Orte der Erinnerung

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Sie spaltet und verbindet, sie verblasst und kehrt wieder, sie wird zum Event und zur Politik - die Erinnerung. Ein kleiner zeitgeschichtlicher Rundgang durch Österreichs kollektives Gedächtnis.

1010 Wien, Heldenplatz. Durch das Äußere Burgtor am Wiener Heldenplatz oder drum herum sind wohl viele von uns schon unzählige Male gegangen oder gefahren. Dass sich dort oben im Tor eine mit Bildreliefs ausstaffi erte "Ehrenhalle“ befi ndet, in der die Großtaten der Habsburgischen Armeen seit dem 17. Jahrhundert verherrlicht werden, wissen hingegen wohl die meisten nicht.

Diese Ehrenhalle, eingeweiht im September 1934, war Teil der Gedächtnispolitik der Austrofaschisten, um sich als würdige Nachfolger der habsburger zu inszenieren. Der Raum ist nicht öff entlich zugänglich, sagt der Grazer Zeithistoriker Werner Suppanz. Nur auf Anfrage ans Verteidigungsministerium erhalte man eine geführte Besichtigung.

Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ist heute kaum präsent, sagt Suppanz, sie wurde "überschrieben“. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Kriegerdenkmäler, die oft schon in der Zwischenkriegszeit errichtet und dann nach 1945 adaptiert wurden, indem man die Widmung um die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs erweitert hat.

Die Erinnerung ist auch deshalb verblasst, weil es den kriegführenden Staat, die k. u. k. Monarchie, nach 1918 nicht mehr gab. Bei den Siegermächten hingegen, in Großbritannien und in Frankreich, ist der Erste Weltkrieg nach wie vor "Th e Great War“ bzw. "la grande guerre“. Noch heute wird der Armistice-Tag, der Tag des Waff enstillstands am 11. November 1918, groß gefeiert. In Österreich hat sich die Erinnerung am ehesten im regionalen Kontext erhalten: in Kärnten durch den "Abwehrkampf “ gegen die "Slawen“ und in Tirol durch die Abtrennung Südtirols.

Vor 1939 gab es im kollektiven Gedächtnis aber nur den einen Weltkrieg, und Suppanz’ Forschungen zeigen, wie umkämpft die Erinnerung daran war. Je nach politischem Lager standen diese vier blutigen Jahre für die "Verbrechen der Habsburger“ (Sozialdemokraten), für die "Ruhmestaten der habsburgischen Armeen (Christlichsoziale) oder den "Krieg für das Deutschtum“ (Deutschnationale). Die Erinnerung war "zerklüftet“, sagt Suppanz.

1060 Wien, Hirschengasse 25. Als Ort kollektiven Gedenkens hat sich die Ruhmeshalle im Äußeren Burgtor längst überlebt. Er ist verschlossen. Andere Orte befinden sich mitten im Getriebe, ihre Vergangenheit aber wurde übertüncht. Wenn Schulklassen aus den Bundesländern zur Wienwoche in die Bundeshauptstadt kommen, nächtigen sie häufig im Jugendgästehaus des Unterrichtsministeriums in der Hirschengasse 25 im sechsten Bezirk. Was Schüler und Lehrer meist nicht wissen: Das Haus trug früher den Namen "Adolf-Hitler-Haus“. Schon im Dezember 1931 schlug die NSDAP hier ihr Wiener Hauptquartier auf, "und mit ihr kam die Gewalt“, sagt Christiane Rothländer vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien. Die Nachbarn, insbesondere Juden, wurden drangsaliert, hier wurden die Terroranschläge im Juni 1933 geplant.

Derzeit findet im Bezirksmuseum Mariahilf eine Ausstellung zum "Adolf-Hitler-Haus“ statt. Am Haus in der Hirschengasse erinnert nichts an dessen Vergangenheit. Dabei wurden lediglich die Hakenkreuze von der Fassade entfernt und der braune Anstrich übermalt. Eine Plakette wäre für Rothländer auch nicht ausreichend. Sie wünscht sich einen Gedenkraum im Haus. Dort könnte man etwa dokumentieren, wie die Wiener NSDAP organisiert und wie stark sie schon Jahre vor dem "Anschluss“ vom März 1938 war. "Die Tätergeschichte fehlt in der Erinnerung“, kritisiert Rothländer.

1090 Wien, Servitengasse 6. In der Opfergeschichte besteht dieser Trend hin zum lokalen Erinnern schon seit mehreren Jahren. In Wien haben viele Anwohner begonnen, die Delogierung und das Zusammenpferchen in "Sammelwohnungen“, die Enteignung und Deportation der Juden 1938 und in den folgenden Jahren zu erforschen und zu dokumentieren, und zwar Wohnung für Wohnung und Haus für Haus.

Die Menschen wollen wissen, welches Unrecht an dem Ort geschah, an dem sie heute wohnen. Damit ist auch eine neue Form des Erinnerns entstanden, die nicht von oben verordnet wurde, die keinen Gedenktag benötigt, sondern eben "von unten“ kommt. Sie entspringt häufig privaten Initiativen und sucht dann die Vernetzung mit Kommunen und Geschichtswissenschaft. So entstand etwa im neunten Bezirk die Projektgruppe "Servitengasse 1938. Schicksale der Verschwundenen“.

Im zweiten Bezirk gemahnen bereits zahlreiche Tafeln an Hauswänden an die vertriebenen und häufig ermordeten früheren Bewohner, ein "Weg der Erinnerung“ führt zu den wichtigsten Orten. Auch im sechsten Bezirk hat sich die Plattform "Erinnern für die Zukunft“ dem Gedenken an die über 800 Opfer der NS-Diktatur in Mariahilf verschrieben. Der deutschen Aktion "Stolpersteine“ nachempfundene Aktionen, in den Boden eingelassene Kupferplatten mit den Namen der Vertriebenen vor deren letzter Wohnung, gibt es auch bereits in Mödling, Braunau am Inn und Salzburg. Die Erinnerung wird lokaler.

Die Fragen, die sich bei der Neugestaltung der Gedenkstätte stellen, seien nicht zuletzt praktischer Natur: Was macht man sichtbar, wenn das Fußballfeld, wo die SS-Mannschaft gespielt hat, nach der Befreiung zum Massengrab wurde? Zeigt man den täglichen Weg der Häftlinge oder jenen der SS? Warum sind die Barackenwände nicht in der Originalfarbe gestrichen, fragen manchmal Besucher. Für sie ist "Authentizität“ zentral, aber diese ist flüchtig. "Man kann auch nicht nichts tun, denn dann passiert auch etwas“, sagt Uhl. Die Baracken etwa würden einstürzen. Uhl und ihre Kollegen sind sich einig, dass es in der Gedenkstätte keinen spektakulären Neubau geben wird, nichts soll irreversibel festgeschrieben werden. Denn in 20 Jahren wird eine neue Generation von Historikern es wieder anders machen. Die Erinnerung wird stets aufs Neue erzeugt.

1020 Wien, Förstergasse 7. Wie soll man erinnern? Eine Frage, die sich für Hannah Landsmann täglich stellt. Sie ist für die Vermittlungsprogramme im Jüdischen Museum Wien zuständig. "Bei uns rufen die Lehrer an und sagen:, Wir machen jetzt Zeitgeschichte. Haben Sie was zum Krieg?‘, Nein, den Krieg haben wir nicht‘, sage ich dann.“ Und wenn es um den Holocaust geht, werden auch keine Fotos mit Leichenbergen gezeigt.

Man müsse Nähe herstellen zwischen den Schülern und den Gegenständen des Museums, sagt Landsmann. "Kurt und Ilse“ ist ein Programm über zwei jüdische Schüler, die zwischen 1938 und 1945 in Wien lebten. Aus Schachteln werden die Pässe mit dem roten "J“, Tagebücher, Briefe und weitere persönliche Gegenstände (in Kopien) hervorgeholt. Von Kurt gibt es sogar eine Liste seiner Lieblingslieder. "Wir überlegen uns, was würden die beiden heute machen. Wären sie bei Facebook?“

Dass Ilse bei einem Luftangriff ums Leben kommt und Kurt unmittelbar vor der Befreiung Wiens in der Förstergasse erschossen wird, erfahren die Schüler erst zum Schluss. "Kurt und Ilse“ funktioniere eigentlich immer, da können die Schüler noch so pubertieren, berichtet Landsmann. Die Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt der Schüler sei entscheidend, sie ermögliche die persönliche Identifikation mit den Opfern.

Großprojekte wie der "March of Remembrance and Hope“, bei dem Jugendliche von Auschwitz nach Birkenau gehen, oder die Initiative "A letter to the stars“ für Schüler verfolgen einen ähnlichen Anspruch. Hier freilich drohe Erinnerung zum Event zu werden, befürchtet Landsmann.

1010 Wien, Ballhausplatz. Erinnerung wird auch mehr und mehr zur Erinnerungspolitik, sprich: zur Politik mit der Erinnerung, wie der Wiener Zeithistoriker Siegfried Mattl konstatiert: "Natürlich war Erinnerung immer kontrovers und hatte ihre eigenen ritualisierten Formen.“ Aber seit gut 20 Jahren werde dies als explizite Aufgabe der Regierung und anderer Institutionen gesehen.

1988 wurde das Hrdlicka-Denkmal gegen Faschismus und Krieg am Albertinaplatz in Wien eingeweiht. Seit 1998 wird auf Beschluss des Nationalrats am 5. Mai, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen, der "Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen. Auch die Neugestaltung der Gedenkstätte selbst hat sich die Politik auf die Fahnen geschrieben.

Durch das Zusammenwachsen der EU sei das offizielle Geschichtsbild Teil der Außenpolitik geworden, so Mattl: "Bei Amtsantritt der schwarz-blauen Regierung im Februar 2000 wurde an alle Außenministeriumsstellen ein Argumentationspapier verteilt, in dem aufgezählt wurde, was Österreich alles zur Wiedergutmachung geleistet hat.“ Spiegelbildlich war der Aufstieg von Jörg Haider und der FPÖ vor allem in der ausländischen Presse über historische Bilder kommentiert worden.

Es ist bezeichnend, dass der aktuelle Konflikt um die Verabschiedung des neuen EU-Vertrags sich um eine Ausnahmeregelung für Tschechien dreht, die mögliche Forderungen der Sudetendeutschen verhindern soll. Der Streit um Recht und Unrecht in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Frage nach Opfer und Täter, nach Entschädigung und Rückgabe ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch lange nicht ausgestanden, die Erinnerung noch keineswegs europäisch synchronisiert.

Kein Ort, noch nicht. Wie schwer man sich in Österreich mit der Erinnerung tut, zeigt die scheinbar unendliche Odyssee des "Hauses der Geschichte“. Die Idee eines derartigen "Erinnerungsgebäudes“ stammt bereits aus den 90er-Jahren und durchlief seither zahlreiche inhaltliche Metamorphosen, hitzige Debatten in Historikerkommissionen und mehr oder weniger öffentliche Diskussionen. Fast alles war umstritten. Das fing schon beim Namen an: Sollte es ein "Haus der Toleranz“ oder ein "Haus der Republik“ sein, ein Museum oder vielmehr eine Erinnerungsstätte, ein Ort des Lernens oder einer der Identitätsstiftung? Unterschiedlichste Varianten wurden vorgeschlagen. Sollte man sich inhaltlich auf die Shoa und den Nationalsozialismus konzentrieren oder vielmehr die österreichische Geschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts darstellen? Auch die beteiligten Historiker fanden sich in einer schwierigen Rolle. An sich darauf getrimmt, historische Erzählungen zu dekonstruieren, sollten sie nun selbst welche konstruieren. "Wir wollen professionelle Distanz wahren, obwohl wir natürlich Teil dieser Auseinandersetzung um die Vergangenheit sind und gerade daraus auch unsere Bedeutung beziehen“, gibt der Innsbrucker Zeithistoriker Dirk Rupnow zu bedenken. Ein entsprechendes Haus müsste ein Verhandlungsraum sein, der auch zeigt, welche Konfliktfelder und verschiedenen Versionen von Vergangenheit es gibt. "Gedächtnispolitik hat immer etwas Reduktionistisches. Ist die Darstellung vielstimmig, ist sie auch schwerer zu vereinnahmen“, so Rupnow. Durch Polemiken ständig neu aufgeheizt, wurde das "Haus der Geschichte“ zu einer heißen Kartoffel, an der sich die Politik nicht (mehr) die Hände verbrennen will. Es droht die Schubladisierung. Der letzte Stand der Dinge: Das Konzept von Claudia Haas und Renate Goebl liegt seit 30. März bei der Bundesregierung, die beiden Museumsfachfrauen wurden zum Schweigen verdonnert.

Öffentliche Diskussion - Fehlanzeige. Das Konzept werde zurzeit noch "geprüft und diskutiert“, teilt das Bundeskanzleramt auf Anfrage mit: "Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage ist eine Realisierung leider derzeit zeitlich nicht absehbar.“ Wir lernen: Erinnerung lässt sich nicht von oben steuern.

Links:

ahh.univie.ac.at

www.servitengasse1938.at

www.erinnern.at

www.stolpersteine.at

www.erinnern-fuer-die-zukunft.at

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