"Drei Jahre sind zu knapp“

Mark Hammer | aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Der Bologna-Prozess soll die europäische Hochschullandschaft durchlässig machen. Wie steht es wirklich um die Mobilität österreichischer Studierender?

Latein macht mobil Vor genau 400 Jahren richtete Galileo Galilei sein Fernrohr zum ersten Mal in den Himmel über Padua. Ein Stockwerk tiefer schlummerten adelige Studenten von jenseits der Alpen, die sich tagsüber in Mechanik unterrichten ließen. Galileis geräumiges Professorenhaus war also so etwas wie ein kleines, aber feines Studentenwohnheim.

Die Universitäten in Padua und Bologna, aber auch in Siena, Perugia und Rom lockten mit den Studienfächern Medizin und Kirchenrecht Studenten aus aller Herren Länder nach Italien. Zwischen 1553 und 1630 besuchten allein in Padua 10.500 Studenten "deutscher Nation“ - das ist eher umfassend zu verstehen - Hörsäle und Anatomietheater. Aus dem Gebiet des heutigen Österreich waren zwischen 1500 und 1629 über 2500 Studenten an italienischen Hochschulen inskribiert.

In der Frühen Neuzeit kamen nur wenige Männer in den Genuss eines Studiums, ihre enorme Mobilität erstaunt noch heute. Eine universelle Unterrichtssprache machte es möglich. Damals war es Latein, heute ist es Englisch, das als Lingua franca der Wissenschaft mithilft, einen durchlässigen europäischen Hochschulraum zu schaffen.

Bumerang aus Bologna? Vor allem aber sollen Studierende durch eine in allen Ländern einheitliche Studienarchitektur zu mehr Mobilität ermuntert werden. Ein Studienortwechsel zwischen Linz und Padua, zwischen Paris und Tromsø soll reibungslos möglich sein. Das ist eines der erklärten Ziele des sogenannten Bologna-Prozesses, zu dem nicht zuletzt die Einführung der Bakkalaureats- und Masterstudien gehört.

Ausgerechnet diese neuen Abschlüsse könnten sich nun aber als Hemmschuh für die angestrebte Internationalisierung erweisen - zumindest für die ersten Studienjahre. An der Universität Salzburg schlug man vor kurzem Alarm: Im vergangenen Studienjahr gingen um 40 Prozent weniger Studierende ins Ausland als noch 2001/2002. Der Psychologe Urs Baumann, Vorsitzender der Kommission Qualitätsmanagement Lehre an der Uni Salzburg, macht dafür die Studienreform verantwortlich. Da für den ersten Abschluss nur mehr drei Jahre vorgesehen seien, hätten die Studierenden zu wenig Luft zum Wechseln. Die Idee sei, an einem Ort den Bachelor und an einem anderen den Master zu machen. Die Studierenden blieben aber meist am selben Ort.

Sonderfall Salzburg? An anderen österreichischen Hochschulen hingegen gönnen sich immer mehr Studenten einen Auslandsaufenthalt: An der Wirtschaftsuniversität Wien etwa um 40 Prozent mehr seit 2001/2002; an der Medizinischen Universität Wien sogar dreimal so viele wie 2003/2004. Baumann erklärt den Unterschied zu den anderen Unis damit, dass man in Salzburg das Bakkalaureat im mehreren Studienrichtungen relativ bald eingeführt habe, sich also auch die Effekte früher einstellen.

Erich Thöni, Vizepräsident des Österreichischen Austauschdienstes, bemängelt, man habe bei vielen Studienrichtungen zu viel Stoff aus den Diplomstudien in die Bachelorstudien reingepackt. Dadurch seien die Curricula zu voll und es bliebe keine Zeit für einen längeren Auslandsaufenthalt. Auch die Hochschülerschaft kritisiert die Verschulung des Unisystems.

An den Fachhochschulen gehen laut den Statistiken des Wissenschaftsministeriums anteilsmäßig jedes Jahr fünfmal so viele Studierende ins Ausland wie an den Unis. Thöni erklärt dies damit, dass die FHs die Auslandsaufenthalte in den Curricula einplanen.

Der Sog des Südens Es sei noch zu früh, um zu beurteilen, wie sich die neue Studienstruktur auf die Mobilität auswirkt, hält Josef Wöckinger, Abteilungsleiter für Hochschulstatistik im Wissenschaftsministerium, dagegen. Solange die Studien noch umgestellt werden, falle der Befund schwer - etwa weil Studenten von einem Diplom- zu einem Bakkalaureatsstudium wechseln.

Die EU fördert den Austausch der Studierenden mit dem Erasmus-Programm, seit 1992 auch für Österreich. Heute studieren circa 16 Prozent aller österreichischen Studenten im Laufe ihres Studiums einmal in einem anderen Land. Seit 1992 hat sich die Zahl der Erasmus-Studierenden sowohl in Europa wie auch in Österreich immerhin vervierfacht. 33 Länder stehen den Studierenden europaweit zur Auswahl. 437 österreichische Erasmus-Studenten (von insgesamt 4032) inskribierten im Studienjahr 2006/2007 in Italien. Beliebter waren nur noch Frankreich und Spanien. Galilei lehrt nicht mehr. Der mediterrane Raum scheint nach wie vor sehr anziehend zu sein. 3

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