Umstellt von Erinnerungen

Ulrike Fell | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Sie können sich alles merken - und nichts vergessen. Personen mit einem perfekten Gedächtnis wie Jill Price (Foto) werden für die Wissenschaft zum begehrten Studienobjekt, um die Mechanismen der Erinnerung zu entschlüsseln.

Gefangen im Gedächtnis. Die Frau lebt zwischen Himmel und Hölle: Seit sie 14 Jahre alt ist, hat sie ein nahezu perfektes autobiografisches Gedächtnis. Alles, was ihr widerfährt, meißelt sich unwiderruflich in ihre Erinnerung: jeder liebevolle Satz, aber auch jeder Streit, jedes Lachen, aber auch jede Verzweiflung, jeder Erfolg, aber auch jeder Fehler. 30 Jahre ihres Lebens kann die heute 43-jährige US-Amerikanerin Jill Price heute Tag für Tag rekonstruieren: Sie weiß, auf welchen Wochentag ein beliebiges Datum fiel, welche Kleidung sie an dem Tag trug, mit wem sie gesprochen hat und, soweit sie davon hörte, was in der Welt passierte.

"Ich lebe mit einer endlosen Parade vergangener Tage, die unaufhaltsam in einer wirren Bilderflut vor meinem geistigen Auge vorüberziehen“, schreibt Jill Price in ihrem Buch "Die Frau, die nichts vergessen kann“, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Zeitweise glaubt sie, verrückt zu werden. Sie fühlt sich "wie eine Gefangene ihres Gedächtnisses“. Die allzeit lebendige Vergangenheit hindert sie daran, sich im alltäglichen Leben zurechtzufinden.

Endlose Zahlenreihen. Fälle herausragender Gedächtnisleistungen hat es in der Medizingeschichte immer wieder gegeben. Solomon Shereshevsky etwa, ein Journalist, dessen Lebens- und Leidensgeschichte der 1977 verstorbene russische Neuropsychologe Aleksandr R. Lurija beschrieb. Der Mann konnte sich alles merken, memorierte problemlos ellenlange Reihen von Zahlen, Wörtern oder Lauten. Er behalf sich, indem er Fakten in Form von Bildergeschichten abspeicherte. Doch auch seine Gabe hatte ihren Preis: Er konnte nicht abstrahieren, Metaphern waren ihm fremd.

"Ein perfektes Gedächtnis zu haben scheint eher ungut zu sein“, meint der Gedächtnisforscher und Medizinnobelpreisträger Eric Kandel gegenüber heureka!. "Diese Leute leiden wohl darunter, dass sich ihr Gehirn mit unglaublich viel entbehrlichem Zeug anfüllt.“

Unfähig zu abstrahieren. Die Bürde des Erinnerns haben auch zahlreiche Literaten thematisiert, so etwa der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seiner Erzählung "Das unerbittliche Gedächtnis“. Der Held, Ireneo Funes, ist nach einer Kopfverletzung mit der Unfähigkeit zu vergessen gestraft. "Mein Gedächtnis, Herr, ist wie eine Abfalltonne“, klagt er. Auch Funes verinnerlicht die belanglosesten Sinneseindrücke, auch ihm fehlt die Fähigkeit zur Abstraktion: Er kann nicht begreifen, wie ein und derselbe Begriff verschiedene Dinge bezeichnen kann.

Es stört ihn beispielsweise, dass ein Hund im Profil besehen denselben Namen führt wie der Hund in Vorderansicht. "Ich vermute, dass er zum Denken nicht sehr begabt war. Denken heißt Unterschiede vergessen“, schreibt der Erzähler. Doch Funes erstickt schier an der Fülle der Ereignisse und Sinneseindrücke. "Seine Gegenwart war fast unerträglich reich und klar, und ebenso seine frühesten und beiläufigsten Erinnerungen.“

Hyperthymestisches Syndrom. Auch Jill Price leidet unter ihrem Gedächtnis. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich vor einigen Jahren an James McGaugh von der University of California in Irvine. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern untersuchte der Neurobiologe die Frau gründlich. Sie unterzogen Price neuropsychologischen Tests, ließen sie Fragebögen beantworten, führten unzählige Gespräche: 2006 erschien ihre Studie im Fachjournal Neurocase. Bald wurde ihre Identität in der Öffentlichkeit bekannt, es folgte ein regelrechter Medienhype. Jill Price trat in Fernsehshows auf, gab Interviews - und wurde so etwas wie berühmt.

Ihre "Entdecker“ glauben, dass es sich um einen Fall außergewöhnlichen Erinnerungsvermögens handelt, der in der Medizin bislang unbekannt war. Der Befund bekommt einen eigenen Namen verpasst: "hyperthymestisches Syndrom“, medizinergriechisch für "außergewöhnliches Gedächtnis“. Bald werden noch vier weitere Fälle bekannt. Einer von ihnen ist der Radiomoderator Brad Williams, der in seinem Umfeld als lebende Enzyklopädie gilt - angeblich kann er es sogar mit Wikipedia aufnehmen.

Ego-Erinnerung. Price's Stärke ist nicht das trockene Faktenwissen: "Genau genommen bin ich eine totale Niete, wenn es ums Auswendiglernen geht“, sagt die Frau, die nichts vergessen kann - von sich selbst. Darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von Shereshevsky oder anderen Gedächtniskünstlern. Bei Price ranken sich die Erinnerungen stets um Selbsterlebtes: Dass etwa Grace Kelly am 14. September 1982 starb, kann sie sich merken, weil sie an jenem Tag in die 12. Klasse kam. Ähnlich ist es bei Brad Williams. Auch bei ihm sind abgespeicherte Daten, Orte und Bilder eng mit der Erinnerung an persönliche Erlebnisse verwoben.

Neurobiologisch betrachtet sind Erinnerungen nichts anderes als komplexe Verschaltungen zwischen Nervenzellen im Gehirn. Die Schaltstation, in der alle "Adressen“ für die weitverzweigten Erinnerungen hinterlegt sind, ist der Hippocampus. Hier werden Kurzzeiterinnerungen ins Langzeitgedächtnis geschleust. Was dort schließlich ankommt, wird beim gesunden Menschen stark gefiltert. Nur "Erinnerungswertes“ bleibt im Filter haften, Belangloses wird vergessen.

Defekter Filter. Dieser Filtermechanismus kann defekt sein - das ist bei sogenannten Inselbegabten der Fall. "Savants“ wie der durch den Hollywoodstreifen "Rain Man“ prominent gewordene Kim Peek können den Inhalt tausender Bücher auswendig herunterbeten, endlose Wort- oder Zahlenfolgen abspeichern. Ansonsten sind die Hirnakrobaten oft hilfsbedürftig oder gar behindert.

"Eine Spekulation lautet, dass Savants eine andere Form des Wissenszugriffs besitzen als wir“, erläutert der Salzburger Psychologe Wolfgang Klimesch (s. auch Interview S. 22). Normalerweise ruft das menschliche Gehirn nur einen Bruchteil der im Unterbewusstsein abgespeicherten Informationen ab. "Savants greifen hier womöglich viel ungehemmter zu“, so Klimesch. Damit sind sie in der Lage, enormes Wissen anzuhäufen. Der Nachteil: "Sie können damit nicht so konstruktiv umgehen wie wir.“

Dass ein Zuviel an Erinnerung eher hinderlich ist, weiß man inzwischen auch durch Tierversuche. Gentechnisch manipulierte, "smarte“ Mäuse, die über gesteigertes Erinnerungsvermögen verfügen, scheitern oft an den simpelsten Aufgaben. "Es ist, als ob sie sich an zu viel erinnern“, befand jüngst Alcino Silva, Neurowissenschaftler aus Los Angeles, in Nature (Bd. 461, S. 862). Solche Beobachtungen sollten jenen zu denken geben, die davon träumen, Jugendlichen und Erwachsenen mit gedächtnisfördernden Wundermitteln zu mentalen Höchstleistungen zu verhelfen.

Gnade des Vergessens. Eine gehörige Portion Vergesslichkeit scheint dem Menschen nämlich gutzutun: "Das Vergessen dient dazu, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann, damit das Gehirn nicht überladen wird“, erklärt Hans Markowitsch, Hirnforscher an der Universität Bielefeld. Überflüssiges und auch Belastendes wird daher normalerweise ins Unterbewusstsein verfrachtet, der Abruf wird gehemmt. "Bei Menschen mit perfektem Gedächtnis funktionieren diese Hemmprozesse nicht“, sagt Markowitsch.

Was passiert, wenn der Schutzmechanismus des Vergessens versagt, lässt sich auch bei Traumapatienten beobachten, bei denen die quälenden Erinnerungen plötzlich in gesteigerter Form wieder hervorkommen. Oft genügen geringste Auslöser, etwa ein charakteristischer Geruch oder ein Geräusch, um beim traumatisierten Menschen den Mantel des Vergessens aufbrechen zu lassen. Im Gehirn brennt gewissermaßen die neuronale Sicherung durch.

Während es bei Traumapatienten starke Emotionen sind, die das Vergessen unmöglich machen, sind es bei Price und Konsorten die banalsten Dinge, um die sich das Rad der Erinnerung ohne Unterlass dreht. Die Beobachtung steht im Widerspruch zu einem zentralen Dogma der Hirnforschung: dass nämlich das Gedächtnis Erinnerungen umso detailgetreuer und langfristiger abspeichert, je stärker sie mit Gefühlen verknüpft sind.

Angeboren oder erworben? Die "Hyperthymestiker“ scheinen unfähig zu sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Warum das so ist, wollen Mc- Gaugh und sein Team enträtseln. Erste Hinweise haben die Gedächtnisforscher bereits gefunden: "Wir haben von unseren Probanden strukturelle Kernspinaufnahmen gemacht“, sagt McGaugh. "Dabei haben wir herausgefunden, dass bei ihnen mehrere Regionen im Gehirn im Vergleich zur Kontrollgruppe vergrößert sind.“ Bald schon will er die Ergebnisse publizieren, weitere Details will er noch nicht preisgeben.

Was auch immer dabei herauskommt: Es bleibt die Frage, ob solche Besonderheiten genetisch bedingt oder erworben sind; tatsächlich müssen mögliche strukturelle Anomalien in Price's oder Williams' Superhirn nicht angeboren sein. Sie könnten auch erst durch hartnäckiges "Üben“, permanentes Rückbesinnen erworben worden sein - eine These, die etwa der US-Psychologe Anders Ericsson von der Florida State University vertritt.

Zwang zum Erinnern. Eine wichtige Rolle spielt bei Hyperthymestikern offenbar ihr obsessiver Charakter: "Alle unsere Probanden verhalten sich sehr zwanghaft“, berichtet McGaugh. "Sie sammeln Dinge und haben Angst vor Keimen.“ Auch Price hortet Zeug aller Art, seien es nun Plüschtiere, Videokassetten, Tagebuchnotizen (sie kommt auf sage und schreibe 50.000 Seiten) oder eben Erinnerungen an Daten und Ereignisse. "Price hat kein universelles Gedächtnis“, urteilt Hirnforscher Markowitsch, "sie hat sich zwanghaft akribisch um ihr Persönliches gekümmert und das zu einem Maximum getrieben.“

Jederzeit alle Details abrufbereit zu haben bleibt dennoch eine beeindruckende Leistung. Ihr Talent würde Price bei allem Schmerz, den es ihr gebracht hat, jedenfalls nicht hergeben wollen: "Das schönste Geschenk wäre, wenn die Erforschung meines Gedächtnisses dazu beitragen könnte, einem anderen Menschen zu helfen, und sei es nur ein kleines bisschen.“

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