Inflation der Süchte

Auch von Schwangerschaft und Kartenlegen kann man abhängig werden

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft. So witzelten wir damals auf dem Schulhof und fanden das sehr geistreich. Was wir freilich nicht wussten: Der Begriff „Sucht“ hat etymologisch überhaupt nichts mit Suchen zu tun, sondern kommt von siechen, sprich: leiden. So erklärt sich der Name vieler Krankheiten wie Schwindsucht (Tuberkulose), Gelbsucht, Fallsucht (Epilepsie) oder Tobsucht. Mit der Medikalisierung etwa von Trunksucht (Alkoholismus) und Opiumsucht wurde der Begriff Sucht Ende des 19. Jahrhunderts enger definiert und zu einem eigenen Forschungsfeld – eben der Suchtforschung.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts bekamen die Mediziner dann zunehmend Probleme mit der Bezeichnung. Sie sei doch zu nahe an der Umgangssprache, auch hafte ihr eine moralische Wertung an, obwohl es sich doch um eine Krankheit handle. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verzichtet deshalb bereits seit 1964 auf diesen Begriff. Im Deutschen etwa spricht man daher mittlerweile korrekter von Abhängigkeit.

Aber wen kümmert das? Denn fast scheint es eine Sucht nach neuen Süchten zu geben, mit deren Hilfe sich die Gesellschaft immer wieder selbst diagnostizieren kann. Woher kommen die vielen Dicken? Es muss die Esssucht sein!

Ohne Hollywood und die amourösen Eskapaden von Michael Douglas und Co wäre der Begriff der „Sexsucht“ wohl nicht in aller Munde. Der medizinisch korrekte Ausdruck Hypersexualität ist dann doch deutlich weniger, äh, sexy, und auch das Adjektiv hypersexuell eignet sich nicht so ideal für knackige Schlagzeilen à la „Sexsüchtig!“.

In den USA wird gerade diskutiert, ob es so etwas wie eine Sucht nach Schwangerschaft gebe. Anlass ist der Fall von Nadya Suleman, die bereits sechsfache Mutter war, sich acht Embryonen einsetzen ließ und im Februar Achtlinge zur Welt brachte. Und jetzt rede die Frau schon von der nächsten Schwangerschaft, erregen sich die Medien. Diese Reproduktionsmedizin!

Neue Technologien bringen eben neue Süchte mit sich. Wer ständig seine E-Mails checkt, hat sich wohl auch schon mal gefragt, ob er zur wachsenden Gruppe der Internetabhängigen zählt. Eher esoterisch mutet dagegen die „Okkultismussucht“ an. Aber auch für die Abhängigkeit von Horoskopen und Kartenlegen gibt es in München eine erste Beratungsstelle. Die Betroffenen lassen viel Geld bei Astronomen und windigen Lebensberatern liegen.

Entwarnung kann hingegen für besorgte Leckermäulchen gegeben werden: Die in Schokolade enthaltenen Stoffe aktivieren zwar im Gehirn jene Regionen, in denen etwa auch Kokain wirkt. Eine Schokoladensucht gibt es nach medizinischen Kriterien aber nicht.

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