Inbrünstige Abneigung

Martina Gröschl | aus HEUREKA 2/09 vom 24.06.2009

In der Schule gilt Mathematik als das Horrorfach par excellence. Zahlreiche Initiativen bemühen sich daher um eine Imagepolitur. Wie aber verschafft man dem Fach mehr Pep?

Tödliche Abneigung „Wenn deine Antwort falsch ist, wird er dich erschießen.“ So kommentierte ein schwedischer Schüler seine Zeichnung, auf der ein Mathematiklehrer ein Maschinengewehr in Anschlag bringt. Entstanden ist die Zeichnung für eine Studie, in der die US-amerikanische Mathematikdidaktikerin Susan H. Picker und ihr britischer Kollege John S. Berry untersuchten, wie sich Zwölf- bis Dreizehnjährige aus Großbritannien, Finnland, Rumänien, Schweden und den USA einen Mathematiker bei seiner Arbeit vorstellen. Ein Alter, in dem sich durch Erfahrung und Sozialisation das Image der Mathematik zu verfestigen beginnt.

Die Waffe im Anschlag ist besonders drastisch. Sie war aber nicht die einzige Darstellung, die den Mathematiklehrer mit Bedrohung assoziierte. Den distanzierten und gestrengen Lehrer, umgeben von einer Aura der Mathematik-Allmacht, scheint es zumindest in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler immer noch zu geben, wie die Studie von Picker und Berry zeigt.

Langweilig, zu nichts nutze und als Schulfach ein Horror – mit solchen und ähnlich schmeichelhaften Attributen wird die Mathematik nicht erst seit heute bedacht.

Abstrakt hoch zwei Die Gründe für diese inbrünstige Abneigung sind vielfältig. Mathematik ist ein Hauptfach und damit per definitionem ein Stressfaktor. Mathematik gilt als Gradmesser für Intelligenz und dazu noch als Begabungssache: Man hat es – oder eben nicht. Mathematik wird an der Uni gerne als Aussiebefach verwendet, um den Spreu vom Weizen zu trennen. Mathematik ist hochabstrakt, ihre Anwendungen sind allgegenwärtig, aber gleichzeitig ungreifbar.

Der Mathematiker Günter M. Ziegler, Professor an der TU Berlin und Mitorganisator des deutschen Jahres der Mathematik 2008, sieht das Horrorimage in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf gefangen: „Der Schulunterricht macht keinen Spaß und produziert Schüler, die kein vielfältiges Bild von der Mathematik haben. Von jenen, die trotzdem Mathematik studieren, werden die Schwächsten Lehrer. Die sind vom Studium frustriert und gehen so zurück an die Schule.“ Den Rest besorgen dann die Eltern mit wohlmeinenden Aussagen wie: „Mathematik macht nie Spaß, da musst du durch.“

Nichts als Nerds Die Studie von Picker und Berry förderte aber auch noch ein anderes Detail zutage: Die Schüler schienen offenbar nicht zu wissen, was ein Mathematiker eigentlich macht, wenn er nicht in der Schule unterrichtet. Oft waren sie sich nicht einmal sicher, ob ihr Mathe-Lehrer als Mathematiker durchgehen würde. Auf die Frage, für was man eigentlich einen Mathematiker einstellen würde, reichten die Antworten von „Keiner ist so dumm, einen Mathematiker anzuheuern“ bis zu mehr praxisorientierten Antworten wie „Ich würde ihn meine Hausaufgaben machen lassen“.

Die Zeichnungen jener Schüler, auf denen ein nicht unterrichtender Mathematiker dargestellt wurde, schienen direkt aus dem Klischee-Bilderbuch zu kommen: männlich, weiß, mittleren Alters und der Prototyp eines Nerds. Eine derartig verlässliche Reproduktion von Stereotypen ließ bei den Forschern die Frage aufkommen, woher diese Bilder wohl kommen mögen. Vor allem weil sich unter den Zeichnungen der Kinder immer wieder Referenzen auf Albert Einstein (Physiker!) fanden – und das länderübergreifend.

Für Picker und Berry ist es offensichtlich, dass die Medien inklusive Comics und Bücher das Image der Mathematik mitprägen. „Diese Bilder und die Erfahrungen in der Schule verfestigen sich dann zu Stereotypen“, so Picker im heureka!-Interview. Und im Fall der Mathematik nicht selten zu negativen. Wobei das Nerd-Bild als eine Art Wiedergutmachung für ein in der Schule als unfair empfundenes Machtungleichgewicht zwischen Lehrer und Schüler gesehen werden könnte.

Interessenkiller Dieses unattraktive Image der Mathematik ist eine schwere Hypothek: „Das Bild, das man von einem Schulfach und von jenen hat, die sich dafür interessieren, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, inwieweit sich Schülerinnen und Schüler in diesem Fach engagieren“, erklärt Ursula Kessels von der FU Berlin: Sie hat gemeinsam mit Bettina Hannover das Image von mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern auf die schulische Interessen- und Leistungsentwicklung untersucht.

Für die Forscherinnen ist gerade das negativ besetzte Image dieser Fächer Grund für das mit steigenden Schuljahren abnehmende Interesse. Vor allem der Mädchen. Kessels: „Mädchen, die sich für Mathematik oder Physik interessieren, haben Angst, als unweiblich und weniger beliebt zu gelten.“ (Zur Genderfrage in der Mathematik siehe S. 13–15.) Aber auch auf Buben hat das schlechte Image von Mathe & Co eine hemmende Wirkung. Die Folgen: Interesse wird im Keim erstickt; die Chancen, später einmal eine naturwissenschaftlich-technische Laufbahn einzuschlagen, schwinden.

Vorbild Bulgarien Dass Mathematik nicht überall automatisch negativ besetzt ist, zeigt ein Blick nach Bulgarien: Dort zieren die Internationale Mathematik-Olympiade und das Abschneiden der bulgarischen Mannschaft die Titelseiten der Tageszeitungen und finden sogar ihren Weg in die TV-Hauptnachrichten. „Ein positives Mathematik-Bild gehört in Bulgarien zum Alltag“, sagt Emil Simeonov, gebürtiger Bulgare, Mathematikprofessor am FH Technikum Wien, seinerzeit Mitinitiator des math.space im Wiener Museumsquartier und Obmann des Wiener Vereins minimath, der sich der mathematischen Früherziehung verschrieben hat.

In bulgarischen Schulen muss ein Mathe-Crack keinen Spott fürchten, Bildung wird im Lande hochgehalten – „auch, aber nicht nur, weil es im Ostblock Staatsdoktrin war“, vermutet Simeonov.

Von einer derartigen Akzeptanz und von so viel Enthusiasmus kann man in Deutschland und Österreich nur träumen. Trotzdem hat der Mathematikvermittler Günter M. Ziegler genug vom Jammern: „Wir haben beim Jahr der Mathematik bewusst die gängigen Klischees ignoriert und das Jammern weggelassen. Denn wer jammert, ist in einer Verteidigungsposition, und wer sich verteidigt, ist ein Loser.“

Was tun? Das Negativimage ignorieren und schlichtweg ein positives Mathe-Bild zeigen, lautete die Devise im deutschen Mathe-Jahr 2008. Die Wege dorthin sind vielfältig: Susan H. Picker hat in New York einfach eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Mathematikern unterschiedlichen Alters und Geschlechts und unterschiedlicher Hautfarbe rekrutiert und vor die Klasse gestellt. Günter M. Ziegler wünscht sich mehr Freiräume im Schulunterricht: „Mathematiklehrerinnen und -lehrer sollten die Möglichkeit haben, darüber zu erzählen, was sie selbst interessiert: seien es Paradoxien aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung oder wie man einen Wetterbericht macht.“

Emil Simeonov sieht die derzeitigen Popularisierungsinitiativen mit einer gewissen Skepsis. „Sie sind sicher bewundernswert, aber ich glaube nicht, dass sie in der jetzigen verfahrenen Situation die nötige Breitenwirkung haben werden.“ Viel realistischer ist für ihn die Umsetzung eines Modells, in dem ausreichend viele technische und mathematisch-naturwissenschaftliche Schulen Mathematik als Hauptfach haben. Alle anderen sollten Mathematik als Nebenfach, wie beispielsweise Musik, anbieten.

Das falsche Publikum Klischees sind bekanntlich hartnäckig. Doch ist für Deutschland und Österreich noch nicht alles verloren. Bei der Abschlussveranstaltung zum Jahr der Mathematik vor Schülerinnen und Schülern konnte es sich Barbara Sommer, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Ende 2008 nicht verkneifen, das altbekannte „In Mathe war ich immer schlecht, und es ist trotzdem etwas aus mir geworden“ zu paraphrasieren. Dafür hatte sie sich aber das falsche Publikum ausgesucht: Sie wurde gnadenlos ausgebuht.

Literatur:

Susan H. Picker und John S. Berry: Investigating pupils’ images of mathematicians. In: Educational Studies in Mathematics 43 (2000), S. 65–94.

Susan H. Picker und John S. Berry: The human face of mathematics: challenging misconceptions. In: D. Worsely (Hg.): Teaching for depth: where math meets the humanities. New York 2002 (Heinemann), S. 50–60.

Ursula Kessels und Bettina Hannover: Zum Einfluss des Image von mathematisch-naturwissenschaftlichen Schulfächern auf die schulische Interessenentwicklung. In: Manfred Prenzel und Lars Allolio-Näcke (Hg.): Untersuchungen zur Bildungsqualität von Schule. Münster 2006 (Waxmann), S. 350–369.

Links:

www.jahr-der-mathematik.de

www.minimath.at

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige