Mit Drogen heilen?

aus HEUREKA 4/09 vom 16.12.2009

LSD und Ecstasy waren ursprünglich für die Psychotherapie bestimmt – bald aber verboten.Nun wird wieder untersucht, ob die Substanzen bei psychischen Erkrankungen helfen können.

Text: Lena Stallmach

Psychotherapien gelten nicht als lebensgefährlich. Ende September jedoch sind in Berlin während einer Gruppentherapie zwei Menschen gestorben. Ein dritter musste ins Krankenhaus eingeliefert werden und lag mehrere Tage im Koma. Der behandelnde Psychiater hatte nämlich zu Therapiezwecken Drogen verabreicht.

Bei solchen psycholytischen, substanzunterstützten Therapien werden bewusstseinsverändernde Mittel wie LSD oder MDMA – besser bekannt als Ecstasy – eingesetzt. Diese Form der Anwendung war jahrelang verboten. Seit einiger Zeit wird sie aber wieder erforscht – unter anderem in der Schweiz, wo LSD auch erfunden wurde. Einer, der sich ganz besonders darum bemüht, ist der Psychiater Peter Gasser.

Der Präsident der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie sieht die Todesfälle in Berlin als tragischen Unfall. Wie es dazu kommen konnte, sei noch nicht geklärt. „Es geht aber das Gerücht um, dass der Psychiater einen Berechnungsfehler gemacht hat und den Leuten die zehnfache Dosis MDMA gegeben hat. Das kann tödlich sein“, sagt Gasser, der gerade selbst eine Studie mit LSD leitet.

In Österreich kein Thema

Hierzulande seien Drogen in der Psychotherapie überhaupt kein Thema, sagt Eva Mückstein, die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie. Die meisten Kollegen hätten nach dem Fall in Berlin sehr verwundert und entsetzt reagiert und erst einmal recherchiert, was psycholytische Therapie überhaupt sei. „Mir kommt das Ganze eher abwegig vor. Die psychotherapeutische Behandlung geht davon aus, dass Menschen sich ihren Problemen bewusst annähern und nicht unter dem Einfluss von Drogen. Gegen eine fundierte wissenschaftliche Erforschung ist grundsätzlich nichts einzuwenden, allerdings stellt sich die Frage der Forschungsmethodik und ob die Forschungsfragen schon auf das gewünschte Ergebnis hin abzielen“, so Mückstein.

Obwohl LSD und MDMA ursprünglich zur Verwendung in der Psychotherapie entwickelt wurden, ist dies seit dem weltweiten Verbot von LSD 1976 und von MDMA 1985 untersagt – anders als etwa bei Morphium, dessen medizinische Verwendung erlaubt ist.

In den 50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden zahlreiche Studien über LSD und das ähnlich wirkende Psilocybin, den Wirkstoff in den sogenannten Zauberpilzen, durchgeführt. Damals war LSD noch ein Medikament und wurde etwa unter dem Namen Delysid von der Firma Sandoz verkauft – zur Anwendung „in der analytischen Psychotherapie zur Förderung seelischer Entspannung durch Freisetzung verdrängten Materials“, wie im Beipackzettel stand.

Behandeln mit Sondergenehmigung

Psychiater wollten damit Einsichten in die Welt der Ideen und Wahrnehmungen von Psychiatriepatienten gewinnen. Die meisten frühen Studien wiesen jedoch methodische Mängel auf und entsprachen nicht den heutigen wissenschaftlichen Anforderungen. Sie geben aber Hinweise darauf, bei welchen Indikationen sich eine wissenschaftliche Erforschung lohnen könnte – dazu gehören im Fall von LSD Zwangsstörungen, Alkoholabhängigkeit oder Angst bei körperlich schwerkranken Patienten.

Im Fall von Ecstasy deuten Untersuchungen daraufhin, dass es bei posttraumatischen Belastungs- und Angststörungen helfen könnte. In der Schweiz machte man bei diesen Indikationen von 1988 bis 1993 gute Erfahrungen, wie der Psychiater Peter Oehen in seinem Buch „Therapie mit psychoaktiven Substanzen“ schreibt.

Oehen leitet zurzeit eine Studie mit MDMA an zwölf Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), bei denen andere Therapieversuche erfolglos blieben. MDMA soll helfen, unterdrückte Gefühle zugänglich zu machen. Nach jeder MDMA-Sitzung – insgesamt sind es zwei bis drei – wird das Erlebte in den regulären Therapiesitzungen verarbeitet. Mit Fragebögen zur subjektiven Bewertung und zur Erhebung der PTBS-Symptome wird die Wirksamkeit der Behandlung im Vergleich zu einer Gruppe, die eine kaum spürbare Dosis MDMA erhält, überprüft. Da die Studie noch läuft, sind erst wenige Daten ausgewertet. Die Ergebnisse seien vielversprechend, sagt Oehen, aber nicht so gut wie jene von Michael Mithoefer, einem US-Psychiater in South Carolina.

Mithoefer hat seine Studie mit 21 Probanden bereits abgeschlossen und präsentierte die Ergebnisse im Juni dieses Jahres bei einem Vortrag am Royal College of Psychiatrists in Liverpool. Die 13 mit MDMA behandelten Patienten zeigten zwei Monate nach Abschluss der Therapie im Vergleich zur Placebogruppe eine deutliche Verbesserung der Symptome. Die Anzahl der Probanden ist aber zu gering für einen fundierten Nachweis der Wirksamkeit. Weitere Pilotstudien laufen jedoch in Israel, Kanada und Jordanien an.

Heilen mit Halluzinationen?

Auch LSD und Psilocybin werden zurzeit in solchen Pilotstudien untersucht – zur Behandlung von Angst bei körperlich schwerkranken Patienten. Eine neue Studie zur Behandlung von schwerkranken Patienten mit Psilocybin in den USA ist bereits abgeschlossen, zwei weitere laufen gerade an. In der Studie von Peter Gasser haben bisher erst zwei Personen LSD erhalten. Sie hätten es beide als hilfreich empfunden, so der Schweizer Psychiater. Das habe wissenschaftlich natürlich noch keine Bedeutung. Wichtig sei aber, dass es zu keinen Zwischenfällen gekommen sei.

„Ein Bedenken der Ethikkommission war, dass jemand einen Horrortrip haben könnte. Dieses Risiko ist im therapeutischen Rahmen äußerst gering. Denn dort kann der Therapeut in Gesprächen negative Emotionen auffangen“, glaubt Gasser. Seine Vision ist, dass LSD eine verschreibungspflichtige Substanz im therapeutischen Rahmen wird, angewendet von speziell ausgebildeten Therapeuten. Diese müssten regelmäßig überprüft werden.

Theodor Itten, Präsident des Schweizer Psychotherapeuten-Verbands, begrüßt die Erforschung dieser Therapieform und sagt, dass ein Großteil der Berufskollegen in der Schweiz seine Meinung teilt. Ob LSD oder MDMA aber jemals von der Gesellschaft als therapeutische Mittel akzeptiert werden, selbst wenn ihre Sicherheit und Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist, vermag auch Peter Gasser nicht zu sagen. „Der Fall in Berlin hat gezeigt, dass die öffentliche Meinung kritisch ablehnend ist. Und es braucht enorm viel Energie, die Forschung auch nur in einem ganz kleinen Rahmen weiterzuführen.“

Risiken und Nebenwirkungen

Das gesundheitliche Risiko von LSD und MDMA wird im klinischen Rahmen als äußerst gering eingeschätzt, ebenso eine körperliche oder psychische Abhängigkeit.

Psychische Nebenwirkungen können Angstgefühle oder rasche Stimmungswechsel sein, was eine kompetente Begleitung erfordert. Bei psychotischen Menschen kann es den Zustand jedoch verschlimmern. Sie sind deshalb von den Studien ausgeschlossen. MDMA wird zwar eine schädigende Wirkung auf das Gehirn nachgesagt, was aber nicht eindeutig bewiesen ist.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige