„Die Gesellschaft muss wissen, was sie will“

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Der angesehene deutsche Neurologe Gereon Fink plädiert für eine offene Diskussion über Neuro-Doping, das die meisten von uns ohnehin schon betreiben.

heureka!: Vor zwei Monaten erschien ein Memorandum deutscher Psychologen, Rechts- und Ethikexperten, das für einen liberalen Umgang mit Neuro-Doping plädiert. Freut Sie dieser Vorstoß?

Gereon Fink: Die Autoren des Memorandums gehen auf eine aktuelle Entwicklung ein. Nicht nur psychisch kranke oder demenzgefährdete Menschen nehmen Medikamente ein, die auf das Gehirn wirken, sondern zunehmend auch Gesunde, um ihre geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Dem Begriff Neuro-Doping hängt durch den Sport ein negatives Stigma an. Das möchte ich so nicht stehenlassen. Gedächtnisfördernde Mittel oder Neuro-Enhancer sind nicht per se zu verdammen. Oder möchten Sie auf Ihren Kaffee am Morgen verzichten? Ich jedenfalls nicht – und damit fängt das Verbessern von Hirnfunktionen ja schon an.

Aber sind Kaffee und Brain-Booster wirklich vergleichbar?

Fink: Also, erstens wirkt Kaffee auch gezielt im Gehirn, indem sich das Koffein an die dort geeigneten Rezeptoren bindet und eine Reaktion auslöst, die Sie aufmerksamer und munterer macht. Trotzdem stellt Kaffee die Gesellschaft nicht vor ethische Probleme. Deswegen muss man erst einmal festhalten: Leistung zu optimieren ist in unserer Gesellschaft ein alltäglicher Prozess, mit Einschränkungen würde ich sogar sagen: Er ist durchaus verständlich und gewünscht.

Auch mit Pillen?

Fink: Dazu möchte ich Ihnen etwas aus meiner Praxis erzählen. Tatsächlich beantworten junge und vor allem gesunde Menschen diese Frage mehrheitlich mit Nein. Mit zunehmenden Alter, Krankheit oder nur Vergesslichkeit nimmt diese ablehnende Haltung aber ab. Das Fazit lautet also: Je mehr man von dem Nutzen solcher Medikamente profitieren könnte, desto weniger spielen moralische Aspekte eine Rolle.

Die Argumentation ähnelt jener über starke Schmerzmittel.

Fink: Richtig. Über Jahrzehnte wurden Patienten mit schlimmsten Schmerzen nicht ausreichend therapiert, weil man eine mögliche Abhängigkeit mehr fürchtete als das Leiden. Heute weiß man, dass nur wenige Patienten abhängig werden, und setzt schmerzlindernde Medikamente in ausreichender Dosierung und schnell ein. Wozu Qualen bereiten, die eigentlich unnötig sind?

In dem Memorandum heißt es: Wichtig sei, warum und mit welcher Regelmäßigkeit Neuro-Enhancer eingenommen werden. Hat jemand, der sich für die Prüfung dopt, eher ein Recht darauf als jemand, der für die fünfte Partynacht fit sein will?

Fink: Meines Erachtens ist das nur individuell zu entscheiden: Ist derjenige des Substanzmissbrauchs schuldig, der ein beruhigendes Medikament einnimmt, weil er unter extremer Prüfungsangst leidet, aber doch sein Studium abschließen möchte? Die Grenzen sind fließend. Missbrauch besteht dort, wo eine unkontrollierte und nicht ärztlich überwachte Einnahme dazu führt, dass Substanzen nicht ordnungsgemäß bezogen und eingesetzt werden. So entstehen Abhängigkeiten, die durch den Verzicht auf die Substanz oder aber eine adäquate Behandlung vermieden werden könnten.

Also bedarf es nur Zeit und ein wenig Anpassung, bis Neuro-Enhancer gesellschaftsfähig werden?

Fink: Die Gesellschaft muss sich überlegen, was sie will. Es ist unumstritten, Demenzkranken mit Acetylcholinesterase-Hemmern zu helfen. Sie verhindern, dass ein bestimmter Botenstoff zu schnell abgebaut wird, der eine wichtige Rolle für das Gedächtnis spielt. Ich sehe aber zunehmend ältere Menschen, die nur an einer altersbedingten Vergesslichkeit leiden und die ihr Gehirn ein wenig auffrischen wollen – bevorzugt Leute aus einer gehobenen intellektuellen Schicht. Für diese Menschen sind die Mittel aber gar nicht vorgesehen gewesen.

Damit sprechen Sie genau das Problem an, dass Skeptiker der Gedächtnispillen befürchten: Wer kann sich einen munteren Geist leisten und wer nicht?

Fink: Ich kann nur wiederholen: Die Gesellschaft muss wissen, woran sie sich langfristig orientiert. Im Moment orientiert sie sich tatsächlich an der Leistung eines Einzelnen – egal aus welcher sozialen Schicht. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die gleichzeitig immer älter wird. Das ist allen bekannt, auch den Krankenversicherungen. Wir müssen wissen, wie viel wir für unsere „Leistung“ ausgeben wollen.

Angenommen, man würde sich gesellschaftlich für das Neuro-Enhancement aussprechen: Würde dann nicht der Leistungsdruck auf den Einzelnen noch weiter steigen?

Fink: Ja, das ist gut möglich, ebenso wie sich andere Branchen Herausforderungen, etwa der Globalisierung, stellen müssen. Die universelle Verfügbarkeit von Substanzen, die Leistungen fördern, wird zu ihrem Einsatz führen. Das heißt nicht, dass wir nun alle anfangen sollten, Substanzen zur Leistungsverbesserung zu schlucken. Wir steigen ja auch nicht alle auf eine mediterrane Diät um und bewegen uns regelmäßig, obwohl dies die Demenz hinauszögern würde. Interview: Edda Grabar

Zur Person

Gereon Fink, 45, ist deutscher Neurowissenschaftler mit über 200 internationalen Fachpublikationen. Er leitet die Klinik und Polyklinik für Neurologie der Uni Köln und ist Direktor am Institut für Neurowissenschaften und Medizin des Forschungszentrums Jülich

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