Doktoren auf Dope

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Immer mehr Forscher und Studenten dopen ihr Gehirn – obwohl keineswegs klar ist, was die Neuro-Enhancer genau bringen – und welche Folgen sie haben.

Text: Robert Czepel

Jonathan Eisen bekam als Erster Wind vom harten Durchgreifen der National Institutes of Health (NIH). In seinem Weblog veröffentlichte der kalifornische Evolutionsbiologe eine Mitteilung von Amerikas größter und wichtigster Behörde für Biomedizin. Titel: „Die NIH ergreifen Maßnahmen im Kampf gegen den Missbrauch von Hirndopingsubstanzen durch Wissenschaftler.“ Die NIH gründen mit der EU eine international agierende Anti-Hirndoping-Agentur, war da zu lesen. Diese werde ab nun – analog zum Spitzensport – regelmäßig Dopingkontrollen an den Damen und Herren Forschern vornehmen. Wer dennoch unerlaubte Mittel zur geistigen Leistungssteigerung konsumiere, habe mit drakonischen Strafen zu rechnen. Datum des Eintrags: 1.4.2008.

Dass viele diesem Aprilscherz auf den Leim gegangen sind, liegt nicht nur daran, dass sich Eisen die Mühe gemacht hatte, eine Fake-Website der „World Anti-Brain Doping Authority“ ins Netz zu stellen. Es liegt auch daran, dass das Thema „Hirndoping“ – akademisch: „neurokognitives Enhancement“ – gegenwärtig einen medialen Hype erlebt und in Fachmagazinen wie im Boulevard gleichermaßen für Schlagzeilen sorgt. Nur: Es gibt viele Gerüchte und wenig harte Fakten. „Neurogossip“ nennen das manche.

Ritalin treibt die Forschung an

Eine der wenigen Untersuchungen zu diesem Thema wurde letztes Jahr in Nature veröffentlicht: 1400 vorwiegend US-amerikanische Wissenschaftler beteiligten sich an der Online-Umfrage, jeder Fünfte von ihnen gab an, Medikamente zur Steigerung der mentalen Leistungsfähigkeit zu konsumieren. Beliebtestes Dopingmittel ist demnach die Substanz Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin.

Sie wird häufig hyperaktiven Kindern verschrieben – nach Auffassung von Kritikern viel häufiger, als es eigentlich notwendig wäre. Jedenfalls erhoffen sich gestresste Eltern von dem Präparat, dass es ihre Kinder ruhiger und konzentrierter macht. Ähnliche Motive bewegen auch dopende Forscher, wie die Umfrage zeigt. Ob sie berechtigt sind, ist völlig unklar. Überzeugende Belege für die Wirksamkeit an gesunden Erwachsenen hat bislang noch niemand vorgelegt.

Dass Ritalin-Pillen dennoch munter geschluckt werden, ist wohl auch ein Beleg für den gnadenlosen Konkurrenzdruck im Wissenschaftsbetrieb, in dem nicht länger Ideenreichtum und Inspiration als wichtigste Tugenden gelten, sondern unbedingter Leistungswille und Produktivität. Für Ulrich Körtner von der Universität Wien ist das Umfrageergebnis ein „Alarmsignal“. „Die Wissenschaft hat mit ihrer zunehmenden Ökonomisierung und dem Prinzip ‚publish or perish‘ menschenfeindliche Arbeitsbedingungen geschaffen“, kritisiert der evangelische Theologe und Medizinethiker.

Platz zwei in der Liste der beliebtesten Neuro-Enhancer belegt laut Nature Modafinil. Die amphetaminartige Substanz gleicht akuten Schlafentzug aus und wird von Forschern unter anderem dazu benutzt, Jetlags schneller zu überwinden. Das mag hilfreich sein für den Besuch einer Tagung ein paar Zeitzonen entfernt. Doch abgesehen von dieser dokumentierten Wirkung steht auch hier ein großes Fragezeichen in der Fachliteratur. Ob Modafinil ausgeschlafene Menschen geistig reger macht, ist unbekannt. Falls überhaupt, dann sind die Effekte ziemlich gering.

Michael Freissmuth, Pharmakologe an der MedUni Wien, überrascht das keineswegs. Denn Psychopharmaka wirkten notorisch unscharf, erklärt er: „Im Prinzip kann man mit einem Pharmakon nur Schalter umlegen, die bereits vorhanden sind. Aber man kann weder einzelne Zellen ansteuern noch die Wirkung zeitlich präzise staffeln, wie das etwa bei der natürlichen Gedächtnisbildung passiert. Dadurch entstehen widersprüchliche Signale. Das ist der Grund, warum die Effekte so gering sind.“

Student’s little helper

Umfragen zufolge greift auch der akademische Nachwuchs gerne zur Pillendose, wenn größere Prüfungen anstehen. Fünf bis 15 Prozent der Studierenden an US-Unis helfen ihren grauen Zellen regelmäßig mithilfe der Chemie auf die Sprünge, Tendenz steigend. Ein aktuelles Forschungsprojekt an der Universität Mainz zeigt, dass die „Enhancement-Epidemie“ noch nicht in vollem Ausmaß in Mitteleuropa angekommen ist. In Deutschland (und vermutlich auch in Österreich) liegt die Zahl der Konsumenten unter Schülern und Studierenden deutlich niedriger, nämlich bei rund drei Prozent.

Dennoch sieht man auch hier erhöhten Diskussionsbedarf. Die österreichische Bioethikkommission habe das Thema auf ihrer Agenda, berichtet deren Vorsitzende Christiane Druml gegenüber Falter Wissenschaft. Konkrete Empfehlungen gebe es – noch – keine.

In Deutschland läuft zurzeit ein vom Bildungsministerium finanziertes Projekt, das Risiken und Potenziale der Neuro-Enhancer abschätzen soll.

Sieben daran beteiligte Wissenschaftler haben kürzlich ein Memorandum veröffentlicht, in dem sie behaupten, „dass es keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns oder der Psyche gibt“. Sukkus des Memorandums: Allfällige ethische Probleme müsse man ernst nehmen. Aber wenn man den menschlichen Geist tatsächlich gefahrlos optimieren könnte, dann sollte man sich den Segnungen der Wissenschaften nicht verschließen.

Michael Freissmuth ist sehr skeptisch: „Ich glaube, das ist viel Lärm um nichts. Langfristig sind alle Wirkstoffe mit mehr oder weniger schweren Nebenwirkungen verbunden. Solange mir niemand eine Substanz zeigt, mit der das geht, glaube ich es nicht. Das ist nur ein Hype, der sich legen wird.“

Das Espresso-Argument

Ein Argument, das in der Diskussion über das Hirndoping öfter verwendet wird, ist der Verweis auf kulturell akzeptierte Wirksubstanzen, wie etwa das Koffein. Müsste man nicht auch den morgendlichen Espresso bereits als Hirndoping bezeichnen? Schließlich macht er wach und regt die Konzentrationsfähigkeit an.

Das Espresso-Argument hat einen wahren Kern, denn eine klare Grenze zwischen dem natürlichen Leib hier und der künstlichen Intervention dort lässt sich in der Tat nicht finden – weil es sie nicht gibt. „Dass der Mensch seinen Körper durch Technik erweitert, ist ein Grundphänomen unserer Kultur“, sagt Ulrich Körtner. Von einem Naturzustand des Menschen, was auch immer darunter zu verstehen sei, lasse sich jedenfalls kein ethisches Ideal ableiten.

Andererseits greift das Espresso-Argument auch zu kurz. Denn Koffein wirkt nicht auf den Kern der Persönlichkeit. Ritalin indes dürfte dort tiefe Spuren hinterlassen. Ein deutscher Philosophiestudent hat im März dieses Jahres einen Selbsterfahrungsbericht mit der „Studierpille“ Ritalin auf der Website der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht. Der Einblick in seine Innenperspektive klang nicht danach, als sei das Mittel mit einer Tasse Kaffee zu vergleichen: Es entfernt aus dem Ich jegliche Neugierde, jegliche Emotion. Und lässt ein mechanisches Gerüst zurück, das sich ohne Widerrede einfügt in die Erfordernisse der Pflicht. „Mittags stehe ich in der Mensa und überlege, auf welches Menü ich Lust habe – und ich weiß es nicht. Dann nehme ich wieder eine Pille und gehe zurück in die Bibliothek. Ja, ich bin ein Zombie, aber ein Zombie, der lernt wie eine Maschine.“

Gefahr für die Chancengleichheit

In akademischen Kreisen ist der Begriff „Hirndoping“ nicht sehr beliebt, er erinnere zu sehr an die betrügerische Praxis im Spitzensport, heißt es. Stimmt schon, da schwingen ein wenig Ben Johnson und Bernhard Kohl mit.

Aber Betrug gibt es nicht nur im Sport, sondern auch in der Wissenschaft und in beiden Fällen ist er Ausdruck eines exzessiven Leistungsprinzips.

Bei den pharmakologischen Eingriffen in den Sportlerkörper und den Forschergeist gibt es eine interessante Parallele. Beide Fälle werfen nämlich Fragen der Chancengleichheit und Gerechtigkeit auf. Ein Radfahrer, der sich mithilfe eines Epo-Derivats einen Vorteil gegenüber seinen Kollegen verschafft, muss mit einer langjährigen Sperre rechnen. Konsequenterweise müsste es auch für die pharmakologische Aufrüstung an den Unis Regeln geben – gesetzt den Fall, es existierten einmal dauerhaft wirksame Präparate. „Mich erinnert die gegenwärtige Debatte an die Steinzeit der Taschenrechner“, sagt Ulrich Körtner.

„Zu Beginn waren sie so teuer, dass sie an Schulen verboten wurden. Als sie dann billiger wurden, musste jeder den gleichen Taschenrechner verwenden, um Chancengleichheit herzustellen.“ Beim Neuro-Enhancement wäre das nicht ganz so einfach. Denn um gleiche Chancen herzustellen, müssten entweder alle das gleiche Präparat einnehmen – oder gar keines. „Nur, wie soll man das kontrollieren?“, fragt Körtner. Und hat als Antwort auch nur einen potenziellen Aprilscherz parat. „Oder wollen wir Dopingkontrollen A und B vor und nach dem Klausurtermin einführen?“

Buchtipp:

Einen aktuellen Überblick zum Diskussionsstand in Philosophie, Medizin und Recht gibt der Sammelband

Bettina Schöne-Seifert u.a. (Hg.):

Neuro-Enhancement. Ethik vor neuen Herausforderungen. Paderborn 2009 (Mentis), 367 S., € 41,–

Memorandum „Das optimierte Gehirn“

www.gehirn-und-geist.de/memorandum

Umfrage in Nature:

Poll results: look who’s doping

www.nature.com/news/2008/080409/full/452674a.html

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige