Langsam nach Lhasa

Aufgezeichnet von Mark Hammer | aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Internationale Tagungen, Forschungsreisen, Projekttreffen - Mobilität ist im Wissenschaftsbetrieb ein Muss. Fünf Forscher über ihren Alltag zwischen Labor und Luftraum.

Fatima Ferreira (50) leitet das Christian-Doppler-Labor für Allergiediagnostik und -therapie in Salzburg und ist Wissenschaftlerin des Jahres 2008.

Nie mit dem Auto Ich besuche jährlich zwei große Kongresse - einen in Europa, einen in den USA. Dazu kommen jedes Jahr mehrere kleinere Symposien oder Workshops. Ich bin aber nicht sehr oft unterwegs. Sonst verliere ich den Überblick über das, was im Labor passiert. Urlaub und Konferenzen lassen sich selten verbinden, da ich wegen Lehrveranstaltungen meist nicht länger wegkann. Ich möchte das auch trennen, damit ich mich auf den Urlaub konzentrieren kann. Zudem werden die Reisen von der Uni oder von Kooperationspartnern bezahlt - das mag ich nicht missbrauchen.

In Europa fahre ich manchmal mit dem Zug; mit dem Auto nie, weil ich keinen Führerschein habe. Momentan bin ich vor allem aufgrund meiner Auszeichnung zur Wissenschaftlerin des Jahres viel unterwegs. Die letzten zwei Wochen war ich nur an den Wochenenden daheim in Salzburg. Aber das wird wahrscheinlich nur dieses Jahr so sein.

Video- oder Telefonkonferenzen nutze ich häufig, mit manchen Kollegen regelmäßig. Es ist oft besser, eine Videokonferenz abzuhalten, als nur schriftlich zu kommunizieren. Wenn man E-Mails schreibt, entstehen Missverständnisse. Kommunikation ist aber ein dynamischer Prozess. Beim Sprechen - und vor allem, wenn man auch das Bild dazu hat - bekommt man die Reaktionen des anderen besser mit.

Reisen lassen sich dadurch nicht immer vermeiden. Wenn man zum Beispiel zusammen publiziert, ist es manchmal produktiver, sich zu treffen und gemeinsam zu schreiben. Ich reise auch gerne für die Arbeit, weil man dabei viel lernt. Man sieht zum Beispiel, wie die Arbeitsgruppen bei Kollegen funktionieren und wie die Infrastruktur dort aussieht.

Stefan Karner (55) ist Historiker an der Universität Graz und leitet das Ludwig-Boltzmann- Institut für Kriegsfolgen-forschung.

Im VW-Käfer durch die UdSSR Ohne Forschungsreisen wäre meine Arbeit nicht möglich. Besonders seit 1991 in Russland die Archive aufgingen. Da kam ich eine Zeitlang auf über 60 Übernachtungen pro Jahr allein in Moskau. Ohne vor Ort in den Archiven zu sein, ist historische Forschung nicht möglich. Dazu kommt - speziell im ehemaligen "Osten“ - die seismografische Qualität der Archive für politische Veränderungen.

Vieles erledige ich mit dem Auto: Niederlande, Slowenien, Prag. Doch ich bin ein Vielflieger geworden. Gewissensbisse? Wegen ein paar Wissenschaftlern wird sich die Situation nicht ändern. Allerdings bin ich für Kostenwahrheit im Verkehr, die momentan in keiner Weise gegeben ist. Wissenschaftler sollten auf jeden Fall mehr reisen. Der Mehrwert wiegt den zeitlichen Einsatz bei weitem auf.

Das Reisen im Dienste der Wissenschaft begann für mich 1974, als ich mit Zelt und VW-Käfer 8000 Kilometer durch die Sowjetunion reiste - bis weit hinter Moskau und ans Schwarze Meer in Odessa. Auf solchen Fahrten lernte ich als noch junger Wissenschaftler die Menschen vom kommunistischen System zu unterscheiden. Wie ging das mit Familie? Meine Frau hatte immer großes Verständnis, da bin ich ihr sehr dankbar. Am Anfang war sie noch häufig mit dabei. Selbst unsere Hochzeitsreise führte uns 1975 ins Bundesarchiv nach Koblenz. Die Kinder kannten kaum etwas anderes. Um die Forschungsreisen mit einem Urlaub zu verbinden, fehlt mir leider meist die Zeit.

Helga Nowotny (71) ist emeritierte Professorin der ETH Zürich, Vizepräsidentin des Europäischen Forschungsrats und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Universität Wien.

Mit dem Flieger nach Brüssel Ich muss unwillkürlich an den alten Witz über einen berühmten Kollegen denken: Zwei Flugzeuge sind über seiner Heimatstadt zusammengestoßen, den Medienberichten zufolge saß er in beiden Flugzeugen. So weit bin ich noch nicht, obwohl ich viel reise. Der Europäische Forschungsrat hat seinen Sitz in Brüssel, doch wir versuchen den persönlichen Kontakt zu Wissenschaftlern in allen beteiligten Ländern herzustellen. Zu diesen Reisen in offizieller Funktion kommen noch zahlreiche Einladungen für Vorträge und internationale Konferenzen dazu. Themen sind etwa, wie Wissen in Zukunft produziert und wie dies organisiert wird, Fragen der Forschungspolitik oder die Auswirkungen der Lebenswissenschaften auf die Gesellschaft.

Ein mobiles Leben erfordert gute und rechtzeitige Planung. Als emeritierte Professorin bin ich in der glücklichen Lage, zeitlich nur durch meinen eigenen Terminkalender gebunden zu sein. Ich bin also entsprechend wählerisch. Ich sage nur zu, wenn das Thema spannend ist und ich dazu etwas beizutragen habe. Ich habe gelernt, meine Zeit unterwegs gut zu nützen, indem ich etwa beim Hinflug Papiere zur Vorbereitung lese. Der Rückflug ist einer Lektüre gewidmet, die ich für diesen Zweck aufgespart habe.

Doch je mehr ich unterwegs bin, desto kostbarer werden jene Tage, die ich an einem Ort verbringen kann, um mich ganz dem Schreiben zu widmen oder einfach um auszuspannen. Mobilität braucht also einen ruhenden Gegenpol: im eigenen Leben, aber auch im Wissenschaftssystem.

Anton Glieder (43) arbeitet am Institut für molekulare Biotechnologie der TU Graz und am Kompetenzzentrum Angewandte Biokatalyse.

Nicht mehr mit Familie Ich empfinde das Reisen nicht so schlimm - im Gegenteil. Solange es nicht zu häufig vorkommt, sorgen Reisen für ein wenig Distanz zur Alltagsroutine. Ich bin durchschnittlich zweimal im Monat außerhalb Österreichs unterwegs, meist in Europa. Innerhalb Österreichs schon deutlich öfter, ein- bis dreimal im Jahr auch in den USA oder in Asien. Ein starker Kaffee pendelt mich im Jetlag meist wieder ein.

Ich versuche aus familiären Gründen vor allem Übernachtungen zu vermeiden. Wenn man früh abreist und spät heimkommt, kann man aus einem dreitägigen Projekttreffen auch leicht ein ein- oder zweitägiges machen. Und ob man dann aus Bangkok oder einfach nur spätabends aus dem Labor in Graz wieder heimkommt, wenn alle anderen schon schlafen, ist eigentlich egal. Früher sind meine Frau und die beiden ersten Söhne öfter mitgereist. Mit der Schule geht das jetzt nicht mehr. Mitbringsel wirken da aber beruhigend und lassen die Kinder ein wenig an den Reisen teilhaben. Da genügen oft ganz einfache Dinge, wie zum Beispiel eine exotische Frucht vom Markt.

Ohne Reisen geht es nicht, aber man kann auch nicht zu oft unterwegs sein. Dann bleibt daheim die Arbeit liegen. Als Wissenschaftler kann man sich zum Glück meist aussuchen, wohin man wann fährt. Ich habe früher auch in Firmen gearbeitet. Da hat man weniger Freiraum.

Das Wichtigste am Reisen ist der persönliche Kontakt. Der lässt sich auch nicht durch Videokonferenzen ersetzen. Dort wird meist nur die Minimalinformation weitergegeben. Neue Projekte und verrückte Ideen entstehen nur im persönlichen Kontakt - und dann meist in lockerer Atmosphäre, etwa in Konferenzpausen oder am Weg zum Flughafen.

Sylvia Lorek (46) arbeitet von Köln aus für das Sustainable Europe Research Institute in Wien.

Im Zug nach Peking In meiner Arbeit zu nachhaltigem Konsum beschäftigt mich das Reisen gleich doppelt. Zum einen weil Mobilität einer der wichtigsten Bereiche ist, die nachhaltiger gestaltet werden müssen. Zum Zweiten muss ich selber reisen, um Forschungsergebnisse Entscheidungsträgern buchstäblich nahezubringen.

Das Transportmittel meiner Wahl ist die Bahn - nicht nur aus ökologischen Gründen. Von Köln aus erreicht man in Europa viele Konferenzorte über Tag oder Nacht, meist pünktlich und entspannt zum Tagungsbeginn. Entscheidender Vorteil des vermeintlichen Zeitverlustes im Vergleich zur Flugreise: Ich habe Zeit, mich vorzubereiten, und kann auf dem Rückweg alle To-dos, Kontakte, Informationen und Eindrücke in Ruhe verarbeiten. Leider sitze ich zuhause dann manchmal vor Reisekostenerstattungsformularen, in denen es nur die Rubrik Flugreisen gibt. Dass Veranstalter - von Tagungen zu Nachhaltigkeit, wohlgemerkt - Bahnreisen nicht erstatten, weil sie teurer sind als Fliegen, passiert zum Glück selten.

Die Bahn ist auch im Urlaub mein liebstes Transportmittel. Mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking zu reisen war einfach entspannend. Bei jedem Stopp konnte man bei den Babuschkas an den Stationen selbstgemachte Köstlichkeiten kaufen. Am Weg mit der Tibetbahn nach Lhasa dagegen fragte ich mich, wie sich der durch den Bahnbau ausgelöste Touristenstrom auf eine Gesellschaft auswirkt, die so lange in sich geruht hat.

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