Malaria, Maden und Morast

aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Er war der Archetypus des wissenschaftlich Reisenden: Vor 150 Jahren starb Alexander von Humboldt. Eine kleine Blütenlese mehr oder weniger bedeutsamer Expeditionen. Oliver Hochadel

Empire und Empirie Gleich, ob Astronomie, Geologie oder Medizin, gleich, ob Botanik, Zoologie, Ethnologie oder Paläontologie. Ohne ausgedehnte Reisen, das Sammeln und Beobachten, das Befragen und Vermessen im "Feld“ ist die Geschichte vieler wissenschaftlicher Disziplinen nicht vorstellbar. Bepackt mit Fernrohren und Botanisiertrommeln ging es stets um mehr als nur das Sammeln neuer Erkenntnisse. Zahlreiche Expeditionen waren aufs Engste mit dem kolonialistischen Ausgriff der europäischen Mächte verknüpft, es ging um nationale Interessen und ums Prestige.

So war die "Beagle“, mit der Charles Darwin zwischen 1831 und 1836 um die Welt reiste, ein Vermessungsschiff der British Navy. Ohne Empire keine Evolutionstheorie. Die "Admiral Tegethoff“ sollte das Nordpolarmeer für den Kaiser erkunden, getrieben vom Packeis entdeckten die österreichischen Expeditionsführer Julius von Payer und Carl Weyprecht 1873 freilich Franz-Joseph-Land.

Zwischen Forschung und Macht herrschte ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Die Fregatte "Novara“ der österreichischen Kriegsmarine brachte von ihrer Weltumsegelung (1857 bis 1859) über 26.000 zoologische Präparate zurück. Mit deren Auswertung waren manche der beteiligten Wissenschaftler den Rest ihres Lebens beschäftigt. Die Speicher des Naturhistorischen Museums Wien ächzen heute noch unter der Last des sammelwütigen 19. Jahrhunderts.

Weit weg und hoch hinaus Darwin, das sollte man ehrenhalber noch sagen, bezahlte für seine Überfahrt stattliche 500 Pfund, war also Privatgelehrter. Ganz wie sein großes Vorbild Alexander von Humboldt. Der deutsche Universalgelehrte verwendete einen Großteil seines Vermögens, um Süd- und Mittelamerika zu erkunden (1799-1804). Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass er sich schlechterdings für alles interessierte: Vulkane und Meeresströmungen, Düngemittel und Silberminen, Erdmagnetismus und Biogeografie, Inkas und Schamanismus.

Das Erkunden der Fremde wurde für Humboldt vor allem aber auch zur Begegnung mit sich selbst. Beladen mit Käfigen voller Vögel und Affen sowie ausgebuddelten Leichen trieb er fast 3000 Kilometer in einem ausgehöhlten Baumstamm tropische Flüsse hinunter und wunderte sich, wie gut er das feuchtwarme Klima vertrug, während seine Träger dahinsiechten.

An der Besteigung des über 6000 Meter hohen Vulkans Chimborazo im heutigen Ecuador scheiterten Humboldt und seine Begleiter im Juni 1802 knapp. In der dünnen Luft bluteten Lippen und Zahnfleisch, dazu kam Schwindel und Brechreiz, und doch stellten sie für die nächsten 30 Jahre einen Höhenrekord auf.

Berggipfel dienen übrigens bis heute immer noch zum Selbstversuch im Dienste der Wissenschaft. Unlängst begaben sich vier - natürlich britische - Mediziner auf den Mount Everest und ließen auf 8400 Metern und bei schneidend kaltem Wind die Hosen runter, um sich Blut aus der Leiste abzuzapfen. Die anschließende Messung des Sauerstoffgehalts im Blut ergab so tiefe Werte, wie sie sonst nur nach Herzinfarkten gemessen werden. Die Mediziner waren aber laut Mark Grocott vom University College London quietschfidel, der Mensch ist also zumindest kurzfristig in der Lage, sich auf die dünne Höhenluft einzustellen (New England Journal of Medicine 360/2 (2009), S. 140-149).

Die Vermessung der Erde 65 Jahre vor Humboldt hatte sich eine französische Expedition erstmals tief ins Innere des südamerikanischen Kontinents gewagt. Bis dahin waren Forschungsreisen fast ausschließlich auf die Küstengebiete beschränkt. Die Französische Akademie der Wissenschaften entsandte 1735 zwei Vermessungsexpeditionen, eine nach Lappland und eine nach Peru. Seinerzeit zankten sich nämlich die Anhänger Newtons mit jenen von Descartes darum, ob die Erde an den Polen abflacht oder spitz zuläuft.

Die Expedition unter der Leitung von Maupertuis in den hohen Norden wurde zum Erfolg (die Erde ist abgeflacht), jene an den Äquator zum ultimativen Desaster: veruntreutes Budget, nicht enden wollende Krankheiten, Reibereien mit den spanischen Behörden, beschädigte Instrumente, durchnässte Notizbücher und schließlich der Zerfall der Gruppe. Manche gelangten erst nach Jahrzehnten zurück nach Frankreich, von anderen ward nie wieder etwas gehört. Aber immerhin: Mit Charles-Marie de La Condamine hatte erstmals ein Naturforscher den Amazonas befahren, zu seinen Mitbringseln gehörte Kautschuk, Chinin (das Antimalariamittel) und das Pfeilgift Curare.

Völlig unspektakulär verlief dagegen die astronomische Expedition von Arthur Stanley Eddington. Im Mai 1919 beobachtete er die Sonnenfinsternis von der westafrikanischen Vulkaninsel Principe aus und konnte zeigen, dass die Sonne den Raum um sie herum krümmte. Damit lieferte er den ersten empirischen Beleg für die allgemeine Relativitätstheorie. Erst jetzt, mehrere Jahre nachdem Einstein seine Theorie publiziert hatte, stieg er schlagartig weltweit zum Medienstar auf.

Allein unter Männern Wissenschaftlicher Ruhm war für Frauen nicht vorgesehen. Wollten sie Forschungsreisen unternehmen, mussten sie nicht nur reißende Flüsse und Bergketten, sondern zuerst einmal maskuline Widerstände überwinden. Die Französin Jeanne Barret verkleidete sich als Mann, um so als Assistent des Botanikers Commerçon an Bougainvilles Weltumseglung 1766 bis 1769 teilzunehmen. Angeblich fiel dies niemandem auf - bis die Tahitianer den Schmäh durchschauten, sodass Barret fortan den Nachstellungen der Matrosen ausgesetzt war.

Die deutsche Naturforscherin Maria Sybilla Merian verließ nach 16 Jahren ihren untreuen Ehemann und machte sich als Illustratorin selbstständig. 1699 schiffte sie sich in die niederländische Kolonie Surinam ein, ließ von Sklaven Wege durch den Dschungel schlagen und entdeckte zahlreiche neue Tier- und Pflanzenarten. 1701 zwang sie die Malaria zur Rückkehr. Die hohen Investitionen in die Reise machten sich bezahlt, ihre exotischen Mitbringsel - Schlangen, Schildkröten, Motten, Käfer, Bienen, Fliegen, Würmer und Maden - verkauften sich gut. Ihre wissenschaftlichen Publikationen über die Lebenszyklen von Insekten führten erstmals einem größeren Publikum vor, wie aus einer Raupe ein Schmetterling wird.

Amalie Dietrich trennte sich nach 17 Jahren von ihrem untreuen Ehemann. Dieser hatte zunächst die Leidenschaft für Botanik in ihr entfacht, nach der Geburt ihrer Tochter aber verlangt, dass sie aufhören solle, sich nur mehr um die Bestimmung von Pflanzen zu kümmern. 1863 gab Dietrich ihre Tochter in ein Internat und schiffte sich nach Australien ein, wo sie zehn Jahre lang Naturalien für das Museum Godeffroy in Hamburg sammelte. Ihre Vogelsammlung ist vermutlich die größte, die je von einer einzelnen Person zusammengetragen wurde. Dietrich publizierte nie etwas unter ihrem Namen.

Zu Besuch bei den "Wilden“ Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der gebürtige Krakauer Bronisław Malinowski gerade im heutigen Papua-Neuguinea unterwegs - damals britisches Herrschaftsgebiet. Als Bürger von Österreich-Ungarn wurde er für die Dauer des Krieges "interniert“, glücklicherweise auf seinem Reiseziel, den Trobriand-Inseln. Malinowski nützte seinen Zwangsaufenthalt im Westpazifik, um etwa die Kultur des Tauschens, Partnerwahl und Sexualverhalten der Eingeborenen zu studieren. Seine methodische Vorgabe der "teilnehmenden Beobachtung“ wurde wegweisend.

Als zweiter Gründungsvater der Ethnologie gilt der Deutschamerikaner Franz Boas. Seine erste Forschungsreise führte ihn 1883 auf die nordkanadische Baffin-Insel, wo er sich intensiv mit der Kultur der Inuit beschäftigte. Klimatisch jedenfalls das Gegenteil einer Südseeinsel: Nachdem er 26 Stunden lang mit dem Schlitten bei fast 50 Grad minus durch die arktische Nacht geirrt war, schrieb er am 23. Dezember 1883 einen Brief an seine Frau. Es gäbe keinen Grund, auf die vermeintlich "Wilden“ herabzuschauen, die vermeintlich Zivilisierten hätten diesen nichts voraus. Boas wandte sich damit gegen evolu-tionäre Gesellschaftsmodelle, wonach Jäger und Sammler die unterste Stufe der Entwicklung darstellen. In der Folge wurde er zum wichtigsten Verfechter eines Kulturrelativismus.

Er starb 1942 während eines Abendessens in New York an einem Herzinfarkt in den Armen des jungen Claude Lévi-Strauss, der letzten November seinen einhundertsten Geburtstag feierte. Der französische Ethnologe, einer der einflussreichsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, bereiste zwischen 1935 und 1939 mehrmals den brasilianischen Amazonas. Seine "Traurigen Tropen“ (1955) sind ein elegischer Abgesang auf die eingeborenen Kulturen, die der zerstörerischen Kraft der westlichen Zivilisation nichts entgegenzusetzen haben.

"Was uns die Reisen zeigen, ist der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben“, schreibt er in seinem Klassiker, und gleich zu Beginn "Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende.“ 3

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