Vergessene Forscher

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Der eigenen Zeit voraus, schlecht vernetzt, politisch unliebsam, das falsche Geschlecht. Es gibt viele Gründe, als Wissenschaftler vergessen zu werden. An manche erinnert man sich wieder. Eine kleine Auswahl.

Schon das ganze Jahr feiern wir Charles Darwin. Der Co-Entdecker der Evolutionstheorie durch natürliche Selektion, Alfred Russel Wallace (1823-1913), wird dabei bestenfalls beiläufig erwähnt. Dabei kam der britische Naturforscher durch eigene jahrelange Forschungen zur Tierwelt des Amazonas und Südostasiens auf eine fast identische Erklärung für die Transformation der Arten. In manchen Punkten war Wallace Darwin gar voraus: Er betonte etwa den Einfluss der menschlichen Kultur auf den Verlauf der Evolution.

Warum blieb Wallace dennoch völlig im Schatten Darwins? Er vermarktete sich viel zu wenig, benutzte etwa selbst den Begriff "Darwinismus“ und war - nicht zuletzt aufgrund seiner Herkunft aus wenig begütertem Hause - viel schlechter vernetzt als Darwin. Schwerer wog wohl noch seine Nähe zum Spiritismus - der menschliche Geist konnte für Wallace kein Produkt der Evolution sein. Dies beschädigte seine wissenschaftliche Reputation nachhaltig.

Auch der mährische Augustinermönch Gregor Mendel (1822-1884) war nur mäßig vernetzt und international unbekannt. Brünn war nicht London, das Kloster keine Akademie. 1865 publizierte er seine Kreuzungsversuche mit Erbsen und schuf somit die Grundlagen für das Verständnis der Vererbung. Es gab distinkte Einheiten, an die bestimmte Merkmale gebunden waren. Mendel knackte damit genau jene Nuss, an der sich Darwin und Co die Zähne ausgebissen hatten. Mendel, der heute als Vater der Genetik gilt, kam zu früh, seine Gesetze wurden erst im Jahre 1900 wiederentdeckt, immerhin gleich dreifach. Treppenwitz der Geschichte: Genau zu der Zeit war Darwins Version der Evolutionstheorie zwar nicht vergessen, dafür aber ziemlich out.

In war dagegen der deutsche Zoologe Richard Semon (1859-1918). Er suchte zu zeigen, dass das Individuum Erfahrungen nicht nur im Gehirn, sondern auch in den Körperzellen speichere. Werden diese nur "tief “ genug eingeschrieben, können sie auch vererbt werden, meinte der Neo- Lamarckist Semon. Sein "Mneme-Konzept“ erinnert frappant an die von Richard Dawkins 1976 in seinem Bestseller "The Selfish Gene“ entwickelte Idee der "Meme“ - ohne auf Semon zu verweisen. Ausgerechnet als Gedächtnisforscher vergessen zu werden ist schon eine bittere Ironie des Schicksals, bemerkt die Berliner Wissenschaftshistorikerin Veronika Lipphardt. Der Grund dafür war aber wohl ein sehr unwissenschaftlicher: Weil Semon eine Affäre mit der Frau eines Kollegen in Jena hatte und diese für ihn auch noch ihre drei Kinder verließ, wurden beide gesellschaftlich geächtet. Semon setzte seinem Leben selbst ein Ende - angeblich eingehüllt in eine Deutschlandfahne angesichts der Schmach der deutschen Niederlage von 1918.

Auch Paul Kammerer (1880-1926) war Neo-Lamarckist und schied freiwillig aus dem Leben. Kurz zuvor hatte ihn die New York Times noch zum "Darwin des 20. Jahrhunderts“ gekürt. Mit seinen Versuchen an Geburtshelferkröten wollte der österreichische Biologe die Vererbung erworbener Eigenschaften nachweisen. Ominöse Tintenflecken auf dem letzten Beweisexemplar trugen ihm aber den Vorwurf des Betrugs ein.

In der Sowjetunion wurde Kammerer auch noch nach seinem Selbstmord heldenhaft verehrt - was sein posthumes Vergessen im Westen eher noch beförderte: 1954 wurde in Science sogar davor gewarnt, Arbeiten wie die Kammerers zu zitieren, da sie auf Fälschungen beruhten. Heutzutage wird der Wiener gleichwohl wieder fleißig zitiert - als eigentlicher Begründer der Epigenetik, die eine mögliche Vererbung erworbener Eigenschaften molekularbiologisch erklären kann.

Die Gründe für das Vergessen von Wissenschaftlern sind vielfältig. Der sicherste Weg in den Schatten ist, eine Frau zu sein. Mit den ignorierten, verniedlichten oder mehr oder weniger klammheimlich für Männer deklarierten Leistungen von Wissenschaftlerinnen könnte man Bände füllen. Freilich, viele Forscherinnen wurden dank der feministischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung wieder zurück ins Gedächtnis geholt: Die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner (1878-1968) etwa ist längst keine Unbekannte mehr, ebenso wenig wie die britische Biochemikerin Rosalind Franklin (1920-1958) und ihr zentraler Beitrag für die Entschlüsselung der DNAStruktur, der Doppelhelix.

Franklin starb früh an Krebs - ebenso wie Nettie Stevens (1861-1912). Die US-amerikanische Biologin spielte eine wichtige Rolle in der sogenannten New York School of Genetics Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit den Forschungen an Fruchtfliegen wurden hier die Grundlagen der modernen Chromosomentheorie gelegt. Und es war Stevens, die als Erste erkannte, dass die Geschlechtschromosomen der Weibchen im Unterschied zu jenen der Männchen gleich sind, eben das, was wir heute als XX bzw. XY bezeichnen. Ihr Boss Thomas Hunt Morgan charakterisierte sie in seinem Nachruf in Science fieserweise als eine lediglich geschickte Experimentatorin. In seinen Empfehlungsschreiben hatte er noch ihre Unabhängigkeit und Originalität im Denken herausgestrichen.

Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise waren wohl verantwortlich dafür, dass Eduard Brückner (1863- 1927) weitgehend vergessen wurde. Der deutsche Meteorologe und Geograf war Professor und Rektor an der Universität Wien - und prognostizierte 1890 als Erster einen bevorstehenden Klimawandel, der auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sei, unter anderem die Abholzungen von Wäldern. Brückner verwies auch bereits auf drohende gesellschaftliche Folgen des Klimawandels und versuchte durch zahlreiche Vorträge die Öffentlichkeit auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Doch nach Brückner setzte sich für viele Jahrzehnte wieder die Ansicht durch, dass Klima etwas Statisches sei.

Immer wieder gerät Wissen in Vergessenheit. Bereits 1939 konnte der Kölner Mediziner Franz Hermann Müller (1914-?) durch detaillierte pathologische Fallstudien erstmals den kausalen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs epidemiologisch untermauern (mithilfe einer "gesunden“ Kontrollgruppe). Wer an Lungenkrebs verstarb, war mit einer sechsmal höheren Wahrscheinlichkeit starker Raucher.

Für den US-Historiker Robert Proctor gehört Müller zu den enigmatischsten Figuren der Medizingeschichte, es gibt keine Spuren von ihm nach 1945, möglicherweise ist er im Krieg gefallen. Müller war NSDAP-Mitglied, verwendet aber keine Nazi-Rhetorik in seinen Arbeiten. Müllers Einsicht, dass Tabakkonsum nicht nur ein Faktor, sondern die mit Abstand wichtigste Ursache für Lungenkrebs ist, wurde erst in den 1960er-Jahren wieder erreicht. Diese Nicht-Rezeption ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die medizinische Forschung im Dritten Reich grundsätzlich unter Ideologieverdacht stand.

Mary Wortley Montagu (1689-1762) gelangte als Frau eines britischen Diplomaten 1717 ins Osmanische Reich. Dort beobachtete sie, wie Frauen ihre Kinder absichtlich mit dem Inhalt einer Pockenpustel infizierten - und dadurch immunisierten, wie wir heute sagen würden. Die Pocken waren um 1700 wohl die größte Geißel der Menschheit mit Millionen von Opfern. Wer sie überlebte, war oft durch Pockennarben im Gesicht entstellt, so auch Montagu selbst.

Nach ihrer Rückkehr nach England impfte sie ihr eigenes Kind und konnte immerhin das Königshaus dazu bringen, dass sie ihre Kinder "inokulieren“ ließen, wie man damals sagte - zum Entsetzen der männlichen Mediziner. Deren Vorbehalte gegen die Inokulation hatten freilich nicht nur mit Montagus Frausein zu tun. Sich selbst zu infizieren schien höchst gefährlich, auch hatte man wenig Vertrauen in eine "türkische“ Therapie. Als Sieger über die Pocken gilt heute aber nicht Montagu, sondern der englische Arzt Edward Jenner, der um 1800 die Impfung mit Kuhpocken einführte.

Eine Möglichkeit, dem Vergessen zu entgehen - beliebt vor allem bei Chemikern und Physikern -, besteht darin, den eigenen Namen mit einem Element, Gesetz oder einer Einheit zu verewigen. Wobei der Name freilich zur bloßen Hülle wird, die Person selbst wird in der Regel vergessen. Oder wer weiß schon, dass Anders Celsius (1701-1744) ein schwedischer Astronom und Daniel Gabriel Fahrenheit (1686- 1736) ein deutscher Glasbläser war.

Ada Augusta Lovelace (1815-1852) war nicht nur die Tochter des englischen Dichterfürsten Lord Byron, sondern auch eine gelinde gesagt höchst begabte Mathematikerin. Mit Charles Babbage tüftelte sie schon als 18-Jährige an den theoretischen Grundlagen einer Rechenmaschine. Babbage nannte Lovelace die "Zauberin der Zahlen“. Nach zwölf Jahren beendet er aber die Zusammenarbeit - mit einer Frau, das ginge nicht. Heute gilt Babbage als der Großvater des Computers. Punkto Nachruhm ist anzumerken, dass zumindest eine Programmiersprache nach Lovelace benannt worden ist: Ada.

Weitere (zwischenzeitlich) vergessene Forscher finden Sie unter www.heurekablog.at

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