Wählerisches Gedächtnis

Interview: Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Erinnern dient einem Zweck. Ob es mit dem übereinstimmt, was tatsächlich geschah, ist nicht entscheidend. Der Sozialpsychologe Harald Welzer interpretiert die "Verdrängung“ der Kriegsgeneration neu.

Eine andere Erinnerung. Warum hat die Kriegsgeneration von den Judenverfolgungen so wenig mitbekommen? Lügen diese Menschen? "Nein, sie erinnern sich anders“, sagt Harald Welzer. Er und seine Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen haben hunderte Zeitzeugen befragt. Sie mit Widersprüchen zu konfrontieren kam nicht infrage. "Ich will denen ja nicht das Leben schwermachen.“ Sein Interesse sei wissenschaftlicher, nicht therapeutischer Art.

In Büchern wie "Opa war kein Nazi“ hat der Sozialpsychologe herausgearbeitet, wie sehr sich das öffentliche Gedenken an die Zeit unter dem NS-Regime von dem unterscheidet, was innerhalb von Familien weitergegeben wird. Diese Widersprüche finden viele unerträglich. Ihre Antwort lautet: mehr Geschichtsunterricht, mehr Gedenkstätten. Mancher beruft sich dabei auf Welzer.

Doch so leicht lässt sich der Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Uni Witten/Herdecke nicht vereinnahmen. Der vermeintliche Kronzeuge zieht einen anderen Schluss. Für ihn hat die Beschäftigung mit der Nazizeit zumindest in Deutschland längst das sinnvolle Maß überschritten. Die "Pädagogisierung des Holocaust“, findet er, sei fehl am Platz: "Warum soll man Toleranz und Zivilcourage ausgerechnet am sprichwörtlichen Beispiel für Grausamkeit und Unmenschlichkeit einüben?“ Wie leicht sich Gehorsamsdenken oder Ausgrenzungswünsche einstellen, könne man Jugendlichen besser in Rollenspielen nahebringen.

Verschönte Geschichten. "Auf der einen Seite haben wir sechs Millionen ermordete Juden, 50 Millionen Kriegstote“, sagt der 51-Jährige. "Die andere Ebene existiert im Familienalbum, wo man sich Bilder anschaut und dazu Geschichten hört. Das sind aber Geschichten, die in einer Beziehung erzählt werden, die sind emotional grundiert.“

Damit kommt er auf eine weitere Divergenz zu sprechen - die nämlich zwischen den Erzählungen der Kriegsgeneration und der Verinnerlichung durch ihre Kinder und Enkel. "In der Familie gibt es keine Nazis, sondern immer nur gute Opas und Widerstandskämpfer. Das kommt nicht einmal von den Opas alleine. Die erzählen schlimme Geschichten, aber die werden von Generation zu Generation immer schöner.“

Welzer will es nicht Verdrängung nennen. Er findet es nicht einmal schlimm, sondern hält es für einen "Effekt funktionierender Aufklärung“: Einerseits habe man gelernt, was damals alles passiert ist, und auch die Botschaft verinnerlicht, dass das nicht wieder passieren soll. "Andererseits überschneidet es sich mit der Lebenszeit meiner Angehörigen, und ich will die Geschichte mit den Menschen in Einklang bringen“, so Welzer. "Ich kenne Opa ja nicht als Aufseher im KZ, sondern weil er mit mir Fahrrad gefahren ist, mir den Kopf gestreichelt oder Geschichten vorgelesen hat.“ Aus Sicht des Sozialpsychologen ist "die Verheldenhaftung der eigenen Angehörigen genau ein Beleg dafür, dass die Geschichtsaufklärung funktioniert.“

30 Jahre Abstand. Verdrängung ist für ihn überhaupt ein Reizwort. Er verwendet es oft - aber nur, um sich davon abzugrenzen. Welzer spricht lieber von "aktiver Aneignung und Bewältigung“. Um sich der Geschichte zu stellen, seien 30 Jahre Abstand Voraussetzung. Für die Kriege der 90er-Jahre im ehemaligen Jugoslawien sei es noch viel zu früh. In Kambodscha sei die Zeit für die Aufarbeitung der Gräueljahre der Roten Khmer jetzt reif. Die Franzosen brauchten eine Generation, um sich ihrer kolonialen Vergangenheit in Algerien zu stellen. Das Gleiche galt für die Deutschen und die Nazizeit.

Es könne sogar "heilsam sein, historisch schlimme Phasen zunächst zuzudecken“. Bei gleichzeitiger intensiver Rückschau wäre es schwer möglich gewesen, eine Demokratie wie die Bundesrepublik aufzubauen.

Beim Thema Erinnerung seien die meisten auf die Vergangenheit fixiert. Ihn interessiere dagegen viel mehr, was Erinnerung mit der Zukunft anstellt. Auch von der Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Erinnerung hält er wenig. Auf die Funktion des Erinnerns komme es an: "Der Rückgriff auf Vergangenes ist dazu da, dass wir uns in der Gegenwart orientieren. Unser Gedächtnis ist keineswegs das verlässliche Archiv, für das wir es gerne halten. Es wählt Eindrücke aus, ergänzt sie, formt sie neu, und zwar so, wie es für das Überleben in einer komplexen Welt nützlich ist.“

Rotes Tuch für Zeitzeugen. Mit solchen Aussagen hat sich Welzer nicht nur Freunde gemacht. "Ich bin ein rotes Tuch für Zeitzeugen, die im Fernsehen und sonstwo auftreten. Jemanden den Authentizitätsstatus der eigenen Lebensgeschichte abzusprechen ist nicht nett“, sagt er und zitiert eine alte Historikerregel: "Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers.“ Realitätswahrnehmung sei eben ein Selektions- und Interpretationsprozess.

Den Gedanken, dass unser Gedächtnis auch Erinnerungen importieren kann und dass man einiges, was man erlebt zu haben glaubt, gar nicht erlebt hat, hält der Leiter der Forschungsgruppe "Erinnerung und Gedächtnis“ am KWI zwar für gewöhnungsbedürftig, findet ihn aber durchaus witzig. "Erfahrungen formen sich nach Mustern, etwa nach Filmen und Büchern. Und man vertut sich leicht in den Quellen der Erinnerung.“

Anfangs fürchtete Welzer, in historischen Gefilden als Dilettant dazustehen. Stattdessen wurde er unter Historikern herumgereicht. "Qua Disziplin, und ich meine das nicht despektierlich, verstehen sie nichts von Interaktionsprozessen, also wie Menschen ihre Realität konstruieren, wie Entscheidungen und Motivationen zustande kommen. Da ist es schön, wenn jemand wie ich kommt, mit den Materialien der Historiker herumwildert und sagt, versucht es doch einmal so zu verstehen!“ Auch mit seiner Deutung, dass Nazitäter überwiegend nicht die pathologischen Unmenschen waren, zu denen sie von Historikern früherer Generationen oft erklärt wurden, traf Welzer einen Nerv.

Hin zur Hirnforschung. Selbst suchte er die Nähe einer ganz anderen Disziplin, nämlich der Hirnforschung. Er wollte wissen, wie Erinnerung auf der neuronalen Ebene funktioniert. Welzer reichte es nicht, sich in die Neurowissenschaften einzulesen. Er wollte gemeinsam forschen. So stieß er auf Hans Markowitsch. Zusammen untersuchten sie, was sich im Gehirn abspielt, wenn Probanden unterschiedlichen Alters Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend abrufen.

"Alte Menschen aktivieren ihr semantisches Gedächtnis. Da ist das Erlebte zu Wissen geworden und wird nicht mehr so stark durch neue Erfahrungen überschrieben. Das sind richtige Geschichten mit Anfang, Mittelteil und Schluss“, berichtet Welzer. Die Erzählstrukturen alter Menschen seien gewöhnlich evaluierend. Typische Formulierungen lauten: "Seitdem wusste ich …“, "Da habe ich gelernt …“, "… das war für mich prägend“. "Bei 17-Jährigen gibt es diese Bewertung nicht. Da wird nur das episodische Gedächtnis abgerufen und aus dem Erleben heraus flexibel erinnert.“

Das Gehirn ist für Welzer kein individuelles Organ, sondern "in der Entwicklung seiner neuronalen Verschaltungen ein kulturelles Produkt“. Seine Struktur bilde sich aufgrund der Umwelt, in die es hineinwächst. Das Gedächtnis betrachtet er als biosoziales System. Es arbeite assoziativ, wobei die Muster nicht feststehen, sondern vom Kontext abhängen.

Zukunft Klima. Inzwischen hat sich Welzer neuen Ufern zugewandt. Seine letzten zwei Bücher sind dem Klimawandel gewidmet. Methodisch sucht er die Nische, in seiner Themenwahl ist er Mainstream. Als Anknüpfungspunkt an seine Forschungen über Kriegserinnerungen nennt er Extremereignisse und Gewalt. Welzer rechnet damit, dass die globale Erwärmung in den nächsten Jahrzehnten extreme Eskalationen auslösen wird. Im Internet ist noch ein Buch angekündigt: "Das soziale Gehirn“. Es hätte die Quintessenz seiner Erinnerungsforschung werden sollen. Daraus werde nichts mehr, gesteht er. Harald Welzer widmet sich jetzt ganz der Zukunft.

Ausgewählte Bücher von Harald Welzer: Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg 2001 (Hamburger Edition).

Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München 2002 (C.H. Beck).

"Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt/M. 2002 (S. Fischer). (Mit Sabine Moller, Karoline Tschuggnall und Olaf Jensen.)

Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart 2005 (Klett-Cotta). (Mit Hans Markowitsch.)

(Hg.) Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis. Frankfurt/M. 2007 (S. Fischer).

Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/M. 2007 (Fischer TB).

Link: www.memory-research.de

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