Das Netz vergisst nicht

Ingrid Brodnig | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Das ewige Gedächtnis des Internets ist zum Problem geworden. Es fehlt eine Delete-Taste.

LSD-Fund bei Google. Andrew Feldmar hatte wirklich Pech an jenem Sommertag, als er seinen Freund vom Flughafen in Seattle abholen wollte. Der 66-jährige Kanadier musste dafür - wie hunderte Male zuvor - in die USA einreisen. Doch an diesem Tag googelte an der Grenze ein Beamter seinen Namen und fand einen Artikel aus einem Fachmagazin.

Darin hatte Feldmar, der Psychotherapeut in Vancouver ist, über seine Experimente mit LSD in den 60er-Jahren geschrieben. Die Folge: Feldmar wurde an der Grenze verhört, und heute noch, drei Jahre später, darf er nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. All das wegen einer Google-Suche.

Doch das Suchmaschinen-Imperium ist längst nicht die einzige Datenkrake, die Informationen über uns anhäuft und nur ungern löscht. Im Frühjahr änderte Facebook seine Geschäftsbedingungen. Die Social- Networking-Seite wollte sich das Recht einräumen, sämtliche Daten ihrer User auf ewig zu besitzen. Konsumentenschützer, Internetcommunity und herkömmliche Medien schrien auf, das Unternehmen ruderte zurück.

Online für die Ewigkeit. Wissenschaftliche Aufsätze, private Urlaubsfotos, Rülpser in Onlineforen - wir speisen Unmengen an Informationen ins Web, ohne uns Gedanken darüber zu machen, wie lange diese Daten online bleiben. "Das permanente Erinnern kann zum Problem werden, wenn man Menschen etwas zum Vorwurf macht, das 40 Jahre her ist“, sagt Viktor Mayer- Schönberger. Der gebürtige Österreicher hat an der Harvard University Internetpolitik gelehrt, leitet nun das Information & Innovation Policy Research Center an der Universität Singapur. Kürzlich hat er das Buch "Delete - The Virtue of Forgetting in the Digital Age“ veröffentlicht. Mayer- Schönbergers Anliegen lautet: "Wir müssen uns wieder ans Vergessen erinnern.“

Vor dem Informationszeitalter erodierte unsere Erinnerung: Das Gedächtnis nahm ab, Papier vergilbte, und selbst die Audiokassette krächzte mit der Zeit immer mehr. Die Computer kennen dieses Problem nicht. Festplatten werden größer, Informationen lassen sich ohne Qualitätsverlust kopieren. Wir haben dafür gesorgt, dass bloß keine Daten mehr verlorengehen. Nun stellt sich die Frage: Müssen wir uns wirklich an alles für alle Ewigkeit erinnern?

NGeplante Info-Vernichtung. Mayer-Schönberger plädiert für ein Verfallsdatum von Information. Andere arbeiten schon an der Umsetzung dieser Idee: Wissenschaftler der University of Washington haben eine Software namens "Vanish“ entwickelt, die Informationen nach einer gewissen Zeit löscht. Das Programm nützt die Verschlüsselungstechnologie und ein Netzwerk aus etlichen Computern. Wenn ein User mit Vanish eine verschlüsselte Nachricht auf Facebook versendet, ist diese anfangs für Adressat und Sender einsehbar.

Doch der Schlüssel, der für das Lesbarmachen dieser Nachricht notwendig ist, ist nicht beim Absender gespeichert, sondern auf etliche Computern verstreut. Nach und nach melden sich diese aus dem Netzwerk ab, immer größere Teile des Schlüssels gehen verloren, bis die Nachricht nicht mehr entziffert werden kann. Die Information ist verschwunden, vanished. "Wir möchten sicherstellen, dass sämtliche Kopien einer Datei nach einer vorgegebenen Zeit automatisch unlesbar werden“, heißt es dazu auf der Webseite des Forschungsprojekts. (http://vanish.cs.washington.edu).

Digitale Gedächtnislücken. Langsam erkennen auch kommerzielle Anbieter dieses Anliegen. Im Vorjahr gab Google bekannt, Suchanfragen von Usern "nur“ noch neun statt bisher 18 Monate speichern zu wollen. Danach werden die Daten anonymisiert. Konkurrent Ask.com ist schon einen Schritt weiter: Da können Internetnutzer mit einem Klick ihre Suchhistorie löschen.

Das Fotonetzwerk Flickr bietet die Möglichkeit eines Gastzugangs. Wenn ein professioneller Fotograf einer Zeitung zum Beispiel Zugang zu seinem Fotoarchiv gewähren will, kann er dabei festlegen, wann diese Erlaubnis ausläuft. Laut Flickr benutzen bereits elf Prozent der Mitglieder diese Funktion.

Solche Features reißen nur kleine Lücken ins digitale Gedächtnis. Internetexperten wie Viktor Mayer-Schönberger plädieren aber für eine generelle Bewusstseinsänderung: Es geht nicht nur um die Frage, welche Daten wir in fünf oder zehn Jahren noch brauchen, sondern ob so viel Information überhaupt gut für uns ist.

Vergessen hat auch eine soziale Bedeutung: Es erlaubt uns, eine frühere Kränkung nicht mehr so ernst zu nehmen. Es lässt uns jugendliche Torheiten leichter verzeihen. Unwissenheit ist eben manchmal auch Glück.

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