Speicher der Erinnerung

O.H. | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Der Anthropologe Rudolf Pöch (1870-1921) gilt als eine Lichtgestalt der österreichischen Wissenschaft. Von der indigenen Bevölkerung Neuguineas machte er Film- und Tonaufnahmen, was um 1900 als revolutionär galt. Bei seiner Reise durch Südafrika (1907- 1909) hingegen bediente er sich höchst traditioneller Methoden: Bei Nacht und Nebel ließ er Gräber sogenannter Buschmänner ausheben. Seine beinerne Beute lagert noch heute im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) sowie im Anthropologischen Institut der Universität Wien.

"Wenn Objekte nicht korrekt in unsere Sammlung gelangten und dabei Rechte verletzt wurden, behalte ich mir vor, sie für Forschungen zu sperren“, stellt Maria Teschler-Nicola, die Leiterin der Anthropologischen Abteilung des NHM klar. Pöchs gestohlene Knochen werden wohl bald an Südafrika zurückgegeben. In einem ähnlichen Fall wurden im Oktober bereits Knochen von australischen Aborigenes "repatriiert“.

40.000 Schädel und andere menschliche Überreste haben sich in den letzten 130 Jahren im NHM angesammelt. Teschler- Nicola und ihre Mitarbeiter bemühen sich schon seit längerem, deren Herkunft zu klären. Nun ist dazu eine eigene Untersuchung angelaufen: eines von elf bewilligten Forschungsprojekten im Rahmen von forMuse. Dieses Programm des Wissenschaftsministeriums will gezielt die Forschung in Museen in Österreich fördern. forMuse läuft von 2009 bis 2012 und hat ein Gesamtvolumen von zwei Millionen Euro.

Im Projekt des Museums für Völkerkunde Wien (MfV) mit dem programmatischen Titel "Sharing cultural memory“ soll die Indonesien-Sammlung "Czurda“ aufgearbeitet und durch Virtualisierung über das Museum hinaus einsehbar und erforschbar gemacht werden. Dies ist nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil viele dieser Objekte heute in Indonesien nicht mehr vorhanden sind.

Es fällt auf, dass gleich mehrere for- Muse-Projekte die Geschichte der eigenen Sammlung aufarbeiten. "Arisierung“ ist dabei immer noch ein Thema. Das Technische Museum Wien untersucht die Enteignung von Kraftfahrzeugen im NS-Regime. Aber auch ältere Bestände werden nun kritisch unter die Lupe genommen, wie im NHM, oder auf ihr interkulturelles Potenzial abgeklopft, wie im MfV.

Museen werden oft als Speicher der Erinnerung bezeichnet. Ein globales Gedächtnis wird es so bald nicht geben, aber diese Speicher können nun nicht mehr für sich stehen.

www.formuse.at

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