„Viel besser als seine Schwester ...“

Verena Ahne | aus HEUREKA 2/09 vom 24.06.2009

Am „weiblichen“ Gehirn liegt es nicht. Warum Mädchen bei Mathematiktests schlechter abschneiden und Frauen seltener Topmathematikerinnen werden.

Summers’ Sager Warum reüssieren weniger Frauen als Männer in Technik und Mathematik? Es könnte ein angeborener Unterschied zwischen den Geschlechtern sein, vermutete der damalige Harvard-Präsident Lawrence Summers (heute Chefökonom in Obamas Kabinett) im Jänner 2005.

Im Sturm der Entrüstung meldete sich auch der Neurobiologe Ben Barres mit einem Kommentar in der Zeitschrift Nature zu Wort. Nicht die Biologie lasse Frauen an Mathematik und Naturwissenschaften scheitern, schrieb er, die geringe Zahl von Professorinnen sei vielmehr auf Vorurteile und Diskriminierung zurückzuführen.

Der Stanford-Professor weiß aus erster Hand, wie unterschiedlich Frauen und Männer bewertet werden: Bis zum Ende seines Studiums hieß er Barbara. „Kurz nachdem ich mein Geschlecht gewechselt hatte“, so Ben, „meinte ein Fakultätsmitglied: ‚Ben Barres hat heute eine großartige Vorlesung gehalten. Aber seine Arbeit ist ja so viel besser als die seiner Schwester.‘“

Als Barbara, so Barres in Nature, musste er ständig um Anerkennung kämpfen. Etwa als sie in einer männerlastigen Vorlesung am M.I.T. in Cambridge als Einzige ein kompliziertes mathematisches Problem lösen konnte – und vom Professor nur ein abschätziges „Das hat Ihr Freund für Sie gemacht“ erntete. Oder als sie sich um ein Stipendium in Harvard bewarb und ihr ein Mann vorgezogen wurde, obwohl sie die beste Bewerbung hatte, wie ihr versichert worden war. Heute, als Mann, werde er mit Respekt behandelt.

Eingetrichterte Unterschiede Stärker als andere Fächer gilt die Mathematik bei uns als männliche Domäne. Das Bild vom vermeintlich weiblichen Unvermögen sitzt so tief in den Köpfen, dass seine Aktivierung Testergebnisse von Mädchen und Frauen signifikant verschlechtert.

In Studien schnitten im Schnitt selbst hochbegabte Frauen beim Lösen von Mathematikaufgaben schlechter ab als ihre Kollegen, wenn sie zuvor Werbeblöcke mit Frauen in stereotypen Rollen gezeigt bekamen; nachdem sie einen Text gelesen hatten, der eine genetische Ursache als Grund für männliche Mathematiküberlegenheit nennt; wenn ihnen gesagt wurde, es handle sich um einen Test, bei dem Frauen schlechter abschneiden als Männer. Hingegen erzielten sie gleich gute Ergebnisse, wenn es beim Test hieß, dass „Männer und Frauen gleich gut abschneiden“.

Mädchen und Frauen sind (immer im Durchschnitt) also tatsächlich die schlechteren Mathematikerinnen – solange ihnen vermittelt wird, dass sie es sind.

Plastisches Gehirn Daran ist nichts Genetisches, das ist keine Folge frauenspezifischer Hirnstrukturen, wie die Neurobiologin Catherine Vidal kürzlich in einem Interview mit dem EU-Magazin research*eu unterstrich. Die Hirnforschung, so die Forschungsdirektorin des Pasteur-Instituts in Paris, könne nicht länger dafür herangezogen werden, gesellschaftliche Ungleichgewichte zu rechtfertigen.

Das Aus für Hemisphären-Denken und Größenvergleiche brachte die Einsicht in die Plastizität des Gehirns. Nur zehn Prozent unserer 100 Milliarden Neuronen sind bei der Geburt miteinander verbunden, der Rest vernetzt sich erst danach, und zwar auf Basis äußerer Eindrücke. So entwickelt jeder Mensch ein einzigartiges Gehirn, und die Unterschiede zwischen Mann und Frau sind nicht größer als die zwischen zwei Frauen.

Das unterschiedliche Abschneiden von Buben und Mädchen, Männern und Frauen bei mathematischen Tests ist also eine Folge gesellschaftlicher Zuschreibungen. Das Ergebnis dieser Überzeugungsarbeit war im letzten Pisa-Ergebnis abzulesen: Solange Mathe noch Rechnen heißt, schneiden Buben und Mädchen in Österreich annähernd gleich gut ab. Ein paar Jahre später, mit 15, liegen die Burschen voran – mit dem größten Abstand in allen OECD-Ländern.

Andernorts gibt es andere Ergebnisse: Eine letztes Jahr in Science veröffentlichte Pisa-2003-Sonderauswertung wies nach, dass sich die Mädchen-Testergebnisse mit zunehmender gesellschaftlicher Gleichstellung der Frau jenen von Buben angleichen. In Schweden oder Norwegen etwa lagen Mädchen und Buben gleichauf, in Island waren sie sogar eine Spur besser.

Auch in den USA, wo Schüler vor 20 Jahren noch eindeutig die Nase vorn hatten, haben die Mädchen nachgezogen. Eine Anfang Juni in der US-Wissenschaftszeitschrift PNAS erschienene Studie der Universität Wisconsin zeigt, dass Schülerinnen inzwischen in allen Altersstufen mit ihren Kollegen mithalten können – seit sie ähnlich viele Mathematikkurse belegen. Und selbst bei den Hochbegabten werde es bald zumindest ebenso viele Frauen wie Männer geben, so die Autorinnen Janet Hyde und Janet Mertz.

Entwicklungsland Österreich „Bei uns fehlt da noch das Problembewusstsein“, kritisiert Renate Tanzberger vom Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle EfEU. Schon in der Volksschule schneiden Mädchen beim sogenannten Känguru-Test, einem internationalen Multiple-Choice-Wettbewerb, bei dem jedes Jahr mehr als 4,5 Millionen Schüler ihre mathematischen Fertigkeiten miteinander messen, schlechter ab.

Trotzdem sind in Österreich neue, Mädchen ansprechende Unterrichtsmodelle ebenso selten wie Schulbücher oder Onlinematerialien mit gendergerechter Darstellung.

Auch spezielle, die Begeisterung von Mädchen weckende Programme für Mathematik gibt es nicht – im Unterschied zu solchen für „Mädchen und Technik“. Ein Fehler im System, meint Tanzberger: Denn viele Mädchen, die sich für einen technischen Beruf interessieren, machen einen Rückzieher, sobald sie hören, dass sie dafür Mathematik bräuchten.

Der wichtigste Schritt zum bubengleichen Erleben wäre, das Selbstbewusstsein von Mädchen gezielt zu stärken. Selbst hochbegabte Mädchen plagen Zweifel an den eigenen Fähigkeiten: Frauen schreiben Erfolge tendenziell eher ihrem Fleiß oder Glück zu, während sie Misserfolge als Zeichen mangelnder Begabung deuten – ein Selbstbild, das von außen nur zu oft gespiegelt wird. Im Vergleich dazu ist Buben, Männern und ihrer Umgebung eher die karrierefördernde Einstellung eigen, Erfolge ihrem außergewöhnlichen Talent zuzuschreiben und den Grund für Rückschläge bei anderen zu suchen.

Hochbegabte Buben – und später Männer – neigen auch dazu, sich in ein Thema regelrecht zu verbeißen. Mädchen, so die Psychologin Aiga Stapf in ihrem Buch „Hochbegabte Kinder“, wirken daneben oft fast farblos. Ihre Talente und Interessen sind meist breiter gefächert, also weniger spektakulär, und, wie das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung özbf feststellt, sie passen sich auch stärker den Erwartungen der Gesellschaft an: passiv und zurückhaltend zu sein statt fordernd und fragend. Viele hochbegabte Mädchen verstecken ihre Interessen und Fähigkeiten – bis diese unbemerkt verkümmern.

Trotz dieser Hürden haben hierzulande in den letzten Jahren fast ebenso viele Frauen wie Männer mit einem Mathematikstudium begonnen, für das Lehramt sind es sogar deutlich mehr Frauen. Auch bei den Abschlüssen gab es 2006/2007 keine Unterschiede.

Die Familienfrage Das Fehlen von Mathematikerinnen in höheren Etagen kann mit Diskriminierung und stillschweigendem Übergehen von Frauen auf ihrem Weg nach oben nur mehr bedingt erklärt werden, zumal sich Arbeitskreise für Gleichbehandlungsfragen an österreichischen Unis dafür einsetzen, bei gleicher Qualifikation bevorzugt Frauen einzustellen.

Eine gerade im Psychological Bulletin veröffentlichte Analyse der Cornell University (USA) über die letzten 35 Jahre Forschung zum Thema Geschlechtsunterschiede in der Mathematik bestätigt das: Frauen entscheiden sich hauptsächlich deshalb gegen eine Mathe-Karriere, weil diese mit ihrer Lebens- und Familienplanung nicht kompatibel ist. Die Lösung eines mathematischen Problems kann wochen- bis jahrelange intensive Kopfarbeit bedeuten.

Männer verfügen über diese Zeit, und, gestärkt durch ihre Partnerinnen, geht das auch mit Kindern. Akademikerinnen hingegen, so Andrea Abele, Helmut Neunzert und Renate Tobies im Buch „Traumjob Mathematik“, haben viel öfter Akademiker als Partner, die selbst voll im Berufsleben stehen. Wollen sie Kinder, müssen sie sich selbst darum kümmern – meist genau in den für eine akademische Karriere so entscheidenden Jahren zwischen 30 und 40. Bei Bewerbungen sind Mütter dann im Nachteil. Auf Publikationslisten stehen keine Kinder.

Die innere Karriere Freilich: Frauen stellen auch oft andere Erwartungen an ein sinnvolles, ausgefülltes (Berufs-)Leben. Es müsse zwischen äußerer und innerer Karriere unterschieden werden, betont Helene Schiffbänker von Joanneum Research in Graz: zwischen objektiv messbarem Vorankommen, Einkommen und Prestige und dem, was der oder die Einzelne als gelungene Karriere empfindet. Gerade Frauen, so Schiffbänker, legen mehr Wert auf ihre persönlichen Interessen. Dafür verzichten sie oft auch auf „große“, auf „männliche“ Karrieren.

Ein Befund, den die Cornell-Studie bestätigt: Die Mathematik werde auch von mathematisch höchstbegabten Frauen selten als einzig glückbringende Wissenschaft gesehen. Durch ihre vielfältigen Talente haben diese Frauen jede Menge Alternativen in anderen, möglicherweise als dem Leben näher empfundenen Disziplinen wie Medizin, Biologie oder Architektur. Oder sie widmen sich ihren Kindern: Sofern frei von äußeren Zwängen gewählt, muss selbst mathematischen Genies auch dieser Weg zugestanden werden.

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