Der weite Weg zum Studium

aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Auf zum Hürdenlauf Rom, London oder Montpellier? Erasmus-Studenten haben oft die Qual der Wahl, wo sie ihr Auslandssemester verbringen. Dazu gibt es ein kleines Stipendium und einen sehr überschaubaren bürokratischen Aufwand. Eine Aufenthaltsbewilligung braucht es nicht.

Für junge Menschen aus Afrika, Lateinamerika oder anderen weniger privilegierten Regionen der Welt schaut das in der Regel anders aus. Die Anerkennung von Schulabschluss und bisherigen Studienleistungen sowie das Erlangen eines Visums sind für ein Studium in Innsbruck, Wien oder Graz keine kleinen Hürden. Es gibt zwar einige Stipendien. Davon profitierten im letzten Studienjahr aber lediglich drei Prozent, Tendenz fallend.

Ausländische Studierende müssen in Österreich auch nach der Reform der Studiengebühren noch 360 Euro pro Semester zahlen. Lediglich für 50 ärmere, vor allem afrikanische Länder gibt es eine Ausnahmeregelung. Aber ein Studium selbst zu finanzieren, und das ohne Arbeitsbewilligung, ist eine Belastung, die sehr viele abbrechen lässt.

Dabei studieren an Österreichs Unis immer mehr Menschen aus "Entwicklungsländern“ - mehr als 12.000 waren es im Studienjahr 2007/2008 und damit mehr als doppelt so viele wie zu Beginn der 1990er-Jahre. Stark verändert hat sich in den letzten Jahren deren Herkunft. Immer mehr Studierende kommen aus Asien oder Südosteuropa - die meisten aus der Türkei, China oder Ex-Jugoslawien (die offizielle Statistik hat also einen sehr weiten Begriff von Entwicklungsland). Jene aus Afrika hingegen bleiben zunehmend fern.

Brücken bauen Um auf die schwierige Lage dieser Studierenden in Österreich aufmerksam zu machen, wurde ein "Runder Tisch Bildungszusammenarbeit“ gegründet. An diesem sitzen vier Ministerien, mehrere entwicklungspolitische Organisationen sowie die Universitäts- und Fachhochschul-Konferenz. Im März wurde ein erster Bericht veröffentlicht.

Hauptkritik ist die geringe Förderung der Studenten während des Studiums. Die Entwicklungszusammenarbeit konzentriere sich stattdessen zunehmend auf den Aufbau von Infrastruktur in Entwicklungsländern. "Die Studierenden aus Entwicklungsländern sind ein zu wenig genutztes Potenzial - für die Internationalisierung der Universitäten, die Entwicklungszusammenarbeit und um Brücken zu schlagen“, moniert Margarete Kernegger vom Vorstudienlehrgang der Wiener Universitäten und Koordinatorin des runden Tischs.

Wolfhard Wegscheider, Rektor der Montanuniversität Leoben, beklagt, dass die Unis die Studierenden kaum unterstützen könnten. Sie könnten etwa bei den Heimplätzen nicht mitbestimmen.

Leichter bei der Unterstützung haben es die Fachhochschulen, an denen sich die Zahl der Studierenden aus Entwicklungsländern in den letzten vier Jahren sogar verdoppelt hat. Sie könnten sich aufgrund der geringen Größe eher um Heimplätze kümmern und den Studierenden mit individuellen Vereinbarungen helfen. "Wir wissen aber bis zuletzt nicht, ob sie ein Visum bekommen“, berichtet Raimund Ribitsch, Vizepräsident der Fachhochschul-Konferenz.

Chancen schaffen In Sachen Internationalität seien sowohl Unis als auch Studierende gefordert. So lassen sich bestehende Sprachbarrieren nicht einfach durch englischen Unterricht abbauen, sagt Wegscheider.

Entsprechende Lehrveranstaltungen seien auch nicht in erster Linie für Studierende aus anderen Ländern gedacht - und sind auch für heimische Studenten eine Herausforderung. "Im ersten Semester Chemie auf Englisch zu unterrichten ist die probateste Methode, den Hörsaal zu leeren“, so Wegscheider.

Bildungssysteme seien nun mal in jedem Land anders. Entspricht die Sekundarbildung von Studierenden aus Entwicklungsländern nicht mitteleuropäischem Niveau, solle man sie dennoch zu den Unis hinführen, fordert Wegscheider: "Intelligenz ist auf der Welt gleich verteilt. Die Chancen nicht.“ M.H.

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