Moderne Nomaden

Klaus Taschwer und Peter Illetschko | aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Mobilität ist längst eine Grundvoraussetzung für erfolgreiche Wissenschaft geworden: je internationaler die Forschung, desto besser. Österreich ist auf einem guten Weg.

Von Wien in die Welt "Ich war ein österreichischer Gscherter mit wenig Ahnung von der Welt“, bekennt Arnold Schmidt im Rückblick auf die Anfänge seiner Karriere. Der Physiker und langjährige Präsident des Wissenschaftsfonds FWF hatte Anfang der 1960er-Jahre in Wien promoviert und in seiner Heimatstadt als Forschungsassistent seine wissenschaftliche Laufbahn begonnen. Halb aus beruflichen, halb aus privaten Gründen verschlug es ihn in seinen späten Zwanzigern das erste Mal für längere Zeit ins Ausland - was ihm die Augen öffnete.

Schmidt forschte fünf Jahre an der Universität York in Großbritannien und im Anschluss daran weitere fünf Jahre an der kalifornischen Universität Berkeley. Als er 1975 nach Wien zurückkehrte, war dort noch alles weitgehend beim Alten. "Aber ich war ein anderer geworden“, so Schmidt. "Diese zehn Jahre im Ausland haben mein Leben verändert.“

Sein Auslandsaufenthalt sollte allerdings noch nachhaltigere Folgen haben. Er wollte, dass auch andere junge Forscher solche Erfahrungen machen können, und wurde in den 1980er-Jahren zum Gründervater der Schrödinger-Auslandsstipendien: Nachwuchswissenschaftler aus Österreich sollten die Chance bekommen, an führenden ausländischen Forschungseinrichtungen und Forschungsprogrammen mitzuarbeiten.

Das Erwin-Schrödinger-Programm des FWF, das heuer ein Vierteljahrhundert alt wird, wurde zu einer echten Erfolgsgeschichte: Mehr als die Hälfte der ehemaligen Stipendiaten, die zwei oder mehr Jahre im Ausland forschten, haben 15 Jahre nach ihrer Mobilitätsförderung durch den Wissenschaftsfonds eine ordentliche Professur inne - entweder in Österreich oder sonst wo auf der Welt.

Je besser, desto mobiler Forschung war immer schon ein internationales Unterfangen: "Die Wissenschaft kennt keine Heimat“, erklärte der französische Mikrobiologe Louis Pasteur im 19. Jahrhundert, allenthalben habe der Forscher eine. Anfang des 21. Jahrhunderts kann man sich auch diesbezüglich nicht mehr so sicher sein. Wissenschaftler werden zur Kerngruppe der globalen "Kreativen Klasse“ (Richard Florida) gezählt, die sich durch Hypermobilität auszeichnet. Heimat und Staatszugehörigkeit sind für sie längst zur Nebensache geworden.

Entsprechend gilt Internationalität in der Wissenschaft längst als ein verlässlicher Gradmesser für Qualität - sowohl auf individueller wie auch auf institutioneller Ebene. Für ein kleines Land wie Österreich trifft das ganz besonders zu. Dass man hierzulande durchaus auf dem richtigen Weg ist, legen einige überraschende Zahlen nahe. Oder hätten Sie gewusst, dass 2007 nicht einmal ein Viertel der 101 neu berufenen Professoren an heimischen Universitäten aus Österreich kam?

Wo Spitzenforschung betrieben wird, nimmt der Mobilitätsgrad dann noch einmal zu: Am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) und seiner jüngeren Schwester, dem Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) am Vienna Biocenter, arbeiten Wissenschaftler aus über 30 Ländern. Mehr als die Hälfte (inklusive der Diplomanden und Dissertanten) stammen nicht aus Österreich. Besonders augenfällig wird diese Internationalisierung weiter oben in der Institutshierarchie: Von den insgesamt 23 Gruppenleitern am IMBA und IMP sind gerade einmal drei gebürtige Österreicher, also ziemlich genau 13 Prozent.

Für ständige internationale Fluktuation sorgen auch die Rahmenbedingungen: Gruppenleiterstellen sind auf fünf Jahre befristet, können einmal verlängert werden - und dann heißt es im Normalfall, woanders weiterzuforschen. Da das Vienna Biocenter längst einen international ausgezeichneten Ruf genießt, herrscht bei Bewerbungen aus aller Welt kein Mangel.

Vom Drain zum Gain "Statt Brain-Drain muss uns der Brain-Gain gelingen“, fordert Wissenschaftsminister Johannes Hahn. Dass sich die österreichische Bilanz der Brain-Circulation - wie es im forschungspolitischen Neudeutsch heißt - zuletzt verbessert hat, dafür sprechen auch die aktuellen Gewinner der wichtigsten heimischen Wissenschaftspreise: Von den acht im Vorjahr vergebenen START-Preisen für Nachwuchsforscher gingen sechs an Wissenschaftler, die nicht in Österreich geboren wurden.

Und auch der Gewinner des Wittgenstein-Preises 2008, der wichtigsten heimischen Auszeichnung für Wissenschaftler, ist nicht hier geboren: Experimentalphysiker Markus Arndt übersiedelte von seiner Heimat Deutschland ins kleinere Nachbarland, weil Österreich in der Quantenphysik eine internationale Größe ist.

Über eine solche internationale Anziehungskraft verfügt der Standort Österreich nicht nur in der Molekularbiologie und der Quantenphysik, sondern zum Beispiel auch in der Mathematik: Das Erwin-Schrödinger-Institut in Wien etwa nützen jährlich 500 Mathematiker aus aller Welt für Forschungsaufenthalte.

Internationale Kopfjagd "Eine attraktive Infrastruktur und die notwendigen Rahmenbedingungen sind wichtig, um Spitzenforscher nach Österreich zu holen und sie im Land zu halten“, weiß auch Wissenschaftsminister Hahn. Zumal auf der einen Seite die Jagd nach den besten Köpfe immer internationaler wird: Aufstrebende Wissenschaftsmächte wie das kleine Singapur sind mit ihren bestens ausgestatteten Forschungseinrichtungen und großzügigen Gehältern längst zu ernsthaften Konkurrenten selbst für US-amerikanische Top-Unis geworden.

Auf der anderen Seite hat aber auch die Mobilität der Wissenschaftler im Vergleich zu früher noch einmal zugenommen: "Der Vorteil der heutigen Forschergeneration ist einfach, flexibel zu sein“, sagt der 35-jährige deutsche Biologe Janek von Byern, der in Österreich vor allem mit FWF-Projektmitteln biologische Klebstoffe entwickelt. "Wir gehen dorthin, wo das Geld und die besseren Labore locken.“ Angesichts der zwischenzeitlichen Finanzierungskrise des Wissenschaftsfonds war er nicht der einzige Forscher, der sich einen Weggang aus Österreich überlegte. "Das Wegziehen ist einfach“, sagt von Byern. "Jemanden wieder zu holen ist weitaus schwieriger und teurer.“

Kommen und Gehen Die Wiener Neurowissenschaftlerin Daniela Pollak ist eine von jenen, die wieder zurückgekehrt sind. Sie war drei Jahre lang Postdoc an der New Yorker Columbia University und arbeitete im Labor des Hirnforschers und Medizin-Nobelpeisträgers Eric R. Kandel, der nach 1938 gezwungen war, Wien zu verlassen. Seit Anfang des Jahres ist die 29-Jährige an der Meduni Wien angestellt und untersucht am Mausmodell die Beziehung zwischen Tag-Nacht-Rhythmus und Depressionen.

Warum sie Österreich verließ? "Man muss einfach weggehen, um mit anderen Wissenschaftlern in Kontakt zu kommen“, so Pollak, "und um andere Forschungs- und Forschungsförderungssysteme zu verstehen.“ Die längerfristige Abwanderung junger Forscher in die USA hingegen sieht sie kritisch: "Nordamerika lebt sehr gut von Wissenschaftlern, die in Europa kostengünstig ausgebildet wurden.“

Ihre Rechnung: "Ich bin zwölf Jahre lang in Österreich in die Schule gegangen, habe fünf Jahre Veterinärmedizin studiert, danach drei Jahre an meiner Dissertation gearbeitet. Das sind 20 Jahre, die der Staat in mich investiert hat. Danach bin ich drei Jahre ins Ausland und habe dafür - wieder vom Staat - ein Stipendium erhalten.“ Es sei "einfach dumm“, den Wissenschaftlern das Arbeiten hierzulande schwerzumachen. Sie nennt das "money waste“, Verschwendung von Geld.

Unsinnige Rückholaktionen Dass mit dem Förderprogramm Brainpower Austria Wissenschaftlern gleich welcher Nation Arbeit in Österreich angeboten wird, sieht sie positiv. Für einen Unsinn hingegen hält es Arnold Schmidt, gezielt österreichische Forscher aus dem Ausland wieder rückholen zu wollen: "Der Standort Österreich muss attraktiv genug für alle Spitzenwissenschaftler aus der ganzen Welt sein.“

Schmidt ist aber auch skeptisch, ob der neue Kollektivvertrag für die heimischen Universitätsbediensteten einen positiven Beitrag zur internationalen Brain-Circulation leistet: "Meiner Ansicht nach verhindert er nicht in ausreichendem Maße, dass es wieder zu Hausberufungen und durchgehenden Karrieren innerhalb der eigenen Universität kommen kann.“ Das sei unbedingt zu vermeiden - zugunsten längerer Auslandsaufenthalte.

"Ein halbes Jahr in einem anderen Labor ist ja nur ein Ausflug“, so der Physiker, der vor gut 40 Jahren von Wien aus in die Welt aufbrach: "Man muss als Wissenschaftler mindestens zwei Jahre woanders verbringen. Denn nur so erfährt man, wie ein anderes Leben ausschaut.“ 3

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