" Möglichst nicht daran denken“

Interview: Robert Czepel | aus HEUREKA 3/09 vom 11.11.2009

Hirndoping kann Wolfgang Klimesch nicht viel abgewinnen. Statt Pillen zur Verbesserung des Gedächtnisses empfiehlt der Professor für Psychologie an der Universität Salzburg gezieltes Training und das Nutzen von Vorwissen.

heureka!: Hat die Gedächtnisforschung auch Ihren Umgang mit dem eigenen Gedächtnis verändert?

Wolfgang Klimesch: Natürlich habe ich mir Strategien zurechtgelegt, um mir Dinge besser zu merken. Aber Wunderformeln kann ich aus meiner Arbeit keine ableiten.

Sie sind also mit Ihrer Merkleistung zufrieden?

Im Großen und Ganzen ja. Ich stehe zumindest nicht auf Kriegsfuß mit meinem Gedächtnis. Obwohl es ja unter Psychologen folgende Vermutung gibt: Wir tun das, wo wir die größten Defizite haben.

Stichwort Merkstrategien: Welche Grundregeln gibt es?

Eine Grundregel lautet: Alles, was neu eingespeichert wird, wird auf Grundlage von bereits vorhandenem Wissen eingespeichert. Wenn es bereits Vorwissen gibt, ergibt sich die Merkleistung fast mühelos. Wenn ich mir etwas neu aneignen muss, z.B. eine völlig neuartige Fremdsprache, ist das ungleich schwieriger. Eine ehemalige Dissertantin von mir hat herausgefunden, dass das Lernen von Sprachen viel effektiver abläuft, wenn man Vokabeln multisensorisch repräsentiert - etwa, indem man ein Wort mit einer Geste, einem Geräusch usw. verbindet. So kommt das, was neu ist, bereits vernetzt in unser Gehirn. Das ist eine zweite Grundregel: Je mehr Sinne an der Verarbeitung neuer Information beteiligt sind, desto besser funktioniert deren Speicherung.

Die klassische Eselsbrücke ...

... ist eine Mischung dieser beiden Prinzipien.

Mir fallen oft die Namen von Schauspielern nicht ein, obwohl ich sie kenne. Was kann ich dagegen tun?

Möglichst nicht konzentriert daran denken. Das hat mit dem Nadelöhr des bewussten Zugriffs zu tun - der kann sehr leicht gestört sein. Freies Assoziieren löst solche Blockaden oft.

Und das Verlegen und Wiederfinden des Schlüssels?

Wenn er bereits verlegt wurde, ist es schon zu spät. Hier handelt es sich um einen typischen Fehler der Aufmerksamkeitssteuerung, der im Nachhinein nicht zu beheben ist. Man muss sich also dazu zwingen, ganz bewusst zu sein, wenn man den Schlüssel das nächste Mal in die Hand nimmt.

Oft heißt es: Je öfter Lernstoff wiederholt wird, desto eher bleibt er im Langzeitgedächtnis haften. Stimmt das?

Nicht unbedingt. Es kommt, wie erwähnt, vielmehr auf das Vorwissen an. Je mehr davon vorhanden ist, desto besser merkt man sich Dinge. Das ist bei uns genau umgekehrt wie beim Computer: Dieser wird immer langsamer, je mehr drinnen ist - wir werden immer schneller, je mehr wir wissen.

Deutsche Hirnforscher haben kürzlich öffentlich gefordert, das Thema Hirndoping müsse nüchterner und liberaler diskutiert werden. Wie stehen Sie dazu?

Ich glaube, dass man mit psychologischem Training viel größere Effekte für das Gedächtnis erzielen kann als mit pharmakologischen Eingriffen.

Sollte man Neurodoping verbieten?

Verbieten ist nie gut. Aber ich würde es nicht empfehlen. Leute, die so etwas vorschlagen, würde ich fragen: Welche Ergebnisse der Grundlagenforschung geben uns Anlass zu glauben, dass die Substanz X die Gedächtnisbildung so stark fördert? So etwas kennt man bis dato nicht. Sicher, es gibt zum Beispiel Substanzen, die die Aufmerksamkeit erhöhen, was in Summe auch der Merkfähigkeit zuträglich ist.

Zum Beispiel Ritalin?

Ja, das Präparat greift auf Ebene der Botenstoffe ein. Ich würde gerne wissen: Ist das wirklich unproblematisch? Davon abgesehen glaube ich auch hier, dass psychologische Interventionen wesentlich mächtiger sind als der isolierte Eingriff über eine Wirksubstanz.

Wenden Sie bei der universitären Lehre die Erkenntnisse der Gedächtnisforschung unmittelbar an?

Lassen Sie mich diesbezüglich auf einen Detailaspekt antworten. Wenn mich Studenten am Ende eines Literaturseminars fragen, ob sie bei der Prüfung alles wissen müssen, was in den besprochenen Artikeln steht, dann antworte ich: "Ihr müsst schon etwas wissen. Aber das viel Wichtigere ist: Ihr müsst auf Basis des Gewussten argumentieren können.“ Wenn mir ein Student auf eine Frage antwortet: "Das weiß ich nicht“, und er bringt mir ein gutes Argument, warum das in diesem Zusammenhang für ihn nicht wichtig ist, dann ist für mich die Sache erledigt.

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