Die Geheimnisse des Teonanacátls

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Halluzinogene Pilze faszinieren Forscher. Sind sie auch der Schlüssel zur menschlichen Religiosität?

Text: Kurt de Swaaf

Unauffälliger geht’s kaum: ein mickrig-dünner Stiel, darauf ein zugespitzter Hut, meist nicht größer als die Kuppe eines kleinen Fingers, und das ganze blass graugelblich gefärbt. Nein, wie ein Götterbote sieht Psilocybe semilanceata wahrlich nicht aus. Und doch ist der Mini-Pilz, dessen deutscher Name Spitzkegeliger Kahlkopf lautet, der prominenteste einheimische Vertreter einer weltberühmten Familie – der Magic Mushrooms. Dank ihrer halluzinogenen Wirkung wurden und werden sie verteufelt und verboten, begehrt und verehrt.

Den indigenen Völkern Mittelamerikas ist die „magische“ Potenz von Psilocybe & Co schon seit Jahrtausenden bekannt. Nach der Unterwerfung der Maya und deren Nachbarn durch die Spanier berichteten Missionare mehrfach über den indianischen Brauch, berauschende Pilze zu rituellen Zwecken zu verzehren. Eine verdammenswerte Sitte, denn schließlich glaubten die Ureinwohner so mit ihren heidnischen Göttern in Kontakt treten zu können. Das war natürlich Teufelswerk und gehörte verfolgt.

Die katholische Kirche leistete ganze Arbeit, der Kult um „Teonanacátl“, das „Göttliche Fleisch“, verschwand im Untergrund. Und vielleicht wäre er dort in Vergessenheit geraten, wenn nicht in den 1930er-Jahren zwei Ethnobotaniker dem nur noch vage bekannten Mythos um die magischen Pilze nachgegangen wären.

Blas Pablo Reko und Richard Evans Schultes besuchten die im südmexikanischen Hochland lebenden Mazateken und erfuhren, dass diese die Teonanacátl-Tradition weiter fortführten und sie sogar in den christlichen Glauben integriert hatten. Spätere Forschungen zeigten, dass mindestens 14 verschiedene Pilze in Mexiko zu rituellen Zwecken verzehrt werden. Dabei handelt es sich um Vertreter der Gattungen Psilocybe, Stropharia und Conocybe, allesamt aus der Familie der Strophariaceae.

Magic Mushrooms wachsen überall

„Psilos“ gibt es indes nicht nur in Mittelamerika. Weitere psilocybinhaltige Spezies sind in Ostasien, Australien und auch in Europa weit verbreitet. In Nordamerika hat sich die Westküste als eine wahre Fundgrube für Magic Mushrooms erwiesen. In unseren Breiten gedeiht der bereits erwähnte Spitzkegelige Kahlkopf sowie Panaeolus cinctulus. Man findet beide Arten auf natürlich gedüngtem Grasland, Erstere besonders auf Schafsweiden. P. cinctulus dagegen wächst bevorzugt auf Pferdemist.

Interessanterweise wurden die eurasischen Zauberpilze anscheinend nie zu rituellen Zwecken benutzt. Stattdessen kamen in mehreren Kulturen Fliegenpilze (Amanita muscaria) zum Einsatz. Sie werden heute noch von sibirischen Völkern als Droge verwendet. Psilocybe ist im österreichischen Volksmund zwar als „narrisches Schwammerl“ bekannt, erklärt der Pharmakologe Eckhard Beubler von der Universität Graz, doch dessen Verzehr sei früher wohl nur versehentlich geschehen. Als Rauschgift kamen die Kleinpilze erst vor gut 40 Jahren in Mode. Verkauf und Anbau sind in Österreich verboten.

Ihre weltweite Bekanntheit verdanken die Magic Mushrooms vor allem der Arbeit von Valentina und Gordon Wasson. Das Ehepaar nahm 1955 an einer mazatekischen Velada-Zeremonie teil. Gordon Wasson beschrieb seinen Geisteszustand nach Einnahme der Pilze als eine Form der absoluten Ekstase. Man habe ein Gefühl, als würde man durch eine Tür in die „göttliche Anwesenheit“ hineinschweben. Nach ihrer Rückkehr in die USA berichteten die Wassons in mehreren Zeitschriften über ihre Erlebnisse. Es war der Beginn eines neuen, eines westlichen und weitaus profaneren Pilzkults, der seinen Höhepunkt mit der Flower-Power der 68er erreichte.

Woher kommen die Visionen?

Dem Schweizer Chemiker Albert Hofmann, Entdecker des LSD, gelang 1958 die Isolierung des Hauptwirkstoffs Psilocybin sowie das nur in geringen Mengen vorhandene Psilocin. Aber damit waren Teonanacátls Geheimnisse noch lange nicht gelüftet.

Woher kommen etwa die entrückten Visionen und Gefühle, über die Psilocybin-Erfahrene immer wieder erzählen? Ihre Ursache liegt höchstwahrscheinlich in der Molekularstruktur des Wirkstoffs begründet. Sie ist der von Serotonin, einem wichtigen Neurohormon, sehr ähnlich. Inzwischen weiß man, dass Psilocybin an den Serotoninrezeptoren von Hirnzellen agiert. Anschließend werden vermutlich durch komplexe Wechselwirkungen Wahrnehmungsschwellen herabgesetzt und Filter deaktiviert (Trends in Pharmacological Sciences, Bd. 29, S. 445). Das Gehirn sehe sich plötzlich einer überwältigenden Informationsflut ausgesetzt. Der Mensch könne dadurch seine Gedanken nicht mehr kontrollieren, der „Trip“ nimmt seinen Lauf.

Die mystische Wirkung des Teonanacátl wurde erstmals 1962 wissenschaftlich untersucht (siehe Kolumne „Wahnwitzige Wissenschaft“, S. 6). Eine weiterführende Untersuchung wurde 2005 von einem Forschungsteam unter Leitung des Neurologen Roland Griffiths von der Johns Hopkins University in Baltimore durchgeführt. Es wurden 36 Menschen ausgewählt, die noch keine Erfahrung mit halluzinogenen Drogen hatten, aber regelmäßig an spirituellen Aktivitäten teilnahmen. Die Freiwilligen bekamen relativ hohe Dosen Psilocybin verabreicht und wurden anschließend acht Stunden lang von je zwei Helfern betreut.

So wie in der Untersuchung im Jahr 1962 machten die Testpersonen intensive mystische Erfahrungen. Viele hatten das Gefühl, als würde sich ihr Selbst auflösen und waren zeitweise verängstigt: „Die Erfahrung des Todes, was anfangs sehr unangenehm war, gefolgt von absolutem Frieden und Nähe zu Gott. Es war so überwältigend, bei Gott zu sein, dass diese Erfahrung nicht in Worte zu fassen ist“, gab ein Teilnehmer zu Protokoll.

Der durchweg als positiv empfundene psychedelische Rausch beeindruckte nachhaltig. Bei einer Befragung 14 Monate später wertete die Mehrheit den Versuch noch immer als eines der wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben und gab an, das Experiment habe ihr Lebensgefühl verbessert (Journal of Psychopharmacology, Bd. 22, S. 621).

Basis für Religiosität?

Für Roland Griffiths ist Psilocybin ein Werkzeug, um zu erforschen, wie spontane religiöse Visionen und Erweckungserlebnisse entstehen. „Solche Erfahrungen könnten die Basis der Weltreligionen zu sein“, mutmaßt der Experte im Gespräch mit heureka!

Tiere sprechen auf Psilocybin offenbar ganz anders an als der Homo sapiens. Es wäre daher denkbar, dass ein bestimmter einzigartiger Hirnmechanismus unserer Spezies religiöse Gefühle auslöst, was für eine sozial lebende Tierart durchaus ein Selektionsvorteil sein könnte, so Griffiths.

Von privaten psychedelischen Versuchen rät der Neurologe dringend ab. Unkontrollierte Einnahme von Psilocybin „kann sehr gefährlich und sehr zerstörerisch sein“. Vor allem für psychisch labile Personen. Panik und bedrohliche Reaktionen können auftreten, und diese Risiken dürfe man nicht unterschätzen. Ekhard Beubler berichtet von einem oststeirischen Jugendlichen, der nach Psilo-Konsum über die Straße torkelte und daraufhin in ein Spital eingeliefert wurde. Der junge Mann stieg aus dem Fenster und stürzte sieben Stockwerke hinunter in den Tod.

Gruselgeschichten über die Wirkung von Psilocybin erteilen beiden Experten gleichwohl eine Absage. „Es sind die Umstände, die bei den Halluzinogenen gefährlich sind“, sagt Beubler. Eine Psilocybin-Sucht gebe es nicht, die Pilze machen weder körperlich noch psychisch abhängig. Roland Griffiths beklagt die zahlreichen Hemmnisse bei der Erforschung der Magic Mushrooms. Ihre Wirkstoffe „bieten Einblick in viele Aspekte des menschlichen Erlebens“. Man sollte sie deshalb nicht dämonisieren.

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