Psychedelischer Schlüssel zum Wissen

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Der kanadische Anthropologe Jeremy Narby versucht den Brückenschlag zwischen Schamanismus und westlicher Wissenschaft.

Text: Oliver Hochadel

Der einzige Weg, es herauszufinden, ist, es auszuprobieren!“ Richard Evans Schultes (1915–2001) fand die halluzinogenen Mittel der Amazonas-Indianer viel zu verlockend, als dass er sie nicht selbst eingenommen hätte. Der US-amerikanische Forscher von der Harvard University gilt als Vater der Ethnobotanik, also jener Disziplin, die sich mit dem botanischen und pharmakologischen Wissen indigener Kulturen beschäftigt.

Bis in die 1940er-Jahre hatten die Ethnologen die Rituale und mitunter erstaunlichen Heilkräfte der Schamanen zwar interessiert beobachtet. Aber ein bitter schmeckendes Gebräu eines „Urwalddoktors“ zu sich zu nehmen stand im krassen Gegensatz zu ihrem Selbstverständnis als Wissenschaftler, als die sie selbstredend Distanz zu ihrem Untersuchungsgegenstand zu wahren hatten. Rausch und Halluzinationen sind ja wohl das genaue Gegenteil einer objektiven Untersuchung.

Genau vor diesem Problem stand auch der kanadische Anthropologe Jeremy Narby. Er verbrachte in den 1980er-Jahren zwei Jahre bei den Ashaninca im peruanischen Regenwald. In seiner Doktorarbeit zeigte er, wie sorgfältig die Indianer mit ihrer Umwelt und deren Ressourcen umgehen. Seine Erfahrung mit dem Halluzinogen Ayahuasca (siehe ganz rechts) verschwieg er wohlweislich in der Arbeit.

Er zieht in die Schweiz und arbeitet dort für die Entwicklungshilfeorganisation Nouvelle Planète. Erst in seinem Buch „Die kosmische Schlange“ (1995) berichtet er davon, wie Schamanen in Ayahuasca-Trance mit zwei farbenprächtigen, ineinander verschlungenen Schlangen in Kontakt träten, dem Quell aller Erkenntnis. So erkläre sich, wie die Eingeborenen ihr erstaunliches pharmakologisches Wissen erwarben, das immer wieder die Begehrlichkeiten der westlichen Pharmaindustrie weckt. Narby glaubt in der Doppelschlange sogar die Doppelhelix der DNA zu erkennen und stellte weitreichende Parallelen zwischen dem Wissen der Schamanen und moderner Molekularbiologie auf.

„Die kosmische Schlange“ entwickelte sich zu einem kleinen Bestseller. Das Buch wurde in zwölf Sprachen übersetzt und hat sich über 100.000-mal verkauft. Wissenschaftler schütteln freilich den Kopf. Manche ärgern sich gar, dass so ein „Unsinn“ derart viele Leser findet. Dabei versteht sich Narby als Brückenbauer zwischen zwei Formen des Erkennens. Er stört sich an dem Anspruch der westlichen Wissenschaft als einzigem Weg zu Wissen. Vielleicht lassen sich durch ein von Halluzinogenen erweitertes Bewusstsein ja sogar ungelöste Forschungsfragen angehen?

1999 begleitete er drei Biologen in den peruanischen Regenwald. Zwei der Forscher hatten in der Tat nach der Einnahme von Ayahuasca das Gefühl, mit einer unabhängigen Intelligenz zu kommunizieren. Der dritte räumte zumindest ein, dass sich durch diese Erfahrung Dinge für ihn geklärt hätten, schränkte aber ein: „Ayahuasca ist keine Abkürzung zum Nobelpreis.“ Nach der Rückkehr verschwiegen die Biologen aber ihre Erfahrung, aus Angst, sich lächerlich zu machen.

Weniger Skrupel hatte Scott Franzblau, ein führender Tuberkuloseforscher von der University of Illinois in Chicago. Er sei schon Professor, ihm gehe es nur darum, ein wirksames Mittel gegen jene Krankheit zu finden, die jährlich zwei Millionen Menschen tötet, sagte er Narby. Gemeinsam besuchten sie 2007 den Schamanen Guillermo Arévalo Valera. Er behauptet, bereits mehrere Tuberkulosekranke geheilt zu haben, und zwar mit der Pflanze „boa huasca“, dem „Wein der Boa“.

Auch Franzblau nahm Ayahuasca ein. Es sei einfach gewesen, sich über private Dinge klar zu werden, sagte er nachher. Aber sich während der Trance auf wissenschaftliche Fragen zu konzentrieren, sei doch eine arge Herausforderung gewesen. Franzblau nahm die der westlichen Botanik unbekannte Pflanze „boa huasca“ zurück zur Analyse mit in sein Labor. Ergebnisse hat er allerdings noch nicht publiziert.

Die Inkompatibilität von subjektiver, rauschhafter Erfahrung und harter wissenschaftlicher Methode sei nicht aufzulösen, sagt Narby. Aber ein Blick in die Geschichte der Wissenschaften zeige, dass viele entscheidende Durchbrüche und neue Einsichten in „defokalisierten“ Bewusstseinszuständen gelangen. Die gesamte kalifornische Computerindustrie sei ja von langhaarigen Freaks aufgebaut worden, die beim Tüfteln und Programmieren auch gerne bewusstseinserweiternde Drogen aller Art nutzten. Und auch in der Molekularbiologie gebe es Beispiele, etwa den bekennenden LSDler Kary Mullis, den Erfinder der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), die ihm 1993 den Chemienobelpreis einbrachte. Auch Nobelpreiskollege Francis Crick wurde immer wieder nachgesagt, er sei unter LSD-Einfluss auf die Doppelhelixgestalt der DNA gekommen.

Möglichkeiten, das Bewusstsein zu erweitern, gebe es viele, sagt Narby, da müsse jeder für sich das Richtige finden. Gleich ob Magic Mushrooms, Ayahuasca, LSD, Klarträume (also „bewusstes“ Träumen) – oder einfach nur ein Heureka-Moment beim Aufwachen um sechs Uhr morgens.

Ayahuasca (wörtlich: Ranke der Seelen in der Quechua-Sprache) wird durch das Verkocken der Dschungelliane Banisteriopisis caapi mit den Blättern der Psychotria viridis in einem mehrtägigen, von Ritualen begleiteten Prozess gewonnen. Die Psychotria-Blätter enthalten Dimethyltryptamin (DMT) und verursachen die Halluzinationen, die Liane enthält die nötigen MAO-Hemmer.

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