Digitales Ersatzgedächtnis

U.F. | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Selbstüberwachung. Das eigene Leben in allen Details jederzeit abrufbar zu haben - was für Jill Price eine Bürde ist und für Normalbürger eine Utopie - ist für Gordon Bell bereits digitale Wirklichkeit. Der 75-jährige Computerpionier spielt freiwillig "Versuchskaninchen“ in einem Forschungsprojekt von Microsoft. Es heißt MyLifeBits und verfolgt das Ziel, ein perfektes digitales Ersatzgedächtnis zu entwickeln. Auf seinem Computer archiviert Gordon Bell alles, was er macht, liest, sagt oder schreibt. Um den Hals trägt er eine kleine sensorbestückte Kamera, die SenseCam, die automatisch Bilder knipst; per GPS wird sein Aufenthaltsort protokolliert, er dokumentiert jede Mahlzeit, jedes Unwohlsein, jedes Glücksgefühl.

Die selbsterwählte Totalüberwachung begann 1998, als Bell beschloss, jeden papierenen Ballast, der sich in seinen Schubladen und Regalen staute, aus seinem Leben zu verbannen. Zunächst ließ er sämtliche Bücher, gelesene Artikel, Fotos, Briefe und Notizzettel einscannen und abspeichern. Kein Detail entging seiner Archivierungswut, jedes Kaffeetassendesign, jeder TShirt- Aufdruck wurde für die Ewigkeit auf Silizium gebannt. Inzwischen umfasst sein digitales Archiv über 50.000 Fotos, mehr als 200.000 Webseiten, über 150.000 EMails und mehr als 2000 Telefongespräche, ganz zu schweigen von den zigtausend Bildern, die seine allgegenwärtige Spezialkamera ständig schießt.

Produktentwicklung. Doch MyLifeBits sammelt die Daten nicht nur. Wichtiger noch ist die Software, die Ordnung in das Datenwirrwarr bringen soll. Diese wurde von dem Computerguru Jim Gemmell und seinem Team entwickelt. Das digitale Archiv muss sich nicht nur schnell durchsuchen lassen, es muss auch sicher sein. Gordon Bell selbst scheinen mögliche Risiken nicht groß zu kümmern. Datenschützer dürften sich indes die Haare raufen.

Dabei ist das, was Gordon Bell im Extrem betreibt, in abgeschwächter Form für viele längst schon digitaler Alltag: In Blogs, auf Facebook und Twitter protokollieren sie ständig, was in ihrem Leben passiert und was sie denken. Kameras und Camcorder verewigen vergängliche Momente. Ob Gordon Bells gläserne Welt insofern einen Vorgeschmack auf eine Zukunft ohne Vergessen gibt, sei einmal dahingestellt. Nischenanwendungen gibt es für die Technologie schon heute: So wurde die SenseCam bereits an Patienten mit Gedächtnisstörungen getestet. Sie soll ihnen dabei helfen, ihren Tag in Bildern zu rekapitulieren. Im Winter will die britische Firma Vicon die Kamera auf den Markt bringen.

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