Wo sind die Schlüssel?

Aufgezeichnet von Mark Hammer | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Bilder, Gefühle, Listen, Häuser, Handys. Fünf Gedächtnisforscher über ihre Gedächtnisprobleme und wie sie diese mnemotechnisch lösen.

Wie einst Simonides. Mein Gedächtnis ist brauchbar für meine Tätigkeiten; ich bin damit zufrieden. Es könnte natürlich noch besser sein: Denn ein gutes Gedächtnis spart Zeit. Vergessen war mir zum Beispiel unangenehm, als ich mir zu Beginn meiner Ausbildungszeit den Namen des verantwortlichen Arztes nicht korrekt merkte.

Ich vergesse oft Informationen, die mich nicht besonders interessieren: Inhalte, die keinen Nachteil bewirken, wenn ich sie vergesse, und keinen Vorteil, wenn ich sie behalte. Es geht dabei auch um Dinge, die andere von mir wollen. Viele Botschaften sind emotional verankert: Diese lassen sich so rascher und präziser abrufen. Bei Strafanzeigen oder Steuervorschreibungen hat man zum Beispiel einen negativ emotionalen Anker und vergisst kaum aufs Einzahlen.

Ich stelle mir Einflussfaktoren auf Themen räumlich vor, zum Beispiel wenn ich über Zusammenhänge zwischen Gedächtnisleistungen, Schulbildung, Musik, Ernährung und Lebensstil frei sprechen müsste. Man kann sich die einzelnen Bereiche links, rechts, oben und unten vorstellen und so einen optischen Spannungsraum aufbauen. Man kann somit leichter auf abstrakte Themen "visuellräumlich konkret“ zurückgreifen. Diese Mnemotechnik geht auf den griechischen Dichter Simonides von Keos zurück. Er sang für einen Fürsten und wurde während des Festmahls aus dem Schlosssaal gerufen. Das Dach stürzte in seiner Abwesenheit ein, und alle Festgäste waren tot. Die Angehörigen wollten ihre Opfer bestatten, konnten sie aber nicht identifizieren. Simonides half ihnen, denn er erinnerte sich an die Sitzordnung der Gäste.

Probleme in der Praxis. Als Historiker ist man Teil des institutionalisierten Gedächtnisses von Gesellschaften. Man konstruiert Gedächtnisorte, liefert Legitimationszusammenhänge oder dekonstruiert diese. Das eigene Gedächtnis ist in unserem Beruf dabei eine unverzichtbare Stütze. Wir haben zwar Archive und Bibliotheken, aber eigene funktionierende Speicher sind die Basis.

Ich arbeite im Regelfall chaotisch, mein Schreibtisch gleicht einem Schlachtfeld. Das kommt aus meiner vormodernen Arbeitsweise: ein karierter Schreibblock pro Arbeitsvorhaben, Bleistift, Kugelschreiber oder Füller, und die Arbeiten erst im Kopf strukturieren, eventuell mit wenigen Notizen. Geschrieben wird in einem Zug mit der Hand, und meine großartige Sekretärin, die meine Handschrift besser lesen kann als ich, überträgt den Text auf den PC, auf dem ich dann eventuell kürze oder ergänze.

Gespeichert ist dort für mich wenig: die Mails, die bei mir nicht in Ordnern abgelegt, sondern nach sechs Monaten gelöscht werden, aber keine Entwürfe, Dokumente, Gedächtnisstützen. Da funktioniert mein Kopf mit einem Gedächtnis, das meine Umwelt (und mich selbst) oft ängstigt, da jede Unnotwendigkeit abgespeichert ist. Dafür lässt es in praktischen Dingen aus: Wo sind die Schlüssel, wo ist die Brille? Da nützt es nichts, dass sich die gesammelten klassischen Balladen, Shakespeare, Heine oder die von mir selbst geschriebenen Texte im Gedächtnis festgekrallt haben, wenn man nicht weiß, ob man zuhause auch abgeschlossen hat.

Gedächtnistraining mit Handys. Es ist wichtig, nicht nur Wissen zu haben, sondern zu wissen, wo man etwas findet. Bei einer Tagung hat mich einmal ein Kollege im Laufe meines Vortrags nach einer Literaturangabe gefragt, und ich konnte sie nicht nennen. Wenn man nicht sofort den Zugriff darauf hat, kann das ziemlich unangenehm sein. Mein Gedächtnis ist sehr gut, aber ich habe ein Problem, mir Namen zu merken. Ich helfe mir durch Bilder zu Personen, die den Zugang zum Namen erleichtern. Das sind bestimmte Charakteristika, zum Beispiel ein besonderer Bart. Es gibt neue Möglichkeiten, an Wissen heranzukommen, und es gibt immer mehr Wissen, das man abfragen kann. Die Selektion von Wissen und von wichtigen Inhalten ist für mich wichtiger als früher, um das Gedächtnis nicht mit unnötigen Dingen zu überfordern.

Meine Arbeit mit Demenzpatienten und den Tests, die ich entwickle, hilft mir sehr. Ich muss dann aus den eigenen Denkmustern aussteigen und trainiere spezifisch die Flexibilität des Denkens, die ab dem 30. oder 40. Lebensjahr abnimmt.

Ich integriere auch in mein Leben, was Studien zeigen: dass aktive Menschen, die Flexibilität in ihr Leben bringen, geistig fitter altern. Ich habe mir bewusst zwei Handys gekauft, die nach unterschiedlichen Mustern funktionieren. So muss ich immer umdenken. Ich versuche, Herausforderungen, die das Leben bietet, nicht im Automatismus anzugehen, sondern mit neuen kreativen Lösungen.

Erinnern mit Gefühl. Zur mnemotechnischen Bewältigung des Alltags führt für mich kein Weg vorbei an Listen. Mit Papier und Kugelschreiber organisiere ich fast mein ganzes Leben in "to-do-lists“, "tocall/ email-lists“ und "not-to-forget-lists“. Das bezieht sich auf wissenschaftliche Projekte genauso wie auf Lebensmittel. Sind die Dinge einmal schriftlich festgehalten, ist der Kopf frei, und man kann ihn ganz entspannt zum Denken verwenden.

Während meiner Studienzeit war ich so darauf programmiert, mir Dinge zu merken, dass ich fast keinen Text lesen konnte, ohne den Inhalt sofort zu speichern. Ein paar Jahre später hat sich das wieder normalisiert. Ich habe zwar noch immer ein recht gutes Gedächtnis, aber vergesse gerne gelesene oder gehörte Alltagsbanalitäten und versuche so, meine Kapazitäten für Relevanteres aufzusparen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zielführender ist, komplexe Informationen in einen erfassbaren Kontext einzuordnen, als bloße Fakten zu memorieren. Einmal verstandene Konzepte bleiben so beinahe von selbst im Gedächtnis. Detailinformationen gehen verloren, aber die sind bei Bedarf nachlesbar.

Um Fachliches, aber auch um Dinge des Alltags zu erinnern, versehe ich sie oft mit einer gewissen Gefühlsnote. Wenn man etwas spannend, lustig oder traurig findet, merkt man sich das besser als nackte Tatsachen. Durch diesen Trick gibt man der Information ein weiteres Kriterium, um eine bestimmte Begebenheit, Namen oder Fakten zu rekonstruieren.

Hektik macht vergesslich. Früher habe ich bevorzugt mit einem Zettelkasten gearbeitet. Heute ist der komplett verschwunden. Früher wurde mehr ausgedruckt, jetzt versucht man, Sachen elektronisch abzulegen. Es gibt aber keine gut aufgesetzten Datenbanken, in denen man mit Stichworten Dinge schnell wiederfinden könnte. Wenn man Fehler beim Ablegen macht, gehen Sachen verloren. Dieses Problem hatte man aber auch beim Zettelkasten.

Mein Gedächtnis funktioniert leider sehr selektiv: Das fotografische und Namensgedächtnis ist gut trainiert, im Gegensatz zu dem für Ereignisse oder Dinge, die man sich episodisch merkt. Das liegt an meinem Beruf als Forscher, bei dem man immer mehrere Sachen gleichzeitig machen muss. Man wird auch ständig rausgerissen aus einer Tätigkeit, abgelenkt durch kurzfristige Anfragen, Notfälle, aber auch unangemeldete Gäste und Leute, die sich nicht an Terminabsprachen halten. Man kann von Montag bis Freitag kaum seinen eigenen Zeitplan selbst bestimmen. Dann passieren Fehler, und ich kann mir manche Dinge nicht so einprägen, wie ich gerne möchte. Mein Kurzzeitgedächtnis ist durch das Multitasking immer stark beansprucht, sodass ich oft andere Dinge kurzfristig vergesse. In der Hektik oder im spontanen Ändern von Plänen kann man sich oft nicht so organisieren, wie man gerne möchte, und lässt Dinge liegen: Unterlagen, Schlüssel, Uhr. Besonders bedauere ich, nicht mehr Zeit zum Denken bzw. zum Planen von Experimenten zu haben.

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