Biologe = Darwinist = Nazi

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 5/08 vom 17.12.2008

Im katholisch geprägten Österreich hatten es Darwins Lehren nie ganz leicht. Ihr Missbrauch im Nationalsozialismus trug das seine zu den Schwierigkeiten bei.

Frühe Verbreitung. Darwin sei nur zu beglückwünschen, dass er nicht im intoleranten 16. Jahrhundert lebe und nicht in Österreich. Das schrieb kein geringerer als der englische Schriftsteller Charles Dickens, als er – als einer der ersten Rezensenten – „Über die Entstehung der Arten“ (1859) besprach. Darwin und die Evolutionstheorie hatten es in Österreich tatsächlich nicht leicht.

Das gilt freilich nicht für die Jahre unmittelbar nach dem Erscheinen seines Hauptwerks, als in Politik und Gesellschaft für einige Jahre ein liberaleres Klima herrschte. So gab es bereits im Jahr 1860 im neu gegründeten Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien die ersten öffentlichen Vorträge über Darwins Theorie. Zoologen wie Gustav Jäger, Carl Bernhard Brühl oder Friedrich Knauer bereiteten in den folgenden Jahren den Boden für die damals heftig diskutierte Lehre weiter auf.

Literarische Rezeption. Darwins Theorien wurden nicht nur in naturwissenschaftlich gebildeten Kreisen eifrig diskutiert, sondern auch in literarischen Zirkeln. Seine Lehre inspirierte auch einige österreichische Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts – von Ludwig Anzengruber bis Leopold Sacher-Masoch – nachhaltig. Einer der Darwin-Leser dieser Zeit war Sigmund Freud, der sich später ganz ohne falsche Bescheidenheit in eine Reihe mit ihm stellte: Nach Kopernikus (Erde ist nicht das Zentrum des Universums) und Darwin (Mensch stammt vom Affen ab) habe er für die dritte große Kränkung der Menschheit gesorgt (Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus).

Der englische Naturforscher wurde in dieser Zeit in Österreich auch architektonisch gewürdigt: Als einziger damals lebender Wissenschaftler wurde er im Jahr 1876 an der Fassade das Naturhistorischen Museums Wien verewigt – und zwar auf der dem Ring zugewandten Seite über dem letzten Fenster im obersten Stockwerk. In der etwas später fertiggestellten Kuppelhalle des Museums karikiert hoch oben im Sprengring ein Relief den Unwillen der Menschen, die „Abstammung vom Affen“ zu akzeptieren.

Katholischer Rückschritt. Mit dem Ende des Liberalismus in Wien kurz vor 1900 kam aber auch die Rezeption der Evolutionstheorie an ihr vorläufiges Ende. Unter dem katholischen Bürgermeister Karl Lueger war die Verbreitung von Darwins Lehren unerwünscht. Und nach der zumindest in Wien liberaleren Ära zwischen 1918 und 1934 kam es dann im politisch aufgeheizten Klima des klerikalen Ständestaats zu einem regelrechten Backlash.

Der Biologieunterricht an den Schulen wurde gekürzt, Evolutionstheorie durfte nicht erwähnt werden und die Biologie wurde aus dem Medizinstudium gestrichen. Stattdessen führte man an der Universität Wien eine verpflichtende Vorlesung zur Weltanschauungslehre ein, die von einem Jesuitenpater abgehalten wurde. Hatte es an der Universität Wien 1925 noch sieben Professuren für Biologie gegeben, war 1939 nur mehr eine einzige davon besetzt. Im Gegensatz dazu hatten die Biologie und die Evolutionstheorie in Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers 1933 einen erheblichen Aufschwung erlebt. Das war wohl auch ein Grund dafür, warum etliche österreichische „Darwinisten“ Sympathien für den Nationalsozialismus hegten.

Darwinist Lorenz. Der einflussreichste unter ihnen war fraglos Konrad Lorenz (1903–1989), der im Rückblick auf den Austrofaschismus meinte, dass für das damalige österreichischen Unterrichtsministerium „Biologe, Darwinist und Nationalsozialist eigentlich dasselbe“ gewesen wären.

Lorenz selbst sollte dieser Einschätzung alle Ehre machen: Er diente sich den Nazis in den Jahren 1938 bis 1940 auch als öffentlicher Darwin-Propagator an (siehe unten) und behauptete, dass es zwischen der Evolutionstheorie und der Rassenlehre der Nationalsozialisten erhebliche Übereinstimmungen gäbe. Mit dieser Anbiederung kompromittierte Lorenz nicht nur sich selbst gegenüber seinen engen Kollegen und Freunden, sondern auch Darwin und die Evolutionstheorie nach 1945.

Dass der Begründer der Verhaltensforschung nach dem Kriegsende einen Gutteil seiner aktiven Karriere in Deutschland verbrachte, hatte letztlich aber auch damit zu tun, dass man es als bekennender Darwin-Anhänger im katholisch geprägten Österreich auch noch nach 1945 schwer hatte: 1950 dürfte Lorenz’ Berufung an die Universität Graz als Nachfolger von Karl von Frisch nicht nur wegen seiner braunen Vergangenheit, sondern auch wegen des Inhalts seiner Forschungen und seines „Bekenntnisses“ zu Darwin am Veto des ÖVP-Unterrichtsministers Felix Hurdes gescheitert sein.

Es war ausgerechnet der Kommunist Ernst Fischer, der Lorenz’ Abgang nach Deutschland in einer Rede vor dem österreichischen Parlament bedauerte: „Sein Fach, die Tierpsychologie, ist in vatikanischen Kreisen nicht allzu beliebt“, meinte Fischer sarkastisch, „da man Tieren keine Seele zugesteht und weil außerdem das mitunter sehr menschenähnliche Verhalten von Tieren dort Ärgernis erregt.“ (Das Parlamentsprotokoll vermerkte an dieser Stelle „Heiterkeit bei der ÖVP“.)

Evolution und Erkenntnis. Bis zur Rückkehr des Nobelpreisträgers nach Österreich im Jahr 1973 passierte herzlich wenig in der Evolutionsforschung. Dann aber kam es zur sichtbarsten „österreichischen“ Weiterentwicklung von Darwins Lehren, der „evolutionären Erkenntnistheorie“. Rund um Lorenz beschäftigte sich ein Kreis von jüngeren Forschern mit den Funktionen und der stammesgeschichtlichen Anpassung des menschlichen Erkenntnisapparats – was sowohl der Biologie wie auch der Philosophie frische „evolutionäre“ Impulse gab.

Während in der Forschung die Beschäftigung mit Fragen der Evolution mittlerweile – auch im internationalen Vergleich – wieder gut etabliert ist, besteht in der Öffentlichkeit noch Aufholbedarf: Im Rahmen eines Vergleichs von 34 westlichen Ländern stimmten gerade einmal 55 Prozent der Österreicher Darwins Lehren zu. Macht Platz 25.

Und wie es im Moment aussieht, wird in Österreich auch 2009 nicht das große Darwin-Jahr werden. Die bisher bekanntgewordenen Feierlichkeiten nehmen sich bescheiden aus im Vergleich zu dem, was in anderen Ländern geplant ist. Aber schließlich haben wir 2009 ja auch den 200. Todestag von Joseph Haydn zu feiern.

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