Der große Integrator

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Einige österreichische Migrationsforscher sind selbst migriert, andere haben die Wissenschaft aufgegeben. Die Verbliebenen betrachten ihre Lage in Österreich zunehmend als prekär. Nur einer von ihnen gewinnt ständig an Einfluss.

Schlüsselfeld der Forschung Migration soll nationaler Forschungsschwerpunkt werden. So steht es zumindest im Regierungsprogramm 2008 bis 2013. Nur drei Forschungsgebiete sind darin explizit genannt. Migration ist eines davon. M., ein Migrationsforscher, mit dem heureka! sprach, winkt ab. Kenne er schon. Sei ja nicht das erste Mal, dass sein Fach im Regierungsprogramm steht. Geändert habe sich nichts.

Auch der Wissenschaftsminister ist im Wort. Vorigen August in Alpbach listete er Migration als eines von vier Schlüsselfeldern künftiger Forschung auf. Bereits im Jänner 2008 lud Johannes Hahn Fachvertreter ins Ministerium. M. war dabei. Doch er traut weder Regierung noch Ministern. Für ihn zählt erst, wenn etwas auf der Ebene der Beamten läuft. Die einzige Bewegung, die er da orte, sei der Weggang der für sein Fach zuständigen Mitarbeiterin nach Brüssel.

Vielleicht, sagt M., müsse er sich bald selbst im Ausland nach einer Stelle umsehen. Der erste und bis jetzt einzige Lehrstuhl in Österreich, der Migration mit im Titel trägt, wurde im Vorjahr an der Donau-Universität Krems eingerichtet und mit Gudrun Biffl besetzt. Allerdings fehlt der Professur die Dotierung, um wissenschaftliche Mitarbeiter einzustellen. Arbeitsgruppen, die sich am Institut für Höhere Studien oder am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung Migrationsfragen widmeten, gibt es nicht mehr.

M.s Weggefährten von früher forschen mittlerweile in Paris, Istanbul und Australien, haben Lehrstühle in Florenz oder Ankara. Einige sind zu NGOs gegangen. Ein paar sind mittlerweile beim International Center of Migration Policy Development oder dem International Office of Migration beschäftigt. Einer denkt heute im Auftrag einer Bank.

Um seinen Abschied aus Österreich nicht zu beschleunigen, will M. anonym bleiben. Weitere Migrationsforscher, mit denen heureka! sprach, wollen zur Lage ihres Fachs lieber auch nicht namentlich Stellung nehmen. Einer der Gründe heißt Heinz Faßmann.

Ein Mann mit Einfluss Faßmann ist Obmann der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er ist Mitglied oder Vorstand eines Dutzends weiterer Kommissionen und Fachgesellschaften, Herausgeber von vier Fachzeitschriften, Gutachter für acht Forschungsorganisationen, Österreichs Vertreter im Migrationsforschungsnetzwerk IMISCOE und der meistzitierte Migrationsexperte in den Medien.

Heinz Faßmann ist der einflussreichste Migrationsforscher im Land, man könnte auch sagen: der einzige, der überhaupt nennenswerten Einfluss hat. Das verdankt er seiner Beharrlichkeit und dem Umstand, dass er den Regierenden nicht ständig Fehler und Versäumnisse ihrer Ausländer- und Integrationspolitik vorhält. Mitarbeiter schwört er darauf ein, in der Öffentlichkeit keine politischen Aussagen zu machen. Nur die Fakten, bitte. Die Bewertung sei Sache der Politiker. Selbst das Innenministerium, das mit unabhängigen Migrationswissenschaftlern sonst nicht viel am Hut hat, kann mit ihm: Faßmann bekam die Herausgeberschaft der Österreichischen Integrations- und Migrationsberichte angetragen.

Bericht einer Fragmentierung In seine Hände gelegt wurde auch eine Evaluierung der heimischen Migrationsforschung im Auftrag des Wissenschaftsministeriums. Der Bericht wurde vorige Woche freigegeben. In Kürze soll er als Working Paper der ÖAW vorliegen. Es ist ein Dokument der Zersplitterung. Er zählt "113 Institutionen, die im weiteren Sinne Migrations- und Integrationsforschung betreiben“.

Zwar wurden in den letzten fünf Jahren 240 einschlägige Forschungsprojekte und an die 200 beteiligte Wissenschaftler gezählt. Doch die wenigsten von ihnen, nicht mehr als zehn, widmen sich mehr oder minder ganz diesem Gebiet. Österreich verfügt zwar über eine Zahl international anerkannter Experten. Für die Beteiligung an internationalen Projekten, vor allem auf EU-Ebene, fehlt es aber inzwischen fast überall an kritischer Masse.

Der Bericht dokumentiert auch das Meinungsklima unter denen, die in Österreich zumindest gelegentlich zu Migrationsfragen forschen. Viele sorgen sich wegen der mangelnden institutionellen Verankerung. Vor allem aber wird politische Vereinnahmung beklagt. Während für Grundlagenstudien das Geld fehlt, stecken hinter vielen Auftragsforschungen handfeste Interessen. Fakten und Zahlen würden vielfach verdreht und missbraucht. Die Politik mische sich zu sehr ein.

Streit um die Integration Dass das gerade für den wichtigsten Auftraggeber, das Innenministerium, gilt, steht so nicht im Bericht, wird aber von den Migrationsforschern, mit denen heureka! sprach, bestätigt. Seit die große Koalition in den 1990er-Jahren aus Angst vor einem noch größeren Erstarken der FPÖ selbst eine populistische Ausländerpolitik betrieb und dafür von den Experten reichlich mit Kritik bedacht wurde, ist das Verhältnis zwischen Innenministerium und Wissenschaft verfahren. Die Beamten laden Fachexperten zum Vorsingen, setzen die Expertise aber ein, wie es ihnen selber passt.

Bezeichnend ist der 2008 erschienene Integrationsbericht. Verfasst wurden die Kapitel von Wissenschaftlern. Als Erstautoren scheinen aber die Spitzenbeamten auf. Daneben leistet sich das Innenministerium sowohl beim Integrationsfonds als auch an der Sicherheitsakademie aus Absolventen mit einschlägigem Hintergrund eigene Forschungsabteilungen, die diesen Namen aus Sicht von M. nicht verdienen.

Ach, hätten sie doch besser zusammengehalten, als es noch Zeit war! Vor vier oder fünf Jahren waren M. und seine Kollegen drauf und dran, sich um ein Ludwig-Boltzmann-Institut zu bewerben. Als der Einzige, der damals von ihnen habilitiert war, kniff, verließ die anderen der Mut.

Über ein Zentrum für Migrationsforschung wurde schon 1997 eine Machbarkeitsstudie erstellt. Als 2001 der noch in Erhard Buseks Amtszeit als Wissenschaftsminister angeschobene Forschungsschwerpunkt "Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus“ auslief, der viele in die Migrationsforschung lockte, wurde wieder beratschlagt, wie und wo das disziplinär ausufernde Forschungsgebiet institutionell verankert werden sollte. Faßmanns Argument, die Ansiedelung an einer Uni entfremde die Migrationsforscher an anderen Hochschulen, gab damals den Ausschlag für die ÖAW.

Zentrum ohne Personal Der Weg an die Akademie stellte sich bald als Sackgasse heraus. An der ÖAW wurde die Migrations- und Integrationsforschung mit einer "nicht personalführenden Kommission“ abgespeist. Eine einzige Halbtagsstelle musste genügen. An eigene Forschung war damit natürlich nicht zu denken. Zwar kamen einige Migrationsforscher am ÖAW-Institut für europäische Integrationsforschung unter. Dort hat man indessen für sie wenig übrig, seit die erste Direktorin Sonja Puntscher-Riekmann im Streit geschieden ist. Budgetkürzungen geben den wenigen, auf das Auslaufen ihrer Verträge wartenden Kräften den Rest.

Nur am ÖAW-Institut für Stadt- und Regionalforschung geht alles seinen gewohnten Gang, aber das leitet ja Heinz Faßmann, "wirkliches Mitglied“ der Akademie. Gegen das Aushungern der Migrationsforschung an der ÖAW hätte er mehr Gegenwehr leisten können, finden Kollegen. Faßmann hält dem entgegen, dass es das Wissenschaftsministerium versäumt habe, der Akademie mit der Finanzierung Vorgaben zum Erhalt der Migrationsforschung zu machen.

Nun wird gemunkelt, dass er ein Zentrum für Migrationsfragen an der Uni Wien plant. Faßmann wird nachgesagt, dass er mit dessen Realisierung punkten will, um sich eines Tages zum Rektor wählen zu lassen. Dekan und Senatsmitglied ist er bereits.

Zurück zu seinem Bericht ans Wissenschaftsministerium. Der endet mit zwei Empfehlungen. Die versprengten Forscher sollen stärker vernetzt werden. Durch einen gemeinsamen Datenpool, durch Projekte, an denen sich viele beteiligen können, oder auch durch eine international sichtbare Publikationsreihe. Darüber hinaus brauche es eine "Leuchtturminstitution“.

Käme ein solches Zentrum für Migrations- und Integrationsforschung zustande, fragte heureka! eher der Form halber beim Autor der Empfehlung nach, würde er sich aufgrund seiner vielen Verpflichtungen ja wohl nicht als Direktor bewerben? Ach woher. Heinz Faßmann packt auch das noch. 3

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