Backstagepass zur Forschung

aus HEUREKA 2/09 vom 24.06.2009

Marcus du Sautoy weiß, wie man Mathematik unters Volk bringt. heureka! sprach mit dem Oxford-Professor über den Wert guter Geschichten und die Reise zur Zahl Null. Interview: Oliver Hochadel

heureka!: Stimmt es wirklich, dass Sie als Kind zunächst Spion werden wollten?

Marcus du Sautoy: Ja, und da dachte ich, um einen Agentenjob zu bekommen, müsste ich unbedingt Sprachen lernen. Ich stürzte mich auf Deutsch, Französisch und natürlich Russisch. Mein Elan erlahmte aber bald, vor allem diese unregelmäßigen Verben frustrierten mich. Ich konnte kein System dahinter erkennen. Dann entdeckte ich die Mathematik. Auch eine schwierige Sprache, aber voller Logik.

In Ihrem Buch „Die Mondscheinsucher“ erzählen Sie nicht nur von Ihrer Faszination für Symmetrie, sondern auch viel Persönliches über Ihren beruflichen Werdegang, ja selbst über Ihre Familie. Braucht es das, um Mathematik zu vermitteln?

Ich wollte dem Leser so etwas wie einen Backstagepass zur Forschung geben. Ich erzähle etwa von meinem 40. Geburtstag, diesem angeblich so schrecklichen Moment im Leben eines Mathematikers. Dass danach jegliche Kreativität erstirbt, ist aber ein Mythos. So versuche ich die Geschichte der Forschung zu Symmetrie mit sehr offenen persönlichen Einschüben zu verbinden. Man kriegt ja sonst von der Wissenschaft immer nur das fertige Produkt zu sehen.

Auch auf den Wissenschaftsseiten der Zeitungen wird nur von Ergebnissen und großen Durchbrüchen berichtet.

Das ist wie das Zaubern von Kaninchen aus dem Hut. Der Mathematiker Carl Friedrich Gauß war der Auffassung, man müsse alle Spuren tilgen, die darauf hinweisen, wie man zu einem Ergebnis gekommen ist. Sein Argument: Bei den Architekten sehe man nach dem Ende der Arbeit das Gerüst ja auch nicht mehr.

Was ist das Gerüst bei Ihnen?

Das sind all die Sackgassen, all die Denkwege, die ich einschlug und die zu nichts geführt haben. Aber wenn die Dinge endlich einmal funktionieren, dann geht alles ganz schnell.

Sind die Heureka-Momente in der Wissenschaft nicht ein Mythos?

Klar, die grundlegende Forschung dauert Jahre, und es ist oft sehr hart, die Details auszuarbeiten. Aber es gibt diese Momente der Erleuchtung. Jeder Mathematiker kann Ihnen seine eigene Geschichte dazu erzählen, auch wenn das nur vier- oder fünfmal in einer Karriere geschieht. Ich arbeite derzeit mit Neurologen an einem Projekt zum menschlichen Bewusstsein. Mathematik ist die Sprache der Wissenschaft, bei der Erforschung des Gehirns, also von neuronalen Netzen, kann sie helfen. Bei diesem Projekt geht es auch genau um diese Heureka-Momente, bei denen gleichsam die Elektrizität durchs Gehirn schießt. Das Unterbewusstsein scheint hier eine wichtige Rolle zu spielen: Es arbeitet quasi unerkannt, versucht verschiedene Wege, bis die neue Erkenntnis dann nach oben kommt.

Seit Dezember haben Sie den Lehrstuhl für Public Understanding of Science in Oxford inne, auf dem zuvor Richard Dawkins saß. Ist das auch eine Belastung, einem weltweit bekannten Forscher nachzufolgen?

Das ist ein wenig „Gepäck“, das ich mitschleppe, aber einschüchtern tut mich das nicht. Ich möchte diesen Lehrstuhl in eine völlig neue Richtung führen, und Mathematik ist genau das Richtige dafür. Für Richard als Evolutionsbiologen war Religion klarerweise ein Thema, mich interessiert das nicht weiter. Obwohl mir klar war, dass mich nun alle nach meinem Glauben fragen werden. Meine Standardantwort: Ich bin Atheist und glaube an Arsenal (Anm.: Londoner Fußballverein). Mir geht es um die Wunder der Wissenschaft.

Was hat sich für Sie konkret verändert?

Nicht sehr viel. Ich tue viele Dinge, die ich auch vorher tat. Ich forsche und ich vermittle. Nur unterrichte ich jetzt keine Studierenden mehr, sondern gehe in die Schulen, mache Fernsehbeiträge und rede mit Leuten wie Ihnen.

Und wie viel ist jetzt Forschung, wie viel Popularisierung?

Da kann ich keine Prozentangaben machen. Die Idee des Lehrstuhls ist: Freiraum zu schaffen für das, was man am besten kann. Ich bin aber nur eine Person und versuche daher andere Wissenschaftler zu ermutigen, ebenfalls zu popularisieren. Ich sehe mich in der Rolle eines Botschafters.

Gilt Mathematik auch in Großbritannien als Horrorfach in der Schule?

Ja, das ist wohl universell. Andererseits ändern sich die Dinge auch. Ich habe eine wöchentliche Kolumne in der Times mit einer treuen Leserschaft, ich mache Radioprogramme und Filme über Mathematik. Die Zeitschrift New Scientist sagt mir, sie hätte gerne mehr Artikel über Mathematik von mir – so viele kann ich gar nicht schreiben.

Trotzdem, woran hakt es?

Wir begeistern die Kinder nicht. Es gibt – bildlich gesprochen – zu viel Grammatik und Sprache und nicht genug Geschichten. Im Englischunterricht liest mein Sohn schon Shakespeares „Richard III.“ oder Romane von George Eliot. Vielleicht versteht er noch nicht alles, aber er ist begeistert. Im Mathematikunterricht fehlt das. Das ist, wie wenn man jemand für Musik begeistern will und ihn nur Tonleitern üben lässt, anstatt ihm ein tolles Stück Jazzmusik vorzuspielen.

Was könnte man konkret tun?

Mathematik ist mehr als nur ein nützliches Werkzeug, vieles ist einfach nur schön. Vielleicht ließe sich der Unterricht zweiteilen, in die technischen Fertigkeiten einerseits und die großen Geschichten andererseits.

Also zum Beispiel, wie Andrew Wiles Fermats Rätsel löste, worüber Simon Singh einen Bestseller schrieb?

Mit den großen Geschichten meine ich nicht nur jene der Mathematikgenies, sondern auch jene der Primzahlen, der Symmetrien oder der komplexen Zahlen. Und dann gibt es ja noch die Technologien, die unseren Alltag bestimmen, sei es Kreditkarte oder CD-Player, die nur dank der Mathematik funktionieren. Wir müssen vielfältige Geschichten erzählen. Auf deren Rücken kann man dann die Mathematik transportieren.

Sie haben mit der BBC schon mehrere Fernsehsendungen gemacht, etwa eine insgesamt vierstündige Geschichte der Mathematik. Haben die Zuschauer da nicht weggezappt?

Radio ist ein gutes Medium für Wissenschaft, weil es etwas Abstraktes hat. Fernsehen ist die große Herausforderung: Was zeigt man? Wir haben die intellektuelle mit der physischen Reise verbunden und so anschaulich gemacht, dass Mathematik eine Geschichte hat und mit bestimmten Epochen und geografischen Orten verbunden ist. Wir sind etwa nach Indien gereist und haben den Tempel besucht, wo die Null herkommt. Und was auch enorm hilfreich ist: die hohe Qualität der Computeranimationen von heute. So können wir vorführen, wie die alten Ägypter den Rauminhalt einer Pyramide berechnet haben. Die Serie war ein großer Erfolg.

Was muss sich der Vermittler beim Vermitteln klarmachen?

Ich versuche immer die richtige Plattform für das jeweilige Publikum zu finden. Sind es Kinder oder Erwachsene? In der Schule muss man sich fragen: Was mögen die Schüler? Ich habe selbst Kinder, aber Kinder sind sehr verschieden. Und man kann keinen Dialog führen, wenn man nicht auch zuhört.

Mit einer Fernsehsendung können Sie Millionen von Menschen erreichen, aber nichts ist besser, als einen Mathematiker live zu erleben. Ich bilde auch meine Studierenden aus, damit sie in Schulen gehen können. Ich klone mich also (lacht) und nenne sie meine „Mini-Ichs“.

Sie sind jetzt 43. Werden Sie bis zu Ihrer Emeritierung die Begeisterung für Mathematik schüren?

Das ist mein Job, und ich werde das auch noch tun, wenn ich bereits in Rente bin.

Zur Person:

Marcus du Sautoy (43) ist seit Dezember 2008 Charles Simonyi Professor for the Public Understanding of Science an der Universität Oxford. Davor war er dort bereits Professor für Mathematik. Er forscht vor allem zur Zahlen- und Gruppentheorie.

Um Menschen für Mathematik zu begeistern, nutzt er verschiedenste Formate. „Warum wählte Beckham das Leiberl mit der 23?“ heißt seine erfolgreiche Vorlesung für Kinder und Jugendliche. Sein erstes populärwissenschaftliches Buch, „Die Musik der Primzahlen“ (englisch 2003, deutsch 2005), wurde ein vielfach übersetzter Bestseller.

Marcus du Sautoy: Die Mondscheinsucher. Mathematiker entschlüsseln das Geheimnis der Symmetrie. C.H. Beck (2008), 429 S., € 25,10

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