Tierisch zugedröhnt

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Sie zechen, paffen, kiffen, koksen – und rückfällig werden sie auch: Tiere im Drogenrausch.

Text: Ulrike Fell

Die Lust am Rausch ist kein Privileg des Menschen. Tiere in der freien Wildbahn suchen gezielt nach psychoaktiven Substanzen. Mit ein wenig Alkohol oder Opium intus fühlt man sich gleich besser, auch auf vier oder sechs Beinen. In Gefangenschaft lebende Tiere müssen so manches Drogenexperiment über sich ergehen lassen, kommen dabei aber sehr schnell auf den Geschmack, gleich ob LSD oder Kokain.

Trinkfeste Spitzhörnchen

Spitzhörnchen in Malaysia gönnen sich gerne einmal einen guten Tropfen und verlieren dennoch nie die Contenance. In rauen Mengen trinken die Tierchen mit dem charakteristischen Federschwanz den angegorenen Nektar der Bertam-Palme, der immerhin bis zu 3,8 Prozent Alkohol enthält – und bleiben trotzdem nüchtern. Wie Forscher um den Bayreuther Tierphysiologen Frank Wiens vermuten, verkraften die nachtaktiven Hörnchen Alkohol viel besser als der Mensch.

Offenbar verbringen die lustigen Kletterer jede Nacht bis zu zwei Stunden mit Palmbier-Saufen, ohne auch nur einen Schwips zu bekommen. Die Trinkfestigkeit verdanken die Federschwanz-Spitzhörnchen vermutlich einem besonders effizienten Stoffwechsel. Dass die Tiere überhaupt zum Zechen neigen, liegt wohl an den „positiven psychologischen Effekten“, die der Nektar auf die kleinen Genießer ausüben soll.

Benebelte Wallabies

Auf der australischen Insel Tasmanien sorgen bedröhnte Wallabies für Aufregung: Die kleinen Kängurus wurden unlängst beschuldigt, in die staatlich kontrollierten Opiumfelder einzudringen und an den Mohnsamen zu naschen. Berauscht von den darin enthaltenen Alkaloiden springen laut Medienberichten die agilen Hüpfer munter im Kreis und hinterlassen in den Feldern jene mysteriösen Zirkel, die Ufo-Gläubige bereits als Zeichen von Außerirdischen deuteten.

Generalstaatsanwältin Lara Giddings brachte das Problem vor wenigen Monaten im Parlament in Hobart zur Sprache, denn für die Insel geht es um Bares: Die legale Opiumproduktion ist hier ein wichtiger Wirtschaftszweig. Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wird in Tasmanien die Hälfte des weltweiten Bedarfs an Schlafmohn für den medizinischen Gebrauch gewonnen.

Giddings’ Verdacht ob der tierischen Täter ist nicht von der Hand zu weisen: In der Region wurden auch Schafe schon dabei beobachtet, wie sie sich an Mohnsamen labten und anschließend „high“ umherblökten.

Süchtige Ratten

Wenn es um Drogen geht, sind Ratten unfreiwillige Experten: ob Alkohol, Nikotin, Kokain, Heroin, Ecstasy oder Marihuana, ob Beruhigungs- oder Aufputschmittel – es gibt wohl keine Droge, die Laborratten nicht schon vorgesetzt wurde. Im Suchtverhalten sind die kleinen Nager dem Menschen ähnlich, weswegen sie Drogenforschern gerne als Modell nutzen. Beispiel Kokain: Haben Ratten dazu freien Zugang, gewöhnen sie sich nach einer „Einstiegsphase“ schon bald an den regelmäßigen, wenn auch meist maßvollen Konsum.

Ein Teil der Tiere rutscht indes in die unkontrollierte Sucht ab. Dabei sind einsame Tiere anfälliger als in Gruppen lebende; dominante, aggressive Individuen brauchen weniger Stoff als untergeordnete. Abhängige Ratten zeigen die für Menschen typischen Verhaltensmuster: Um an Koks zu kommen, handeln süchtige Nager entgegen aller Rattenvernunft und lassen sich nicht einmal von Elektroschocks abhalten. Bei erzwungener Abstinenz leiden sie unter Entzugserscheinungen, und auch nach längerer Einnahmepause neigen sie zum Rückfall.

Glückliche Hunde

Wer zuhause einen schwermütigen Vierbeiner sitzen hat, dem offeriert die Pharmaindustrie nun Abhilfe. Im Angebot sind nicht nur simple Beruhigungsmittel, auch ein handfestes Antidepressivum ist seit jüngster Zeit auf dem Markt: So wurde in Europa letztes Jahr das Mittel „Reconcile“ zugelassen, das, wie auch der Kassenschlager Prozac, den Wirkstoff Fluoxetin enthält. Der Seelentröster schmeckt – wonach sonst – nach Fleischwurst und hilft dem tristen Tier über Trennungsängste und Stimmungstiefs hinweg.

Auch bei anderen Haustieren soll Prozac gute Erfolge zeigen. Während die Glückspille vor allem von besorgten Herrchen und Frauchen verfüttert wird, verabreichen andere Tierbesitzer ihren Schützlingen aus weniger redlichen Beweggründen psychoaktive Substanzen. So wurden etwa Windhunde bei Dopingtests in Irland positiv auf Kokain und Speed getestet.

Paffende Affen

Eine kettenrauchende Schimpansin in einem Zoo in China machte vor wenigen Jahren Schlagzeilen, als sie nach langer Abhängigkeit auf Nikotinentzug ging. Dem blauen Dunst war Ai Ai verfallen, nachdem sie Menschen beim Rauchen beobachtet und dann imitiert hatte. Für Nachschub hatten leichtfertige Zoobesucher gesorgt, die dem Tier zur eigenen Belustigung Glimmstengel zugeworfen hatten.

In einem südafrikanischen Zoo ging der Chimp Charlie sogar so weit, seine Zigaretten vor den Tierpflegern zu verstecken. Aber auch er soll sein Laster inzwischen besiegt haben. Freilich sind Affen auch für andere Drogen empfänglich. Von betrunkenen Pavianen berichtete im späten 19. Jahrhundert schon Alfred Brehm in seinem „Thierleben“.

Vergiftete Elefanten

Torkelnde Elefanten in der afrikanischen Savanne standen lange unter dem Verdacht der Trunksucht: Weil die Dickhäuter gerne die vergorenen Früchte des Marula-Baumes fressen, entstand der Mythos, die Tiere seien dem Alkohol verfallen. Indes ist es nicht der im Obst enthaltene Spiritus, der die Elefanten ins Stolpern bringt, wie britische Biologen feststellten. Um sich zu beschwipsen, müssten die Kolosse Unmengen von Früchten fressen.

Schuld am Kontrollverlust dürfte vielmehr die Rinde der Bäume sein, welche die Tiere ebenfalls verspeisen. Die darin lebenden Käferpuppen enthalten ein Gift, das die Elefanten ins Wanken bringt. Ganz von der Hand zu weisen ist der Hang der grauen Giganten zum guten Tröpfchen aber nicht: In Indien sorgen randalierende Elefanten, die sich mit frischgebrautem Reisbier die Kante geben, regelmäßig für Tumult.

Ein Drogenexzess ganz anderer Art endete für einen Elefanten in einem US-amerikanischen Zoo letal: In einem Anflug unkontrollierten Wissensdrangs spritzte der dortige Zoodirektor dem Dickhäuter Tusko fast 300 Milligramm LSD – das reicht bei Menschen für 3000 Trips – in den Allerwertesten. Wie von der Tarantel gestochen trompete Tusko los, um bald darauf tot umzufallen.

Aufgedrehte Ziegen

Mit einer Herde wild herumhüpfender Ziegen begann einer schönen Legende zufolge die Kulturgeschichte des Kaffees: Die äthiopische Überlieferung handelt vom Hirten Kaldi, der seine Ziegen täglich auf die Weide führte. Eines Tages verlor er seine Herde aus den Augen – und fand seine Tiere schließlich, wie sie munter an einem Strauch mit roten Kirschen knabberten und daraufhin übermütig herumtollten.

Auch Kaldi kostete von den Früchten und fand sie angenehm belebend. Ein Mönch soll von den wunderlichen Kaffeekirschen erfahren und sie mit in sein Kloster genommen haben, wo er sie röstete und aufbrühte. Damit begann der Sage nach der Siegeszug des schwarzen Suds.

Doch auch die Wissenschaft kennt angeheiterte Ziegen. In einem bizarren Experiment untersuchten Forscher in den 60er-Jahren, wie die Meckermäuler auf Halluzinogene reagieren: Unter LSD, so das Resultat, schreiten die Geißen geometrische Formen wie Quadrate oder Achterschleifen ab. Ob es wirklich die Ziegen waren, die sich hier im Zustand psychedelischer Entrückung befanden, oder aber die Forscher selbst, sei einmal dahingestellt.

Koksende Bienen

Honigbienen vollführen im Kokainrausch enthusiastische Schwänzeltänze. Wie beim Menschen wirkt das weiße Pulver auch bei Bienen auf das Belohnungszentrum. Australische Forscher fanden das heraus, indem sie die Insekten erst mit einer Zuckerlösung anlockten und ihnen dann eine kokainhaltige Lösung auf den pelzigen Körper tropften. Unter dem Einfluss der Droge verhielten sich die Honigbienen noch selbstloser als gewöhnlich: Mit ekstatischen Bewegungen machten die kleinen Brummer ihre Mitbewohner aus dem Bienenstock auf die neue Nahrungsquelle aufmerksam. Die Bienen wurden bald süchtig: Sobald kein Kokain mehr verfügbar war, stellten sich erste Entzugserscheinungen ein.

Auch Alkohol verfehlt bei Bienen seine Wirkung nicht. Das fanden Forscher der Ohio State University in Columbus heraus, nachdem sie den Tierchen Ethanol verabreichten. Die schwer angeheiterten Insekten verloren die Orientierung, konnten bald nicht mehr gerade stehen, bis sie sich irgendwann nur noch auf dem Rücken liegend ausnüchterten. Auch in der freien Natur kommt es vor, dass Bienen sich mit angegorenem Nektar betrinken und so ihre Flugfähigkeit einbüßen.

Links und Literatur (Auswahl):

Spitzhörnchen

Frank Wiens et al.: Chronic Intake of Fermented Floral Nectar by Wild Treeshrews. PNAS 105, 29. Juli 2008, S. 10426–10431

Ratten

Kelly L. Conrad et al.: Formation of Accumbens GluR2-lacking AMPA Receptors Mediates Incubation of Cocaine Craving. Nature 454, 3. Juli 2008, S. 118–121

Hunde

John Bonner: Problem Pets Can Now Pop Prozac. New Scientist 2602, 2007, S. 18

Affen

Christina S. Barr et al.: Functional CRH Variation Increases Stress-induced Alcohol Consumption in Primates. PNAS 106 (34), 2009, S. 14593–14598

Elefanten

Steve Morris, David Humphreys und Dan Reynolds: Myth, Marula, and Elephant: An Assessment of Voluntary Ethanol Intoxication of the African Elephant. Physiological and Biochemical Zoology 79(2), 2006, S. 363–369

Ziegen

Werner P. Koella, Roger F. Beaulieu und John R. Bergen: Stereotyped Behavior and Cyclic Changes in Response Produced by LSD in Goats. International Journal of Neuropharmacology, Nr. 3, 1964, S. 397–403

Bienen

Andrew B. Barron, Ryszard Maleszka, Paul G. Helliwell und Gene E. Robinson: Effects of Cocaine on Honey Bee Dance Behaviour. Journal of Experimental Biology 212, 2009, S. 163–168

Ian S. Maze, Geraldine A. Wright und Julie A. Mustard: Acute Ethanol Ingestion Produces Dose-dependent Effects on Motor Behavior in the Honey Bee. Journal of Insect Physiology 52 (11–12), 2006, S. 1243–1253

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