Kreativ und lustvoll

André Behr | aus HEUREKA 2/09 vom 24.06.2009

Der Mathematiker Christian Hesse war Deutschlands jüngster Uni-Professor. Nun hat der passionierte Schachspieler ein Buch darüber geschrieben, wie man klar denkt.

Stuhlmenschen „Mathematiker sind mythologische Wesen“, soll der Wissenschaftsmanager Simon Golin gesagt haben, „halb Mensch, halb Stuhl.“ Tatsächlich braucht ein Vertreter dieser ältesten Wissenschaft noch heute nicht viel mehr als Papier, Bleistift, Tisch und eben einen Stuhl, auf dem er sitzen und denken kann. Ist ein Mathematiker zudem derart unerschütterlich produktiv wie einst Leonhard Euler (sein Gesamtwerk umfasst mehr als 70 Bände), lässt er sich beim Rechnen sogar von Kindern, die zwischen seinen Beinen herumkrabbeln oder auf seinem Rücken turnen, nicht aus der Fassung bringen.

Das erzählt Christian Hesse, Professor für Stochastik an der Universität Stuttgart, der Euler für dessen bis ins hohe Alter sprudelnde Kreativität und Arbeitskraft ebenso bewundert wie wohl alle seine Fachkollegen. Auch Hesse, der 1991 mit 31 Jahren Deutschlands jüngster Universitätsprofessor war, denkt am besten zuhause am Schreibtisch sitzend – allerdings am liebsten völlig ungestört.

Hürdenhelfer Da sein Denken jedoch selbst unter diesen idealen Bedingungen manchmal stockt, begann er sich mit der Frage zu beschäftigen, wie sein mathematisches Suchen und Finden eigentlich funktioniert – insbesondere, wenn die Lösung eines vertrackten Problems ansteht. Entstanden ist aus dieser Selbstreflexion das jüngst erschienene Buch „Das kleine Einmaleins des klaren Denkens“, in dem er lustvoll zusammenfasst, was ihm in seinen 25 Jahren als professioneller Mathematiker geholfen hat, über die Hürden zu kommen.

Wie also denkt ein Mathematiker? Er benutzt Werkzeuge. 22 solcher Denkwerkzeuge hat Christian Hesse aus seinem Fundus hervorgeholt und zum Teil neu benannt. Jetzt ist er davon überzeugt, dass damit zumindest die Liste der elementaren Methoden vollständig ist. Diese „Grund-, Aufbau- und Meistertechniken beim problemlösenden Denken“ reichen von den klassischen Denkweisen mittels der Analogie-, Widerspruchs- und Induktionsprinzipien bis zu modernen Techniken wie Brute Force und Randomisierung. Gerade das letztere Prinzip, das davon handelt, dass der Zufall nicht regellos ist und wir ihn sogar für unsere Zwecke nutzen können, hat ihn schon als Jugendlichen begeistert und mit für seine Berufswahl motiviert.

Denktechniken, die sich jeder aneignen kann, der sich bemüht, sind das eine. Was allerdings einen Euler in die Lage versetzte, derart ausufernd fundamental Neues zu finden, während andere der Zunft gleichsam wie Tramfahrer entlang festgelegter Denkschlaufen kurven, erklärt natürlich auch Christian Hesse nicht – wobei das auch nicht sein Anliegen war.

Mustersucher Was antworten phänomenal begabte Denker, wenn man sie fragt, warum sie besser sind als ihre Kollegen? Der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow etwa verfiel in langes Grübeln und antwortete dann: „Vielleicht weil ich an die 3000 Stellungen sehr tief analysiert habe, mehr als die übrigen Großmeister“. Christian Hesse leuchtet dieses Argument sofort ein. Schach und Mathematik haben viel gemeinsam. Das weiß er, weil er Schach spielt und einen schönen Essayband über dieses Spiel verfasst hat. Die Schachkunst arbeitet mit Figurenmustern, die Mathematik in der Geometrie mit Punktmustern, mit Zahlenmustern in der Zahlentheorie oder mit Mustern bei Zufallsprozessen in der Stochastik.

Diese sogenannten Chunks – im Schach beispielsweise sind das nicht nur die Figurenstellungen, sondern ganze Zugfolgen, die mitgedacht werden – kann der Profi als Einheit abrufen, ebenso wie wir beim Lesen nicht mehr mühsam Buchstabe für Buchstabe aneinanderreihen, sondern ganze Wörter „sehen“.

Der Antwortversuch Kasparows sagt uns aber auch, was Anfänger oft nicht glauben wollen, Väter und Mütter schon immer wussten und Musikneurologen vor einiger Zeit plausibel nachweisen konnten: Aus einem Talent wird nur ein Meister, wenn es früh beginnt und intensiv arbeitet. Wenn sich diese Arbeit mit Freude paart, umso besser. Genau dies hat Christian Hesse im Sinn, wenn er schreibt, dass sein Buch „diesseits und jenseits des Lustprinzips bunter und munterer“ sein will, als es Mathe-Bücher gemeinhin sind.

Christian Hesse: Das kleine Einmaleins des klaren Denkens. 22 Denkwerkzeuge

für ein besseres Leben.

Beck’sche Reihe, 352 S., € 15,40

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