Bio-Invasion in Europa

Ulrike Fell | aus HEUREKA 1/09 vom 06.05.2009

Lebewesen, die absichtlich oder unabsichtlich in neue Gebiete eingeschleppt werden, können dort erhebliche Schäden anrichten. Nun haben Forscher erstmals die von den "Alien Species“ verursachten Kosten geschätzt.

Fremdlinge mit Folgen Sie kommen als blinde Passagiere im Schiff, Flugzeug oder Lastwagen. Manche verbergen sich in einer Ladung alter Autoreifen, andere kommen als Souvenir im Handgepäck. Sind sie erst einmal eingereist, bleiben sie oft für immer. Tag für Tag siedeln sich Tiere und Pflanzen fern ihrer angestammten Gebiete an. In der neuen Heimat vertreiben sie nicht selten alteingesessene Bewohner und bringen das Ökosystem aus dem Lot.

Allein in Europa gibt es über 11.000 gebietsfremde Arten, korrekt "Neobiota“ genannt. Davon verursacht etwa ein Zehntel nachweislich ökologische und wirtschaftliche Schäden. Das berichtet eine europäische Expertengruppe im Wissenschaftsmagazin Science (Bd. 324, S. 40) Anfang April. Die Forscher schätzen die verursachten Kosten, die etwa durch Bekämpfungsmaßnahmen oder Ertragsverluste entstehen, auf jährlich zehn Milliarden Euro.

Womöglich ist die Zahl aber noch höher anzusetzen: "Die wahren Kosten sind sehr schwer zu kalkulieren“, erklärt Montserrat Vilà, Biologin an der Estación Biológica de Doñana in Sevilla. Im Fachjournal Frontiers in Ecology and the Environment hat Vilà gemeinsam mit Kollegen Mitte April eine erste Schadenserhebung gewagt. Sie beziffern die Verluste, die allein die britische Landwirtschaft durch eingewanderte Insekten und Spinnentiere erleidet, auf 2,8 Milliarden Euro jährlich. In einer Liste der "teuersten“ Invasoren nennt Vilà unter anderen die dickstielige Wasserhyazinthe, die "Killeralge“ Chrysochromulina polylepis oder auch die als Nutria bekannte Biberratte, deren Beobachtung und Kontrolle jährlich jeweils rund drei Millionen Euro verschlingt.

Europäischer Ernstfall Das Team bezieht seine Erkenntnisse aus der ersten Datenbank über nichtheimische Arten in Europa, DAISIE (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe). Die dort gesammelten Befunde haben die EU-Kommission bereits veranlasst, ein Strategiepapier vorzulegen. "Das ist uns nicht genug“, moniert indes Vilà. Sie und andere Experten forderten in Science die Einrichtung einer zentralen EU-Institution zur Überwachung und Bekämpfung der invasiven Spezies.

Das Problem ist hausgemacht: "Mehr als die Hälfte der Arten wurden vorsätzlich eingeführt“, erläutert Vilà. "Das gilt vor allem für Pflanzen, die meist als Zier- oder Nutzpflanzen für Forst- und Landwirtschaft ins Land gebracht werden.“ Andere werden unbeabsichtigt eingeschleppt. "Das Ballastwasser von Schiffen beispielsweise enthält häufig Larven“, sagt Vilà. "Wenn ein Schiff sein Wasser in einem anderen Meer ablässt, dann kann sich die Spezies dort ansiedeln.“

Die Zuwanderer profitieren auch vom Klimawandel, wie Ende April eine Tagung in Wien zeigte: "Neobiota sind meist opportunistische Arten, die besonders rasch und flexibel auf sich ändernde Umweltbedingungen reagieren“, erklärte Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt. Die spanische Wegschnecke etwa, einst im Gemüsetransport angereist, hat sich seit Ende der 1960er-Jahre dank des milderen Klimas nördlich der Alpen explosionsartig vermehrt.

Aliens in Austria In Österreich gelten etwa der Signalkrebs, der Kartoffelkäfer oder die Bisamratte als problematisch. Einst wegen ihres schönen Pelzes ins Land gebracht, hat sich Letztere entlang von Flusstälern und Feuchtbiotopen heimisch gemacht. In Uferbereichen, wo das Nagetier seine Höhlen gräbt, verursacht es oft große Schäden.

Ein Neuzugang ist die Amerikanische Rebzikade, die seit 2004 in der Steiermark vorkommt. "Sie saugt an Weinreben und überträgt ein Bakterium, das zur Vergilbung der Blätter und Wachstumsstörungen führt“, erklärt Rabitsch. Sorgen bereitet auch der Asiatische Laubholzbockkäfer, der vor wenigen Jahren mit befallenem Verpackungsholz einreiste. Seine Larven fressen sich durch das Holz von Laubbäumen und bringen sie zum Absterben.

Solch vereinzelte Zerstörungswut hat den Neobiota eine schlechte Presse beschert, die so manches Feindbild heraufbeschwört. Wie fragwürdig es jedoch ist, heimische Arten als "gut“, fremde dagegen als "schlecht“ zu etikettieren, zeigt das Beispiel des Höckerschwans: Im späten 19. Jahrhundert in Österreich ausgesetzt, gehört er heute zum Landschaftsbild. Als "Fremdling“ würde ihn wohl niemand mehr bezeichnen. 3

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