"Immer schon mobil“

aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Gerhard Weber und seine Kollegen von der Universität Wien haben mit computergestützten Methoden der virtuellen Anthropologie einen neuen Blick auf alte Schädel geworfen. Und warten mit einem neuen Szenario über die Migrationsmuster des frühen Menschen auf.

heureka!: Eine geläufige Theorie über die Ausbreitung des modernen Menschen geht davon aus, dass dieser vor knapp 200.000 Jahren in Ostafrika erschien, vor 80.000 bis 60.000 Jahren über die Arabische Halbinsel nach Eurasien auswanderte und in weiterer Folge die ganze Erde besiedelte. Sie sagen, so linear sei es nicht abgelaufen.

Gerhard Weber: Unsere Untersuchungen legen nahe, dass der moderne Mensch Afrika nicht in einer, sondern in mehreren Auswanderungswellen verlassen hat. Zudem ist davor und im Zuge dieser Auswanderungswellen in Afrika selbst auch einiges passiert. Da entwickelten sich verschiedene Populationen von Homo sapiens, breiteten sich über den Kontinent aus, waren vielleicht zigtausend Jahre lang voneinander getrennt und vermischten sich dann teilweise wieder. Diese Menschen waren also vermutlich immer schon mobiler als ihre Vorgänger, die archaischen Menschen. Sie sind mehrfach aus Afrika ausgewandert und eventuell teilweise auch wieder zurückgekommen.

Das heißt, der Exodus nach Eurasien war keine Einbahn?

Er war wahrscheinlich weder eine Einbahn noch die einzige Route, die die in Afrika lebenden Menschen interessiert hat. Wir glauben, dass der Homo sapiens auch über die Straße von Gibraltar nach Europa gekommen ist. Was eigentlich auch nicht weiter verwunderlich wäre.

Warum?

Wenn es der Homo sapiens geschafft hat, schon vor fast 60.000 Jahren bis nach Australien zu kommen, warum sollte er dann nicht auch die Meerenge von Gibraltar überwunden haben? Die kürzeste Meeresdistanz, die man damals bis nach Australien überwinden musste, betrug 80 Kilometer. Und von Afrika nach Europa, das man bei Gibraltar von der anderen Seite aus sogar sehen kann, sind es gerade einmal 13 Kilometer.

Zuletzt haben die Geschichte der frühen Wanderbewegungen des modernen Menschen vor allem Genetiker geschrieben. Sie vermessen wie früher Anthropologen Skelettteile.

Stimmt, wir schauen uns wieder die Schädelform an - aber in einer Weise, die vorher unmöglich war: am Computer. In der letzten Untersuchung waren das 200 Schädel vom Homo erectus, den Neandertalern und dem modernen Menschen. Auf jedem dieser Schädel legten wir knapp 500 Messpunkte fest. Beim Vergleich der Messergebnisse zeigte sich, dass die Variabilität der Schädelformen schon bei den frühen modernen Menschen extrem hoch ist - größer als zum Beispiel beim Homo erectus oder den Neandertalern. Das und die Verbindungen, die man zwischen den sich ähnelnden Schädelformen finden kann, deutet eben auf eine besonders große Mobilität der modernen Menschen von Anfang an hin. Für solche Aussagen muss man die Gesamtform vieler Schädel vergleichend im Auge behalten, und das geht nur mit den Methoden der virtuellen Anthropologie, mit denen wir arbeiten.

Der molekularen Anthropologie und ihren stammesgeschichtlichen Rückschlüssen aus der Untersuchung der DNA heute lebender Menschen trauen Sie das nicht zu?

Wir regen mit unserer Arbeit an, dass die Genetiker ihre Modellannahmen verfeinern sollten. Da hat nach dem genetischen Hype Ende der 1980er-Jahre eine gewisse Ernüchterung eingesetzt.

Was ist das Problem bei genetischen retrospektiven Methoden?

Man muss bei der Auswertung dieser Daten immer sehr viele Annahmen treffen - über Mutationsraten, Populationsgrößen und dergleichen. Das Ergebnis hängt völlig von diesen Annahmen ab. Große Diversifikation schon in Afrika, so wie wir das finden, also nicht der einfache Exodus aus Afrika, sondern komplexe Migrationsmuster innerhalb Afrikas und zwischen den Kontinenten - das sind Dinge, vor denen sich Genetiker eher scheuen, weil sie das Modell extrem verkomplizieren. Wir denken, dass die zuverlässigsten Ergebnisse aus einer Zusammenarbeit zwischen der Genetik und einer modernen Morphometrie, der Methode, mit der wir hier arbeiten, entstehen können. Interview: Birgit Dalheimer

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