„Man muss sich trauen“

aus HEUREKA 2/09 vom 24.06.2009

Johanna Michor (29) hat mit 25 in Mathematik promoviert, war danach unter anderem Postdoc in den USA und Großbritannien und ist seit Jänner wieder an der Uni Wien am Institut für Finanzmathematik. Für die Jahre 2010 bis 2013 hat sie ein Elise-Richter-Stipendium des FWF erhalten.

heureka!: Für viele Mädchen ist die Mathematik ein Schreckgespenst. Wann wussten Sie, dass Sie sie lieben würden?

Michor: Mein Vater ist Mathematiker. Er hat mir vorgelebt, dass Wissenschaft spannend und erfüllend ist. So hatte ich von vornherein einen positiven Zugang, den andere Kinder vielleicht nicht haben. Mit 17 habe ich begonnen, Vorlesungen an der Uni zu hören, weil mir im Mathematikunterricht langweilig war.

Haben Sie nie Vorurteile verspürt?

Eher im Gegenteil, ich habe immer Anerkennung bekommen. Leider wohl auch, weil es so viel Angst vor der Mathematik gibt. Ich glaube, dass viele Mädchen überrascht wären, was alles möglich ist, wenn sie sich trauen.

Wieso gibt es so wenig führende Mathematikerinnen an den Universitäten?

Weil die Rahmenbedingungen schwierig sind. In der Zeit, in der sich Männer ohne größeren Druck habilitieren, müssen wir spätestens an Kinder denken, sprich, die Habilitation eigentlich schon hinter uns haben. Es wird nicht berücksichtigt, dass Kinder Zeit brauchen – Zeit, in der man sich nicht 100-prozentig der Forschung widmen kann. Das ist wohl mit ein Grund dafür, warum viele die Forschung spätestens nach dem Doktorat verlassen.

Wie sehen Sie Ihre nächsten Jahre?

Ich wünsche mir Kinder. Unter anderem deswegen bin ich so früh ins Ausland gegangen. Ich möchte auch eine Auszeit nehmen, obwohl ich mir das länger als zwei, drei Jahre wahrscheinlich nicht leisten kann, ohne den Anschluss zu verlieren.

Kinder und die hohe Mathematik sind also schwer miteinander vereinbar?

Wir lassen uns auf Probleme ein, die man mit höchster Konzentration verfolgen muss. Dies ist mit Kindern wohl nur schwer möglich. Andererseits aber: Nachdenken kann man überall, und die besten Ideen kommen selten am Schreibtisch. Aber da fragen Sie lieber meine Kolleginnen mit Kindern.

Frauen wird nachgesagt, sie hätten ein geringeres Selbstvertrauen als Männer.

Ja, auch ich zweifle oft an mir. Vielleicht, weil es uns an Vorbildern fehlt. Mathematikerinnen auf meinem Gebiet habe ich erst auf internationalen Konferenzen kennengelernt, und an unserer Fakultät sind unter 60 Habilitierten nur drei Frauen. Schon schwierig, da Selbstbewusstsein zu entwickeln. Interview: V.A.

Lesen Sie die Langfassung dieses Interviews unter www.heurekablog.at

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