Sechs große Missverständnisse

Axel Meyer | aus HEUREKA 5/08 vom 17.12.2008

Es ist fraglos eines der wichtigsten Bücher, die je geschrieben wurden. Dennoch sorgen Charles Darwins Hauptwerk „Über die Entstehung der Arten“ und das darin erstmals beschriebene Prinzip der natürlichen Selektion fast 150 Jahre später immer noch für Verwirrung.

Im kommenden Jahr wird nicht nur Darwins 200. Geburtstag gefeiert. Auch sein Hauptwerk „On the Origin of Species“, das im November 1859 erschien, begeht ein rundes Jubiläum. Das Werk mit dem deutschen Titel „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Dasein“ beschäftigt, zum Teil immer noch kontrovers, bis heute die Wissenschaft und die Welt.

Auch wenn sich die Evolutionsbiologen über die die Welt verändernden Einsichten Darwins einig sind, wird immer noch darüber diskutiert, was er etwa über den Prozess der Artentstehung genau dachte oder was er genau unter dem Begriff „Art“ verstand. Und nach wie vor gibt es Neues und Überraschendes über den Ablauf Evolution zu entdecken und Grundsätzliches genauer zu hinterfragen.

In der breiten Öffentlichkeit ist es mit dem Verständnis über die natürliche Auslese meist nicht allzu weit her, obwohl die meisten Menschen glauben, die Evolution zu verstehen.

Irrtum 1: Die Evolution arbeitet zur Erhaltung der Art

Dass sich Lemminge angeblich freiwillig in Massen von Klippen in den Tod stürzen, wenn zu viele von ihnen nicht mehr genügend Nahrung finden, ist nichts als eine Disney-Fiktion. Warum die Idee vom vorteilhaften Lemmingtod nicht stimmen kann, verdeutlicht eine einfache Überlegung: Egoistische Lemminge, die den Gruppensuizid nicht mitmachten, würden mehr Gene an die nächste Generation weitergeben als die selbstlos sich opfernden Tiere. Das würde schnell zu einer Population egoistischer Lemminge ohne Neigung zum „evolutionären Heldentod“ für das angebliche Wohl der Art führen.

Natürliche Auslese arbeitet eben in erster Linie nicht auf der Ebene der Art, sondern auf der des Individuums. Dort herrscht Konkurrenz: Es gilt möglichst viel eigenes Erbmaterial im Genpool der nächsten Generation repräsentiert zu haben, also mehr Nachfahren zu produzieren als die Konkurrenz. Nicht mehr, aber auch nicht weniger fördert die natürliche Selektion.

Selektion kann auch zwischen Gruppen und Arten vorkommen. Sie ist aber notwendigerweise immer indirekter, weniger stark und damit langsamer als jener Selektionsdruck, der am unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg von Individuen ansetzt.

Irrtum 2: Anpassung ist das notwendige Ergebnis der Evolution

Anpassungen sind nicht Adaptationen an aktuell herrschende Umweltbedingungen, sondern die Summe der Anpassungen aller Vorfahren in den vorherigen Generationen. Nützliche Mutationen ereignen sich nicht häufiger, nur weil eine neue Selektionsrichtung – beispielsweise ein verändertes Klima – sie bevorteilen würde. Nur wenn eine genetische Variation schon in wenigstem einem Individuum der Population vorhanden ist, wird sich auch die Häufigkeit ihres Auftretens in der gesamten Art verändern können.

Auch wird nicht jede Umweltveränderung unweigerlich zur Verkleinerung der Populationsgröße führen. Der Klimawandel wird das Verbreitungsgebiet und damit die Populationen einiger Arten vergrößern – möglicherweise auf Kosten anderer Arten, aber vielleicht auch nicht.

Irrtum 3: Evolution strebt nach Perfektion

Natürliche Selektion ist nicht gleich natürliche Perfektion. Schon Darwin war klar, dass die Evolution nicht nach Höherem strebt, ja: nicht streben kann. Trotzdem behaupten Tierfilmer gerne, der Gepard sei „der perfekte Jäger“ oder die Schwalbe „die optimale Fliegerin“.

Körpergröße oder Schnelligkeit sind unter bestimmten Bedingungen von Vorteil. Aber schon in der nächsten Generation können die Individuen womöglich von anderen Eigenschaften profitieren, die in eine ganz andere Selektionsrichtung gehen.

Die perfekte Adaptation gibt es auch aus anderen Gründen nicht. Schon seit dem Devon (also seit rund 400 Millionen Jahren) ist genetisch festgelegt, dass Landwirbeltiere nicht mehr als fünf Finger ausbilden können. Unser Fischvorfahr, der das Land damals besiedelte, hatte einfach nur fünf und nicht acht oder zwölf davon. Mehr Finger auszubilden ist entwicklungsbiologisch unmöglich geworden, egal wie vorteilhaft mehr davon unter bestimmten Umweltbedingungen sein könnten.

Die Evolution kann nur mit dem arbeiten, was ihr genetisch und entwicklungsbiologisch zur Verfügung steht. Und sie kann die Zukunft nicht antizipieren. Auch deshalb scheiterten die allermeisten Versuche (Arten) schon nach wenigen Millionen Jahren: Sie starben aus.

Irrtum 4: Evolution bedeutet immer auch Fortschritt

Ähnlich wie das Konzept der Perfektion impliziert auch die Vorstellung von Fortschritt, dass die Evolution zielgerichtet ablaufe. Aber sie verfolgt kein Ziel, zumindest kein absolutes. Die Entwicklung des Menschen war in keiner Form vorgegeben oder je das Ziel der Evolution. Der 2002 verstorbene Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould wiederholte stets: Würde das Tonband der Evolution zurückgespult, entstünde jedes Mal andere Musik.

In Jahrmillionen hat sich die Komplexität in vielen, aber nicht allen evolutionären Linien erhöht – schließlich dekorieren nicht mehr alle Lebensformen als Verwandte der Blaualgen Steine in Flüssen und Seen. Freilich: In puncto Biomasse, Artenvielfalt und Komplexität sind die Bakterien unübertroffen vielgestaltiger als jede andere Lebensform. Dennoch ist offensichtlich, dass seit Beginn des Lebens auf diesem Planeten vor mehr als 3,6 Milliarden Jahren Organismen komplexer geworden sind. Ist Evolution also ein Mechanismus, durch den alle Lebensformen immer „komplexer“ und „fortschrittlicher“ werden? Nein – Fortschritt und Komplexität sind keine Zwillinge, die notwendigerweise Hand in Hand gehen. So kann Erfolg in der Evolution in der Lebens- oder Verweildauer auf dem Planeten gemessen werden. Auch in dieser Hinsicht sind Bakterien die erfolgreichste Lebensform.

Irrtum 5: In der Natur herrschen Gleichgewicht und Harmonie

Die natürliche Selektion fördert egoistische Merkmale, die dem Individuum helfen, die eigenen Gene über die Nachfahren zu vermehren. Wie aber lässt sich kooperatives Verhalten erklären? Risikoreiches oder aufopferndes elterliches Verhalten leuchtet immerhin noch ein: Eltern riskieren das eigene Leben, um den Nachfahren und damit ihren Genen eine größere Überlebenschance zu geben. Diese Art von Kooperation innerhalb von Verwandten kann jedoch nicht zum Wohl einer anderen Art funktionieren.

Trotzdem verhalten sich viele Tiere scheinbar vorteilhaft für andere Arten: Bienen bestäuben Blüten, Vögel transportieren Samen über weite Strecken. Allerdings geht es dabei immer um gegenseitigen Vorteil – die Bienen bestäuben Blüten, aber leben auch von Pollen der Pflanzen – oder um Manipulationen. Solche kleinen „Verführungstricks“ der Natur kosten die eine Art wenig, bringen aber einer anderen große Vorteile.

Ökologische Gemeinschaften scheinen oft in einer Art Harmonie zu leben. Allerdings ist das nur Schein. So beschränken sich Raubtiere nicht darauf, die Kranken und Schwachen zu töten, um die Population ihrer Beute „gesund“ zu halten. Könnte er, würde der Räuber alle Beutetiere fressen – selbst wenn deren Ausrottung ihm letztendlich zum Nachteil gereichen würde. Ökosysteme streben nicht nach Harmonie und Balance.

Irrtum 6: Die Natur verhält sich gut, sie hat Moral

Genauso wenig wie man anderen natürlichen Phänomenen wie einem Tsunami oder einem Vulkanausbruch Gerechtigkeit oder Grausamkeit zuschreibt, treffen solche Begriffe auf die natürliche Selektion zu. Sie basiert allein auf Fortpflanzungsunterschieden zwischen Individuen einer Population. Daher ist die Natur weder moralisch noch unmoralisch. Sie strebt weder nach Schönheit noch nach Harmonie oder Stärke. Was „natürlich“ ist, ist nicht notwendigerweise im philosophischen Sinne moralisch gut.

Dies trifft auch dann zu, wenn falsch verstandene evolutionäre Prinzipien auf das menschliche Miteinander – besser: Gegeneinander – angewendet werden. Hier wird die natürliche Auslese überinterpretiert. Wir verlangen zu viel von ihr. Sie ist zwar mächtig, aber dennoch lediglich ein blinder und planloser Prozess. Das wusste schon Darwin.

Axel Meyer ist Professor für Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz und derzeit Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

Axel Meyer: Evolution ist überall. Kolumne „Quantensprung“. Böhlau 2008 157 S., € 20,50

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