Darwin in Kuala Lumpur

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/08 vom 17.12.2008

Wie weit ist die Evolutionstheorie eigentlich weltweit akzeptiert? Ein Blick über den Globus zeigt, dass der Widerstand der Kreationisten wächst, bei Christen und Muslimen gleichermaßen.

Welt. Für Biologen ist die Evolution eine umfassend bewiesene Tatsache. Die überwältigende Mehrheit ihrer Mitbürger sieht dies – global betrachtet – anders. Vermutlich. Denn so genau weiß niemand, was die Menschen im Jahr 2008 in Montevideo, in der Mongolei oder auf Madagaskar von Charles Darwins Ideen halten.

Verlässliche Umfragen gibt es fast nur für die „westliche Welt“: Jon D. Miller, Eugenie C. Scott und Shinji Okamoto (Public Acceptance of Evolution, Science 313, 765f.) verglichen im August 2006 die Akzeptanz der Evolutionstheorie in 32 europäischen Ländern, Japan und den USA (s. Grafik).

Finnland. Der Artikel verlor genau eine Zahl und ein Wort über Finnland: 65 Prozent. Dies genügte, um die finnischen Medien in Hysterie ausbrechen zu lassen: „Schande über uns“ und „Abergläubisches Finnland“ lauteten die Schlagzeilen. Ein wenig übertrieben, oder? In Österreich (Platz 25, 55 Prozent) raschelte es im Blätterwald nicht einmal.

Im hohen Norden hingegen ist man es gewohnt, das europäische PISA-Ranking anzuführen. Ausländische Delegationen geben sich in Helsinki die Klinke in die Hand, weil sie das finnische Erziehungserfolgsgeheimnis ergründen wollen.

Was den Nationalstolz als führendes Hightech-Land so erschütterte, waren weniger die 65 Prozent als vielmehr der mediokre 17. Platz im Ranking, so die finnische Kommunikationswissenschaftlerin Vienna Setälä. „Wie konnte es im Nokia-Finnland so weit kommen?“, fragte verzweifelt eine Schlagzeile. Eingequetscht zwischen Slowenien und Tschechien suggerierte das Ranking, dass Finnland mental in Osteuropa liege. Offensichtlich eine Horrorvorstellung.

Osteuropa. Die Science-Studie von Miller et al. zeigt ein West-Ost-Gefälle. In Westeuropa akzeptieren 69 Prozent die Evolutionstheorie, in Osteuropa sind es lediglich 60 Prozent. Der Kommunismus ist auch in seinem Versuch gescheitert, die Menschen mit seiner materialistischen Weltanschauung zu beglücken. Nach 1989 strömten bibeltreue Evangelikale nach Osteuropa, aber auch die orthodoxe und die katholische Kirche stießen in das ideologische Vakuum vor.

Die serbische Unterrichtsministerin Ljiljana Èoliæ versuchte im September 2004 die Evolution aus den Grundschullehrplänen zu verbannen, was sie freilich ihren Job kostete. Als der stellvertretende Unterrichtsminister Miroslaw Orzechowski im Oktober 2006 die Evolutionstheorie als „Lüge“ bezeichnete, war ihm die europaweite Aufmerksamkeit sicher. Und nur darum geht es: Freund und Feind zu zeigen, wo(für) man steht.

Türkei. In allererster Linie politisch motiviert ist auch die schärfer werdende Auseinandersetzung zwischen Islamisten und Laizisten in der Türkei. Als schrillsten Gegner des Darwinismus – der sei u.a. für 9/11 verantwortlich – hat sich hier Adnan Oktar etabliert. Der Erzkreationist wirkt weit über die Türkei hinaus: Seine Website bietet „Informationen“ (Texte und Videos) in derzeit 41 (!) Sprachen, darunter auch Finnisch. 2006 verschickte Oktar kostenlos seinen opulent bebilderten „Atlas der Schöpfung“ (800 Hochglanzseiten, 5,4 kg) übersetzt auch in viele westliche Länder. Heuer ließ er mittels Beleidigungsklagen in der Türkei unter anderem die Webseiten von YouTube und Richard Dawkins sperren. Derzeit steht der bereits mehrfach verurteilte Oktar wieder einmal selbst vor Gericht: wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Seine antidarwinistischen „Argumente“ entlehnt der Muslim Oktar pikanterweise aus christlich-fundamentalistischen Kreisen. Dies ist für den türkischen Biologen und Wissenschaftsforscher Ömer Gökçumen ein Beleg dafür, dass sich der konservativ-kreationistische Diskurs globalisiert.

USA. So ist es wohl kein Zufall, dass in der Studie von Miller et al. die Türkei auf dem 34. und letzten Platz landete, die USA auf dem vorletzten. Für den US-Wissenschaftshistoriker Ronald Numbers sind die Vereinigten Staaten das Mutterland und erfolgreicher Exporteur des Kreationismus. Genährt vom Umfeld evangelikaler Kirchen haben sich dort zahlreiche schlagkräftige Organisationen gebildet, die längst über die Landesgrenzen hinaus wirken.

Für die USA selbst kommen Miller et al. zum Schluss, dass sich die Gewichte zwischen den beiden Lagern nur wenig verschoben haben. Stark gewachsen ist nur der Anteil derjenigen, die hinsichtlich der Evolution unschlüssig sind (1985: 7 Prozent, 2005: 21 Prozent). Neu ist die enorme Politisierung: Die Korrelation zwischen Kreationisten und der Anhängerschaft der Republikanischen Partei ist sehr hoch. Die Autoren schließen daraus, dass die Ära der Nachkriegszeit, in der Wissenschaft den Nimbus von Unparteilichkeit besaß, zu Ende ist.

Kenia. Zum subsaharischen Afrika liegen über die Darwinismusrezeption kaum Untersuchungen vor. Ronald Numbers glaubt aber, dass das konservative Christentum in Afrika so stark und folglich die Evolutionstheorie so schwach sei, dass sich den Kreationisten neuer Prägung wenig Angriffsmöglichkeiten böten.

Eine Ausnahme bildet Kenia – weil sich das ostafrikanische Land selbst gerne als Wiege der Menschheit bezeichnet. Im August 2006 kam es in Nairobi zu lautstarken Protesten evangelikaler Kirchen. Sie forderten, dass die weltberühmte Sammlung hominider Fossilien keinen zentralen Platz in der Ausstellung des Kenya National Museums mehr haben dürfte. Der kenianische Paläoanthropologe Richard Leakey hielt dem entgegen, dass diese Millionen Jahre alten Knochen ein unverzichtbarer „claim to fame“ für das Land seien. Auch der Wissenschaftler argumentierte also letztlich politisch.

China, Japan, Südkorea. In Ostasien beantwortet die große Mehrheit der Menschen die Frage, ob Menschen sich aus anderen, früher existierenden Spezies entwickelt hätten, mit ja. In einer Umfrage von 2001 waren dies in Japan 78, in China 70 und in Südkorea 64 Prozent. Dies könnte daran liegen, dass es in Ostasien keine indigenen religiösen Traditionen gibt, die der Evolution feindlich gegenüberstünden, so Glenn Branch vom National Center for Science Education im kalifornischen Oakland.

Pakistan, Indonesien. Anila Ashgar, Jason Wiles und Brian Alters wollten die Einstellung zu Evolutionstheorie und Kreationismus in Indonesien und Pakistan untersuchen, also ganz überwiegend muslimischen Ländern. Dazu musste das amerikanisch-kanadische Forschertrio aber erst einmal einen Crashkurs in interkultureller Verständigung durchlaufen.

Die Probleme begannen bereits bei der Übersetzung der Fragebögen. In Bahasa (Indonesien) gibt es verschiedene Begriffe für „Vorfahr“, „Evolution“ hat atheistische Konnotationen. Ein unvorsichtig gewählter Begriff kann die religiöse Empfindlichkeit mancher Muslime verletzen, etwa wenn man nach der „wissenschaftlichen Verlässlichkeit“ des Korans fragt.

Die eigentliche Publikation der Ergebnisse steht noch aus, so Jason Wiles zu heureka! Bezeichnend sei jedoch die große Kluft zwischen den wissenschaftlichen Eliten dieser Länder und den Lehrern in den Schulen.

Salman Hameed (Hampshire College, USA) publizierte gerade eine andere Studie zur Situation in islamischen Ländern (Bracing for Islamic Creationism, Science 322, 12.12.2008, S. 1637f, s. Graphik). Angesichts der ernüchternden Zahlen – so akzeptieren etwa gerade einmal acht Prozent der Ägypter die Evolutionstheorie – plädiert Hameed dafür, dass muslimische Wissenschaftler offensiv und gleichzeitig sensibel auf ihre Mitbürger zugehen müssten.

Der Süden. Diese kleine Weltreise hat gezeigt, dass es bei der Auseinandersetzung zwischen Evolutionstheorie und Kreationismus nicht um Wissenschaft geht, sondern um politische Profilierung, Nationalstolz und religiöse Sensibilitäten. Wie wird es weitergehen? Im „Norden“, also in Nordamerika und Europa, ist die Lage einigermaßen stabil. Anders in Südamerika, Afrika und Asien: Die Bevölkerung dort ist wenig säkularisiert, offen für Wunder und Zeichen. Im Zuge der „Globalisierung des Südens“ werden sich evangelikales Christentum und Islam und damit wohl auch der Kreationismus weiter ausbreiten, glaubt Glenn Branch, gerade auch, weil er sich an örtliche Mentalitäten anzupassen vermag. So ist für Evangelikale wichtig, dass die Welt erst vor wenigen tausend Jahren geschaffen wurde (Young Earth Creationism), während Muslime sehr gut mit einer alten Erde leben können (Old Earth Creationism). Und wie heißt es so schön: „Creationism evolves, even if nothing else does.“

Eine ausführliche Literaturliste zum Thema finden Sie unter: www.heurekablog.at

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