Sexmuffel mit Panzer

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/08 vom 17.12.2008

Mit der Einsamkeit kam auch der Ruhm. Die Galápagos-Riesenschildkröte Lonesome George ist die letzte ihrer Art – und das wohl bekannteste Reptil der Welt.

Zum Reiten und Verzehren. „Einige Male setzte ich mich einer auf den Rücken, und wenn ich ihr dann ein paar Mal hinten auf den Panzer klopfte, erhob sie sich und lief los.“ Bei seinem fünfwöchigen Aufenthalt auf den Galápagos im September und Oktober 1835 nutzte Charles Darwin Riesenschildkröten zur Fortbewegung, bei der Rückfahrt aß er sie. Denn die genügsamen Tiere wurden damals an Bord von Schiffen als – zunächst noch lebender – Proviant genutzt.

Darwin brachte auch mehrere nur wenige Jahre alte Riesenschildkröten mit nach England. Eine davon verschlug es – angeblich! – in einen australischen Zoo, wo sie erst im Juni 2006 verstarb. Harriet galt mit ihren etwa 175 Jahren als ältestes Tier der Welt.

Die große Variabilität der Riesenschildkröten auf Galápagos hatte Darwin vor Ort – wie auch jene der Finken und Spottdrosseln (s. S. 9–10) – zunächst noch gar nicht beachtet. Und dies, obwohl ihm der englische Gouverneur von Galápagos darauf hingewiesen hatte, man könne die Tiere je nach Form ihres Panzers (sattel- oder kuppelförmig) den verschiedenen Inseln des Archipels zuordnen. Erst nach seiner Rückkehr nach England erkannte Darwin allmählich die Ausdifferenzierung einer Art durch Adaption an die Bedingungen der unterschiedlichen Lebensräume.

Genüsslich grasend. 14 Arten gab es, Unterarten, um genau zu sein. Die verschiedenen Galápagos-Riesenschildkröten lassen sich genetisch eindeutig unterscheiden, können sich aber noch untereinander fortpflanzen. Fünf der Unterarten tummeln sich allein auf der größten Insel, auf Isabela. Auf fünf weiteren Inseln hat je eine überlebt. Drei der Unterarten sind sicher ausgestorben.

Auch die Unterart der Geochelone nigra abingdoni von der ganz im Norden des Archipels gelegenen Insel Pinta hielt man für unwiederbringlich verloren. 1906 waren dort die letzten drei Exemplare gefangen und abgebalgt worden. Vermeintlich, wie sich im Dezember 1971 herausstellte, als ein Schneckensammler bei einer Exkursion auf der unbewohnten Insel Pinta über eine genüsslich grasende männliche Schildkröte stolperte. Diese wurde bald danach in die Forschungsstation von Santa Cruz gebracht und Lonesome George getauft, nach einem schrulligen US-Showmaster der 50er-Jahre.

Der britische Wissenschaftsjournalist Henry Nicholls hat über diese buchstäblich einzigartige Schildkröte ein kurzweiliges und gut recherchiertes Buch geschrieben. In „Lonesome George“ zeigt er auch die vielfältigen Bedrohungen, denen dieser Mikrokosmos ausgesetzt ist: Der Mensch schleppte Tierarten von der Ziege über die Ratte bis hin zu Insekten ein, die das empfindliche lokale Ökosystem der Galápagos bedrohen. Ganz zu schweigen von der Umweltbelastung durch die jährlich mittlerweile 140.000 Touristen, die auf Darwins Spuren wandeln wollen.

Sex, please! Und natürlich George sehen und abfotografieren, denn das träge Tier ist längst zur Ikone geworden. Auf 80 Jahre wird die letzte Pinta-Riesenschildkröte geschätzt. Georges Panzer ist über einen Meter lang, er wiegt 90 Kilo und wird mit fünfmal wöchentlich einem halben Kilo Papaya auf Diät gehalten. Seit über zwei Jahrzehnten versucht man, ihn zur Fortpflanzung mit einer nahe verwandten Unterart anzuregen. Das Ergebnis wäre zwar ein hybrider Nachwuchs, aber Georges Genpool würde wenigstens zur Hälfte weitergegeben.

Doch George scheint ein Sexmuffel zu sein. Den beiden Weibchen in seinem Gehege versucht er meist nur das Futter wegzuschnappen. Erste Kopulationsversuche fielen allzu tapsig aus. Vermutlich fehlen dem einsamen George aufgrund seiner jahrzehntelangen Abstinenz schlicht die Übung und die soziale bzw. sexuelle Kompetenz.

Eier, endlich! Umso größer war die Aufregung, als im Sommer dieses Jahres die beiden Weibchen ein Nest zu bauen begannen und erstmals Eier legten. Die Wärter legten 16 Eier in den Brutkasten, von denen drei schnell ausschieden. Anfang Dezember stellte sich heraus, dass alle verbliebenen Eier unbefruchtet waren. Laut Sixto Naranjo, Direktor des Galápagos-Nationalparks, könnte dies daran liegen, dass George impotent ist – oder aber die Weibchen sind infertil, möglicherweise durch schlechte Anpassung an die Gefangenschaft. Doch die Hoffnung auf Nachwuchs stirbt zuletzt, da George sich mit seinen 80 Lenzen eigentlich noch im besten Riesenschildkrötenmannesalter befindet. Do it again, George!

Henry Nicholls: Lonesome George: The Life and Loves of a Conservation Icon. Macmillan 2006.

231 S., € 24,–

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