Illustrationen, sondern Belege, visualisierte Thesen. Entsprechend akribisch bearbeitete er die Bilder für den Druck, wählte bestimmte Ausschnitte aus, bestand auf Korrekturen und gab den Zeichnern genaue Anweisungen.

Den Tiermaler Joseph Wolf engagierte er, um im Londoner Zoo das Lachen der Schopfmakaken einzufangen, zu sehen im unteren Bild, auf dem der Affe Zähne zeigt. Darwin behauptete als einer der Ersten, dass Tiere Gefühle ausdrücken, sich freuen und schämen, sich ärgern, fürchten und lachen. Genau wie die Menschen.

Julia Voss: Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837–1874.

Fischer TB. 379 S., € 13,40

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