„Schwerste Krise“

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

Wer Drogen erforscht, probiert diese häufig selbst aus. Aber auch andere Wissenschaftler haben sich gern berauscht.

Text: Oliver Hochadel

Der junge Sigmund Freud (1856–1939) wusste, was gegen Niedergeschlagenheit hilft: „In meiner letzten Verstimmung hab ich wieder Coca genommen und mich mit einer Kleinigkeit wunderbar in die Höhe gehoben.“ Coca nennt man heute Kokain. In den 1880er-Jahren befand sich der studierte Mediziner Freud noch in seiner „harten“, naturwissenschaftlich-experimentellen Phase. So war er unter den Ersten, die die Wirkung von Kokain erforschten, und wohl der Erste, der dessen lokal betäubende Wirkung zeigen konnte.

Auch hegte man damals die Hoffnung, mithilfe von Kokain Morphiumsüchtige zu heilen. Freud gelang dies mit seinem Freund, dem Mediziner und Physiologen Ernst Fleischl von Marxow (1846–1891), nicht, dieser wurde stattdessen kokainabhängig. Freud verschwieg dies freilich in seinem Aufsatz „Über Coca“ (1884). Dies geht nur aus seiner privaten Korrespondenz hervor, aus der sich auch sein beträchtlicher und jahrelanger Kokainkonsum rekonstruieren lässt. Schließlich half „Coca“ laut Freud auch gegen Magenverstimmungen, Völlegefühl, körperliche und geistige Erschöpfung, ja selbst gegen Hypochondrie.

Ebenfalls auf der Suche nach einem Narkotikum war der englische Chemiker Humphry Davy (1778–1829). Er probierte erfolgreich – wie wir heute sagen – Distickstoffmonoxid (N20), besser bekannt unter dem Namen Lachgas. Wer es inhaliert, beginnt unkontrolliert zu lachen, Halluzinationen und Rauschzustände können sich einstellen, wie Davy im Selbstexperiment feststellte, wobei er sich beinahe vergiftete.

Lachgas wurde im 19. Jahrhundert schnell zu einer Art Partydroge der Oberschicht und einer populären Jahrmarktsattraktion. Immer wieder wird auch kolportiert, dass junge Naturwissenschaftler sich abends heimlich im Labor bedient haben. Das narkotische Potenzial von Lachgas, auf das Davy aufmerksam machen wollte, wurde erst im späteren 19. Jahrhundert wiedererkannt, bevor es dann im 20. Jahrhundert zum Standard wurde.

In Morphiums Armen

Davy machte seine erste große Entdeckung bereits mit 21 Jahren, als er einem Apotheker und Arzt in Bristol zur Hand ging und nebenbei experimentierte. Friedrich Sertürner (1783–1841) war ebenfalls zunächst Apothekerlehrling in Paderborn und quasi gleich alt wie Davy, als es ihm 1803/04 gelang, aus dem Grundstoff Opium mithilfe von Säuren und Laugen eine kristalline Substanz zu isolieren. Ein Alkaloid, wie die Chemiker sagen. Sertürner verfütterte sie seinen Hunden, worauf die Tiere einschliefen. Daraufhin taufte ihr Herrchen den Stoff Morphium nach Morpheus, dem griechischen Gott des Schlafes.

Auf den Haustierversuch folgte unweigerlich das Selbstexperiment. Neben sich selbst konnte Sertürner auch noch drei Freunde zur Einnahme bewegen. Sie schluckten fast 100 Milligramm des neuen Stoffes – und fanden sich schnell in Morpheus’ Armen. Sertürner selbst berichtete, dass er in einem „traumartigen Zustand“ dahindämmerte.

Morphium, oder wie wir heute sagen Morphin, wurde zu dem Schmerzmittel schlechthin. Mit den Namen der Wissenschaftler, die im 19. Jahrhundert meist aus medizinischen Gründen Morphin oder auch Opium nahmen, ließen sich viele Seiten füllen. Viele wurden in der Folge auch abhängig, wie etwa der bereits erwähnte Ernst Fleischl, der mit Morphin chronische Schmerzen in Folge einer Daumenamputation zu bekämpfen suchte.

Selbstversuche mit Betäubungs- und Schmerzmitteln waren in der Medizin lange Zeit üblich. In der Pharmakologie reichte diese Tradition gar bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bevor sie dann zumindest vom Mainstream der Forschung als unwissenschaftlich verdammt wurde. Ein Wissenschaftler dürfe keinesfalls die Kon-trolle über sich verlieren, seine Ergebnisse müssten auch für andere nachvollziehbar sein, was bei rauschhaften Erlebnissen gerade nicht möglich sei.

LSD im Selbstversuch

Die zentrale Figur für diese Entwicklung ist der Schweizer Biochemiker Albert Hofmann (1906–2008), der 1938 zum ersten Mal LSD synthetisierte. Einige Jahre später, am 19. April 1943, entschloss er sich zum Selbstversuch, da die Tierversuche nichts Verwertbares erbracht hatten.

Im Protokoll hielt er fest: „16:20 Einnahme der Substanz. 17:00 Beginnender Schwindel, Angstgefühl. Sehstörungen. Lähmungen, Lachreiz. Ergänzungen am 21. IV.: Mit Velo nach Hause. Von 18 – ca. 20 Uhr schwerste Krise. (...) Die letzten Worte konnte ich nur noch mit großer Mühe niederschreiben. (...) Ich konnte nur noch mit größter Anstrengung verständlich sprechen und bat meine Laborantin, die über den Selbstversuch orientiert war, mich nach Hause zu begleiten. Schon auf dem Heimweg mit dem Fahrrad (…) nahm mein Zustand bedrohliche Formen an. Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, mit dem Fahrrad nicht vom Fleck zu kommen. Indessen sagte mir später meine Assistentin, wir seien sehr schnell gefahren. Schließlich doch noch heil zuhause angelangt, war ich gerade noch fähig, meine Begleiterin zu bitten, unseren Hausarzt anzurufen (...) Die Nachbarsfrau (…) war nicht mehr Frau R., sondern eine bösartige, heimtückische Hexe mit einer farbigen Fratze etc., etc.“

Hofmann forschte in der Folge auch zu Wirkstoffen aus der Kräuterküche indigener Völker (etwa zu Psylocibin) und arbeitete etwa eng mit dem Ethnobotaniker Richard Evans Schultes (1915–2001) zusammen. Schultes und viele seiner Kollegen wollten es sich jedenfalls nicht verkneifen, Ayahuasca und andere halluzinogene Mittel südamerikanischer Schamanen selbst auszuprobieren (siehe S. 13).

Der Einfluss von LSD auf die westliche Gesellschaft war freilich ungleich größer. Gerade in den 1960ern wurde damit in den verschiedensten Kontexten experimentiert, sei es von Theologen in Harvard (siehe S. 6), sei es im Militär oder beim CIA. Als größter „LSD-Apostel“ gilt Timothy Leary (1920–1996), ursprünglich ein US-amerikanischer Psychologe, der sich ab Ende der 1950er ganz der „Erforschung“ psychedelischer Substanzen widmete, vornehmlich im Selbstversuch. Richtig eingesetzt könne LSD zu positiven Verhaltensänderungen führen und etwa die Rückfallrate von Kriminellen drastisch reduzieren, suchte Leary in Studien zu zeigen. 1963 wurde er von der Harvard University gefeuert und in der Folge mehrfach wegen Drogenbesitzes belangt und jahrelang inhaftiert. US-Präsident Nixon nannte Leary einmal den gefährlichsten Mann in Amerika.

Der kalifornische Biochemiker Kary Mullis (geb. 1944) entwickelte 1983 die Technik der Polymerasekettenreaktion (PCR), mit der DNA-Sequenzen vervielfältigt werden können. Damit revolutionierte er die Molekularbiologie. In einem Interview im Jahr 1997 antwortete Mullis auf die Frage, ob er auch ohne LSD die PCR erfunden hätte: „Ich weiß nicht. Ich bezweifle es. Ich bezweifle es ernsthaft.“ Dieses „Eingeständnis“ machte er freilich erst, nachdem er 1993 den Nobelpreis für Chemie erhalten hatte.

Kiffende Philosophen

Zu weichen Drogen riet Friedrich Nietzsche (1844–1900). „Wenn man von einem unerträglichen Druck loskommen will, so hat man Haschisch nötig“, so der deutsche Philosoph in „Ecce Homo“. Einen durchaus wissenschaftlichen Umgang mit dem Kraut pflegte der deutsche Literaturwissenschaftler und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892–1940), das er zwischen 1927 und 1934 recht häufig in Form von „kontrollierten Experimenten“ im Beisein von befreundeten Ärzten rauchte.

Die gebrauchte Menge wurde exakt notiert, auch seine Halluzinationen suchte Benjamin möglichst genau zu protokollieren, so etwa am 18. Dezember 1927: „Ofenröhre wird Katze. Beim Wort Ingwer ist anstelle des Schreibtisches plötzlich eine Fruchtbude da, in der [ich] sofort den Schreibtisch wiedererkenne.“ Oder: „Gefühl, [den Schriftsteller Edgar Allen] Poe jetzt besser zu verstehen. Die Eingangstore zu einer Welt des Grotesken schienen aufzugehen. Ich wollte nur nicht hereintreten.“

An anderer Stelle notierte Benjamin mit feiner Ironie, dass man mit Haschisch keineswegs zum Kern der Dinge vorstoße, sondern vielmehr tief in die Oberfläche selbst. Er sprach von einer „profanen Erleuchtung“. Benjamin sammelte Materialien zu einem Buch über Haschisch und plante auch ein Buch. In der ersten Gesamtausgabe seiner Texte ließen die Herausgeber seine Haschischschriften pikiert außen vor, ob der offensichtlichen Verwirrung der Geistesgröße.

Zu Benjamins Haschischfreunden gehörte mit Ernst Joël (1893–1929), der wohl wichtigste Drogenforscher der Weimarer Republik. Joël verfasste grundlegende Arbeiten zur Behandlung von Alkoholismus wie auch Kokain- und Morphinabhängigkeit – Abhängigkeiten, die er zum Teil aus eigener Erfahrung kannte. Und er fragte bereits 1926 in einem Aufsatz: „Ist der Anbau indischen Hanfs in Deutschland notwendig?“

High = kreativ und produktiv?

Für den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre (1905–1980) waren Drogen hingegen schlicht der Versuch, die hohe Produktivität seiner früheren Schaffensjahre beizubehalten. Vor allem Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre nahm er häufig Orthedrin (ein Amphetamin), mischte sich aus Aspirin und Amphetaminen das später verbotene Corydran und kombinierte gar noch Schlaftabletten mit bis zu einem Liter Wein pro Tag, vom Nikotin ganz zu schweigen.

Nach Meinung von Kritikern beförderte dieser Konsum nur die Quantität – Sartre schrieb am Tag bis zu 20 Seiten –, nicht die Qualität seiner Texte. Dafür stellten sich bald gesundheitliche Probleme ein, seit 1958 hatte er Bluthochdruck und litt mitunter an Delirien, Ohrensausen und Schwindelanfällen.

Einer der produktivsten Mathematiker aller Zeiten war der Ungar Paul Erdös (1913–1996). 1475 wissenschaftliche Artikel wurden gezählt. Erdös schlief täglich nur vier bis fünf Stunden und putschte sich mit Kaffee und dem Amphetamin Benzedrin auf.

1979 wettete sein Freund Ronald Graham um 500 US-Dollar mit ihm, dass er es nicht schaffen werde, 30 Tage ohne Aufputschmittel durchzuhalten. Erdös hielt durch, meinte aber, die Wette habe die Mathematik um einen Monat zurückgeworfen. Sein Kollege Alfréd Rényi sagte mit Blick auf Erdös’ Koffeinkonsum: „Ein Mathematiker ist eine Maschine, die Kaffee in Theoreme umwandelt.“

Einige seiner besten Ideen seien ihm beim Kiffen gekommen, behauptete auch Carl Sagan (1934–1996). Dass er langjähriger Marihuanakonsument gewesen war, wurde aber erst nach dem Tod des berühmten US-Astronomen und Wissenschaftspopularisierers bekannt.

Es geht auch ohne

Der US-amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman (1918–1988) hätte wohl gerne einmal Drogen ausprobiert, ließ aber die Finger davon – aus Angst, sein „Denkapparat“ könnte leiden. Ein Zusammentreffen mit dem US-amerikanischen Neurophysiologen und Psychoanalytiker John Lilly (1915–2001) bescherte ihm die Chance, sein Bewusstsein ohne Drogen zu erweitern. Anders übrigens als „Psychonaut“ Lilly selbst, der die Wirkungen von LSD und Ketamin vornehmlich im Selbstversuch erforschte. Dazu hatte er – übrigens gemeinsam mit Timothy Leary – sogenannte Isolationstanks („sense deprivation tank“) entwickelt, völlig abgeschottete Behälter mit Wasser auf Körpertemperatur.

In dieser großen Badewanne mit Dach verbrachte auch Feynman mehrmals zweieinhalb Stunden. Es schien ihm, als ob er den Ort seines Ichs verschieben könne, vom Gehirn in den Brustkorb und schließlich ganz außer sich. So konnte er den Rücken seines Kopfs sehen und sich sogar außerhalb des abgeschlossenen Tanks bewegen. Einmal glaubte Feynman, dass er das Problem, wie das Gehirn Erinnerungen speicherte, gelöst habe – bis es ihm dämmerte, dass er ja nur halluziniert hatte.

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