"Schätze, die es zu heben gilt“

Interview: Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Wissenschaftsminister Johannes Hahn im Gespräch über die Lage der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, über Fragen der Erinnerungspolitik und sein ganz persönliches Gedächtnis.

heureka!: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage und die öffentliche Wahrnehmung der Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften in Österreich ein?

Johannes Hahn: Ich habe leider den Eindruck, dass sich die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften seit Jahrzehnten weitgehend aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen haben. Wenn wir heute über den künftigen europäischen Hochschulraum oder die Zukunft der Universitäten diskutieren, dann melden sich vor allem Leute aus den Naturwissenschaften und der Technik zu Wort, die natürlich in erster Linie ihre Positionen vertreten. Der GSKBereich deckt - je nach Definition - rund die Hälfte der Studierenden ab. Deshalb sollten seine Vertreterinnen und Vertreter auch entsprechend stark in den öffentlichen Diskussionen repräsentiert sein. Das würde ich mir verstärkt wünschen.

Woran liegt es, dass dem nicht so ist?

Es gibt im GSK-Bereich traditionell kleinere Strukturen und überhaupt eine stärkere Einzelorientierung. Dazu kommt auch noch der hohe Andrang in der Lehre, wodurch die Vertreter dieser Fächer womöglich etwas "abgelenkt“ sind. Trotzdem denke ich, das sind keine hinreichenden Erklärungen dafür, dass die Fächer im öffentlichen Bewusstsein nicht so stark präsent sind.

Was halten Sie von deren Forschungsleistungen?

Da entwickeln sich manche Dinge ganz gut - auch wenn es natürlich immer schneller gehen könnte. Bedingt durch die Aufgabenund Themenstellung gibt es grundsätzlich eine stärkere lokale, regionale oder nationale Betrachtungsweise von Problemen. Deshalb ist die Lingua Franca in vielen Fällen immer noch Deutsch, was wiederum zu einer reduzierten internationalen Sichtbarkeit führt. Aber auch da ändert sich einiges: Von den 33 besten Dissertationen, die heuer von den Unis vorgeschlagen und von uns ausgezeichnet wurden, waren bereits zwei Drittel in Englisch verfasst - und das waren nicht nur technisch-naturwissenschaftliche Dissertationen.

Wird es wieder ein eigenes Programm des Wissenschaftsministeriums für den GSK-Bereich geben wie vor Jahren jenes für die Kulturwissenschaften?

Ich bezweifle, dass ein einzelnes Programm so einen Push auslösen kann, weil das für den gesamten Sektor thematisch wohl immer zu schmal sein wird. Wir müssen aber sicher gemeinsam mit den Betroffenen diskutieren, wie wir vermehrt ein Bewusstsein dafür schaffen können, dass sie sich wieder stärker in den öffentlichen Diskurs einbringen.

Sie haben sich zuletzt sehr stark für die Archäologie eingesetzt. Ist das eine private Leidenschaft?

Nein, da habe ich einen recht rationalen Zugang. Mit den verschiedenen Akademie- Instituten, dem Österreichischen Archäologischen Institut und vor allem auch mit den Forschungen in Ephesos, wo Österreich mit Unterbrechungen seit 114 Jahren gräbt, haben wir eine tolle Leistungsbilanz aufzuweisen. Es würde mir wehtun, dieses angehäufte Kapital nicht entsprechend einzusetzen. Als Ephesos und die ganze Archäologie vor großen Herausforderungen standen, habe ich mich deshalb für sie starkgemacht. Es ist ja oft so bei Krisen, dass man am Ende stärker daraus hervorgeht. Und das hoffe ich auch im Fall der Archäologie. Darüber hinaus denke ich, dass im Windschatten der Archäologie, die ja sehr stark auf Interdisziplinarität setzt, noch angrenzende Disziplinen "mitgezogen“ werden.

Was halten Sie von gesellschaftlich relevanten Themen für mögliche GSK-Förderungsprogramme - zum Beispiel Migration oder alternde Gesellschaft -, wie das etwa der Rat für Forschung und Technologieentwicklung vorgeschlagen hat?

Grundsätzlich spricht nichts gegen solche Programme. Aber ich glaube nicht, dass sie dabei helfen, den gesamten Bereich zu pushen, weil das wiederum Themenstellungen sind, die nicht allein in den GSK-Bereich fallen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der GSK-Bereich sehr stark von Einzelpersönlichkeiten abhängt. Man denke nur an die österreichische Mittelalterforschung, die international höchst renommiert ist: Da wurde unter Herwig Wolfram so etwas wie einer Wiener Schule begründet, dann gab es den Wittgensteinpreisträger Walter Pohl, und jetzt forscht Helmut Reimitz in Princeton. Trotzdem muss man sich fragen, was man tun kann - um zum Beispiel auf eine noch internationalere Berufungspraxis hinzuwirken.

Es gibt nun immerhin forMuse, mit dem das Wissenschaftsministerium Forschung an Museen unterstützt, obwohl die eigentlich zum Unterrichtsministerium gehören. Was steckt da dahinter?

Diese Initiative wurde ausschließlich aus der Erkenntnis geboren, dass auch Museen einen Forschungsauftrag haben, den es zu fördern gilt. Das Programm forMuse wurde bereits entwickelt, als es nur ein Ressort für Bildung und Wissenschaft gab. Und es wurde trotz der Trennung der Ministerien nicht vergessen. Es liegen in den Museen unglaubliche Schätze, die es zu heben gilt. Und wenn es dann noch gelingen sollte, die zum Teil wirklich attraktiven Museumsprogramme für Kinder und Jugendliche mit Sparkling Science, dem BMWF-Forschungsprogramm für Kinder und Jugendliche sowie Wissenschaftler, zu verbinden, dann sind meiner Fantasie in Sachen Synergie keine Grenzen gesetzt.

Tut es Ihnen nicht manchmal leid, dass das Naturhistorische Museum Wien nicht ins Wissenschaftsministerium ressortiert?

Es widerspricht meinem Naturell, mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht aktuell sind. Es gibt natürlich Museen, die eine stärkere Wissenschaftsorientierung haben, und solche mit einer stärkeren Kunstorientierung. Aber ich denke, in Summe ist es klug, wenn alle Museen in einer Hand sind.

Apropos Wissenschaftsvermittlung und Jugend: Was sagen Sie dazu, dass das ORFWissensmagazin "Newton“ bei weit unter 100.000 Zusehern rangiert und es Pläne am Küniglberg gibt, Wissenschaft und Religion zusammenzulegen? Sollte sich da nicht auch die Scientific Community engagieren, damit die Wissenschaft wieder einen höheren Stellenwert bekommt?

Absolut. Ich bin ja auch im Gespräch mit den ORF-Verantwortlichen. Ich sehe aber auch, dass etwa die Wissenschaftsseiten in den Printmedien ihr Publikum und dort auch von den Chefredaktionen immer größere Unterstützung finden. Was ich in Sachen ORF jedenfalls anregen würde, weil es auch verhältnismäßig nicht viel Geld kostet, wären Wissenschaftsseiten im Teletext.

Welche Rolle können und sollen die GSK im Zusammenhang mit Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik spielen?

Gerade wenn man sich die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts in Europa ansieht, würde ich mir wünschen, dass durch die GSK eine Aufarbeitung auch in der Weise stattfindet, dass man sich in die Lage der Akteure der jeweiligen Epoche versetzt und versucht, das damals Geschehene aus der Zeit heraus zu verstehen. Dass wir heute "nur“ mit der Gnade der Spätgeborenen Entscheidungen vor 20, 60 oder 100 Jahren beurteilen, finde ich nicht in Ordnung. Die andere Frage ist aber, welche Schlussfolgerungen wir aus dem damals Geschehenen ableiten. Mir scheint, dass wir allzu sehr dazu neigen, bloß aus unserer heutigen Sicht Wertungen vorzunehmen.

Der Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel hält es für eine Schande, dass das Hauptgebäude der Universität am Dr.-Karl- Lueger-Ring steht, dessen Namensgeber ein Antisemit war. Teilen Sie diese Wertung?

Ich habe mit Eric Kandel bereits über diese Frage diskutiert. Ich teile seine Beurteilung der Rolle Luegers für die Persönlichkeitsbildung Hitlers nicht. Klar ist, dass Lueger ein Populist war. Solche Fragen stellen sich auch für Leute wie den Medizinnobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg, der der Eugenik das Wort geredet hat, oder den sozialdemokratischen Stadtrat in den 20er-Jahren ...

Julius Tandler.

Ja, Julius Tandler, richtig.

Wie sieht es mit Ihrem ganz persönlichen Gedächtnis aus? Merken Sie sich Dinge leicht? Vergessen Sie schnell?

Ich habe jedenfalls ein sehr gutes Kurzzeitgedächtnis. Wenn ich mich am Abend für den nächsten Tag vorbereite, dann habe ich die ganzen Unterlagen 24 Stunden im Kopf. Ich neige aber dazu, viele Details aus meinem Leben zu vergessen, weil ich ein vorwärtsorientierter Mensch bin.

Inwiefern?

Ein Beispiel: Ich hatte 1979 meine erste Krebsoperationen, und das war zweifellos etwas sehr Einschneidendes in meinem Leben. Wenn man mich heute fragt, wann genau diese Operationen waren, könnte ich nur sagen, dass das damals im August war. Sonst erinnere ich mich an keine Details. Ich würde nicht sagen, dass das eine Gedächtnisschwäche ist. Das ist eben meine habituelle Art des Erinnerns.

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