Tippfehler und Kommarutscher

Mark Hammer | aus HEUREKA 2/09 vom 24.06.2009

Wenn sich Statistiker und Techniker verrechnen oder Informatiker falsch programmieren, stürzen Raumsonden ab, werden Staaten für bankrott erklärt – und neue Kontinente entdeckt.

Österreichs Beinahe-Bankrott Im April dieses Jahres orakelte Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, Österreich würde – so wie Island und Irland – ein Staatsbankrott drohen. Das Engagement heimischer Banken in Osteuropa berge ein sehr hohes Risiko. Dieses wird unter anderem vom Internationalen Währungsfond (IWF) geschätzt. Nach dem Erscheinen eines IWF-Berichts im selben Monat stiegen Risikoaufschläge für österreichische Staatsanleihen, und Ausfallsversicherungen für diese wurden teurer. Das Risiko wurde jedoch vom IWF aufgrund von Tippfehlern und Doppelzählungen überschätzt. Konkret ging es um das Verhältnis zwischen Auslandsschulden und Währungsreserven osteuropäischer Staaten. Für Tschechien etwa musste diese Zahl von 236 Prozent auf 89 Prozent korrigiert werden.

Spinat macht stark Lange hieß es, Kinder sollen Spinat essen, weil er viel Eisen enthält; mehr als ein Drittel der Blätter – 35 auf 100 Milligramm – seien wertvolles Eisen. Dieses Verhältnis errechnete der Schweizer Physiologe Gustav von Bunge Ende des 19. Jahrhunderts. Er hat dieses jedoch für Spinatpulver berechnet. Das wurde übersehen, als der Wert später in Ernährungstabellen übernommen wurde. Da Spinat zu 90 Prozent aus Wasser besteht, ist der Eisengehalt im frischen Spinat nur circa ein Zehntel. Wenn Popeye das gewusst hätte ...

Absturz programmiert Denver im US-Bundesstaat Colorado und Pasadena in Kalifornien sind 1324 Kilometer voneinander entfernt. Oder 820 Meilen. In beiden Städten sitzen Teams, die für die Nasa das Navigationssystem für den Mars Climate Orbiter geplant hatten. Am 23. September 1999 verschwand dieser wie geplant hinter dem Mars. 20 Minuten später hätte die Sonde wieder auftauchen sollen, es blieb jedoch still. Grund für den Verlust war eine zu geringe Flughöhe: Ein Team hatte englische Einheiten (Inch, Fuß und Pfund), das andere hingegen metrische (Meter und Kilogramm) verwendet.

Fataler Formatfehler Schon nach 40 Sekunden endete der Flug der ersten Ariane 5 der europäischen Weltraumagentur am 4. Juni 1996 samt Satelliten an Bord in einem Feuerball. Die Flugsteuerung der Rakete konnte eine sogenannte Gleitkommazahl (zum Beispiel: drei mal zehn hoch drei) mit 64 Stellen nicht in eine sogenannte Ganzzahl (Beispiel: 3000) mit 16 Stellen umrechnen. Durch den Fehler glaubte sich die Rakete am falschen Kurs, und ihre Düsen schlugen bis zum Anschlag aus. So wurde die Konstruktion zu stark belastet und Ariane 5 entging dem Absturz, indem der Selbstzerstörungsmechanismus sie sprengte.

Verhört und verbaut Cambridge 1951: Francis Crick und James Watson wissen, dass sie die Röntgenkristallografie brauchen, wenn sie die Struktur der DNA finden wollen. James Watson fährt nach London zu einem Vortrag von Rosalind Franklin, deren röntgenkristallografische DNA-Aufnahmen schärfer als alle früheren sind. Dabei kommt es zu einem Missverständnis. Franklin spricht von 40 Anteilen an Wasserteilchen zwischen den Molekülketten, Watson versteht aber vier. Davon ausgehend baut Crick ein extrem „enges“ Modell des DNA-Stranges. Als sie Franklin das Modell präsentieren, fragt sie verwundert, wo denn all die Wasserteile Platz haben sollen. Das Ganze wird peinlich, Institutschef W.L. Bragg verbietet Watson und Crick, weiter an der Struktur der DNA zu forschen. Erst als Bragg glaubt, dass sein alter Konkurrent, der US-Chemiker Linus Pauling, vor einem Durchbruch in dieser Frage steht, erlaubt er Watson und Crick weiterzumachen. Sie erkennen ihren Fehler und entdecken bald die Doppelhelix der DNA.

Geschrumpfte Erde Christopher Kolumbus gilt als wagemutiger Entdecker. Dass er aber überhaupt glaubte, Indien leicht mit dem Schiff erreichen zu können, dürfte das Resultat eines Rechenfehlers sein. Damals schätzte man den Umfang der Erde auf nur circa 30.000 statt der realen 40.000 Kilometer – Letzteres hatte bereits der griechische Mathematiker Eratosthenes vor mehr als 2200 Jahren recht genau bestimmt. Wieso die Renaissance hinter den Kenntnisstand der Antike zurückgefallen war, ist umstritten. Die Ignoranz zeigte sich aber von ihrer positiven Seite und führte zur Entdeckung Amerikas.

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